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Unterschiedliche Holzbauweisen und -systeme in der Praxis

Abstract und Vortrag: Tom Kaden

Modul I, Do., 6. September 2018, Einführung (Status quo mehrgeschossiger Holzbau)

Tom Kaden ist seit 25 Jahren ausschließlich im Holzbau tätig. Er ist Holzbauexperte für den urbanen Holzbau und führt in Berlin mit seinem Partner das Architekturbüro Kaden + Lager. Seit Herbst 2017 ist er an der TU Graz Inhaber der Stiftungsprofessur für Architektur und Holzbau. Hier gibt er einen Überblick über die gängigen Bauweisen im mehrgeschossigen Holzbau und zeigt anhand seiner eigenen Bauten und Projekte, welche Bauweise er wo anwendet und welche Erfahrung er damit gemacht hat.

Dietmar Steiner schrieb in arch+, dass es heute nicht mehr darum geht, ikonische Architektur zu machen, sondern darum, den kleinsten ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, der beim Bauen möglich ist. Das stimmt. Wir sollten auch nicht mehr von Klimaerwärmung, sondern von Klimaerhitzung reden. Die Bauindustrie ist für 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Nur wir als Holzbauer haben die Möglichkeit einer Kreislaufwirtschaft. Das Wort nachhaltig wird schon viel zu häufig gebraucht, die einzigen, die den Begriff für sich in Anspruch nehmen können, sind wir. Egal für welche Bauaufgabe, ob Solitär, Anbau, Baulücke, Implantat, Aufstockung oder Sanierung, der Holzbau bietet für den städtischen Bereich eine Menge Lösungsmöglichkeiten. Es gibt unendlich viele Holzbausysteme. Das ist auch ein Problem, wenn man über Kosten und systemisches Bauen spricht.
Heute sind diese vier Bauweisen gängig:

  • Tafelbau
  • Skelettbau
  • Holzmassivbau
  • Hybridbau

Hybridbau ergibt ab vier bis fünf Geschossen Sinn. Alle unsere Bauten haben bis zu 95 Prozent Holzanteil.
Im Folgenden will ich nun anhand von unseren Bauten zeigen, welches Holzbausystem wir wo eingesetzt haben:

Tafelbau

  • Tafelbau mit Filigrandecken (sw40 in Berlin)
  • Tafelbau mit Ortbetondecken, verlorener Schalung und Stahlstützen (b26 und b27 in Berlin)
    Hier gerät die Holztafelbauweise an ihre Grenzen, deshalb brauchten wir auch die Stahlträger. Bis zu vier, höchstens sechs Geschosse hat die Holztafelbauweise Sinn, darüber sollte man in anderen Bauweisen bauen.
  • Tafelbau mit HBV-Decken (b18 in Berlin)
    Mit Holz-Beton-Verbunddecken arbeiten wir sehr gerne. Beim Passivhaus b18 haben wir den Holztafelbau direkt auf den Keller gestellt.
  • Tafelbau mit aussteifenden Brettsperrholz-Innenwänden und HBV-Decken aus Buchenfurniersperrholz (p1 in Berlin, Haus für eine Baugruppe mit 52 Familien)
    In dem Haus für eine Baugruppe gibt es 52 unterschiedliche Grundrisse, was zu einer gnadenlosen Individualisierung führte. Bei diesem Projekt haben wir erstmals mit Buchenfurniersperrholz gearbeitet: Die Deckenstärke beträgt bei Fichtenbrettsperrholz von 12 bis 14 cm, bei Buchenfurniersperrholz nur 6 cm. So kann man gerade in der Stadt, wo eine nur begrenzte Traufenhöhe zur Verfügung steht, Höhe einsparen. Die Buche muss man allerdings während der Bauphase sehr gut vor Feuchtigkeit schützen.

Skelettbau

  • Skelettbau mit Brettstapelausfachung und HBV-Decken aus Brettstapelelementen (e3 in Berlin)
    Der Rohbau war in acht Wochen fertig. Hier sieht man den hybriden Ansatz auch im Innenraum.

Holzmassivbau

  • Brettsperrholzwände (Vorderhaus), Tafelbau (Hinterhaus) (c13 in Berlin)
    Bei diesem Bauprojekt haben wir erstmals HBV-Decken aus Brettsperrholz eingesetzt. Trotz einer sehr dichten urbanen Situation ist es uns gelungen, dem Gebäude von drei Seiten Licht zu gewähren. In diesem Gebäude sind viele Funktionen zusammengefasst, es ist eine kleine Stadt in dieser Fuge entstanden, auf einem gerade mal 25 Meter breiten Grundstück. Der Holzanteil am primären Tragwerk beträgt 80 bis 95 Prozent.
  • Holzstützen, Brettsperrholzwände, Ortbetondecken (iba_2013 in Hamburg)
    Das Wohnhaus für die IBA in Hamburg ist ein Skelettbau. Jedes unserer Projekte hat eine andere Mischung. Wir versuchen zunehmend, das Material nicht nur an den Decken sichtbar zu machen, hier sind auch die Holzstützen sichtbar. Der Außenwandaufbau ist sehr reduziert, es gibt nur drei Schichten: Putz, Dämmung und Brettsperrholz.
  • Dachaufstockung mit Brettsperrholz (k145 in Berlin)
    Hier setzen wir auf den Bestand eine Konstruktion aus Brettsperrholz drauf. Der Dachaufbau ist gerade im Entstehen.
  • Brettsperrholzwände und Brettsperrholzdecken (tzw Hafencity in Hamburg)
    Das ist ein Beispiel für eine Baugruppe in der Hafencity in Hamburg, bei der wir nur einen geringen hybriden Anteil haben. Die Bauherren wollten keine Mischwerkstoffe, alles ist geschraubt bzw. geschüttet. Die Fassade ist eine hinterlüftete Keramikfassade, nur die ersten beiden Geschosse sind Stahlbeton, darüber erhebt sich ein einfache Holzbauweise.
  • Holzstützen, Brettsperrholzwände, Brettsperrholzdecken (j1 in Heilbronn, Hochhaus)
    Das j1 ist ein zehngeschossiger Wohnbau, der im April 2019 fertiggestellt wird. Er ist für eine Wohnungsbaugesellschaft. Das finde ich sehr gut, weil hier der Holzbau endlich auch in einer klassischen Alltagsbauaufgabe zum Einsatz kommt. Man findet hier Stahlbeton nur im Treppenhaus und beim Aufzugsschacht, ansonsten ist es eine reine Holzbaukonstruktion aus Brettsperrholz mit komplett trockenen Aufbauten. Wir waren am Anfang in Bezug auf den Schallschutz skeptisch und haben dann Testaufbauten gemacht, um sicherzugehen, dass der geforderte Schallschutz erreicht wird. Bei vielen Projekten arbeiten wir mit Ortbeton, in Heilbronn nun mit trockenen Aufbauten. Was ist einfacher? Mit Trockensystemen sind wir schneller und ungefährlicher unterwegs. Eine Variante ist, dass man den Aufbeton schon in der Halle auf die Holzdecken aufbringt, die Decke also vorfertigt. Wenn wir mit vorgefertigten HBV-Decken auf die Baustelle kommen, dann sparen wir Zeit und gewinnen Qualität. Dann gibt es auch keine Feuchtigkeit auf der Baustelle, was man ja generell vermeiden will.

Kostenfaktor

Wir stehen bei vielen Wettbewerben in Konkurrenz zu massiven Bauweisen, wobei die Kosten für den Holzbau oft 2 bis 4,5 Prozent höher sind. Aber wenn wir über Qualität sprechen und die kürzere Bauzeit, die sich durch den höheren Vorfertigungsgrad ergibt, dann bringt das auch ökonomische Vorteile mit sich. Das merken jetzt auch viele Investoren. Hinzu kommen noch die schlankeren Wandaufbauten. Wenn man diese Kriterien übereinanderlegt, ist man auf jeden Fall günstiger. Aber ich frage auch immer: Müssen wir überhaupt günstiger sein? Wir bauen schließlich mit einem hochwertigen Baustoff, in hoher Qualität.

Tom Kaden

ist Berliner Pionier für mehrgeschossigen Holzbau im urbanen Kontext. Mit seinem im Jahr 2008 realisierten siebengeschossigen Wohnhaus in Berlin verwirklichte er das damals höchste Holzhaus Europas. Zu der Zeit noch in der Bürogemeinschaft Kaden Klingbeil, arbeitet er heute gemeinsam mit Markus Lager in der Gemeinschaft Kaden+Lager. Im Bau befindet sich derzeit ein Wohnhochhaus in Heilbronn.
www.kadenundlager.de
www.iat.tugraz.at

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