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Ausführung und Umsetzung anhand gebauter Beispiele: WHA Wagramer Straße

Abstract und Vortrag: Michael Schluder und Paul Track

Modul V, Do., 25. Oktober 2018, Schallschutz

Architekt Michael Schluder und Bauphysiker Paul Track stellen gemeinsam den siebengeschossigen Wohnbau Wagramer Straße in Wien vor, wobei sie hier vor allem auf schallschutztechnische Planung und Besonderheiten eingehen. Sie zeigen, warum eine integrale Planung auch beim Schallschutz erforderlich ist.

Architektur

Den Bauträgerwettbewerb zur Wohnanlage in der Wagramer Straße gewannen wir zusammen mit Hagmüller Architekten. Das Grundstück liegt im Südosten direkt an der Wagramer Straße, einer stark befahrenen Durchzugsstraße. An der Wagramer Straße positionierten wir den hohen, siebengeschossigen Riegel, dahinter eine dreigeschossige, kleinteiligere Struktur (ausgeführt von Hagmüller Architekten). Die Auflagen für den Siebengeschosser waren damals mit der OIB 2007 viel höher als heute. Die OIB wurde inzwischen zwei Mal überarbeitet, was große Erleichterungen vor allem im Brandschutz mit sich brachte. Der Keller, die Stiegenhäuser und das Erdgeschoss sowie die Decke über dem Erdgeschoss sind aus Stahlbeton, der Rest ist als Holzmassivbau errichtet worden.

Schallschutz

Eine der Herausforderungen am Standort Wagramer Straße/Eipeldauer Straße war der Außenlärmpegel am Tag mit 70 dB und in der Nacht mit 60 dB. Deshalb wurden auch detaillierte bauteilbezogene Pegel simuliert und die Anforderungen auf Basis der ÖNORM B 8115 bestimmt. Nachdem zur Straße hin eine geschlossene Fassade vorgegeben war, sahen wir Veranden als Pufferzone vor, um die Schallschutzanforderungen der Außenbauteile abmindern zu können. In die geschlossenen Veranden wurden Schalldämmlüfter integriert, die Verandadecken wurden in Stahlbeton ausgeführt, um einen Brandüberschlag zu verhindern, und an die Decken Tiefenabsorber abgehängt, um ein Dröhnen von der Straße zu verhindern. Die Stiegenhäuser sind zur Wagramer Straße hin orientiert und haben Fenster ohne Anforderungen.
Der Brandschutz für den Siebengeschosser erforderte eine gekapselte Bauweise. Alle Bauteile mussten, im Gegensatz zu den heutigen Richtlinien, doppelt beplankt werden. Hier gab es – aufgrund der höheren Masse – Synergien zwischen Schallschutz und Brandschutz, die wir in der Planung nutzten.

Außenwand

Architektur

Die ursprünglich geplante hinterlüftete Fassade kam aufgrund höherer Kosten von 80 Euro/m2 nicht zur Anwendung. Der Aufbau der Außenwand von außen nach innen sieht wie folgt aus:

  • Vollwärmeschutz
  • Brettsperrholzwand
  • doppelte Gipskartonbeplankung
  • Installationsebene/Vorsatzschale

Schallschutz

Die Grundlage für die Berechnung bildete ein dataholz-Aufbau, doch musste der Aufbau mit doppelter Gipskartonbeplankung, den wir realisieren wollten, erst von einem Bauphysiker berechnet werden. Der Bauphysiker kann an den folgenden Parametern Änderungen vornehmen:

  • Fassadensystem – eine hinterlüftete Fassade ist üblicherweise besser zu bewerten als eine Fassade mit Vollwärmeschutz. Speziell ein Vollwärmeschutz auf Brettsperrholz ist schalltechnisch kritisch zu betrachten.
  • Dämmung – hier sind die dynamische Steifigkeit, die Rohdichte und der Strömungswiderstand wichtige Planungsparameter.
  • Körpermasse – hier geht es meist um die konstruktive Ebene des Wandbildners. Bei Stahlbeton ist dies kein Problem, weil hier schon viel Masse vorhanden ist. Im Holzmassivbau kann man durch zusätzliche Plattenlagen aus Gipskarton oder Gipsfaserplatten die Masse erhöhen.
  • Vorsatzschalen sind für den Schallschutz sehr günstig. Da oft Sichtholzoberflächen gewünscht sind, können Vorsatzschalen aber nicht immer angewandt werden. Dies ist oft eine Frage der architektonischen Gestaltung.

Besonders wichtig ist die integrale Planung im Holzbau, die Zusammenarbeit von Architekt, Statiker und Bauphysiker. Hierbei müssen die Schnittstellen gut koordiniert werden und der gemeinsame Planungsprozess muss bereits frühzeitig beginnen.

Decken

Architektur

Der Aufbau der Decken sieht wie folgt aus:

  • Bodenbelag
  • Estrich
  • Trittschalldämmung
  • Schüttung
  • Holz-Beton-Verbund

Die Holz-Beton-Verbunddecken wurden als Durchlaufträger konzipiert, um eine Querschnittsreduktion zu ermöglichen. Damit verbunden ist ein entsprechende Detailausführung. Elastomerauflager reduzieren die Schallübertragung, zugleich ist eine Übertragung von Kräften über die Wände sichergestellt. Auch hier ist es wichtig, dass eine integrale Planung stattfindet und alle Fachplaner zusammenarbeiten. Die Betonschicht für die Holz-Beton-Verbunddecke wurde vor Ort betoniert und nicht, wie ursprünglich geplant, als Fertigteil zur Anwendung gebracht.

Schallschutz

Bei Trenndecken sind Luftschall und Trittschall nachzuweisen. Damals waren für Holz-Beton-Verbunddecken mit Massivholz keine Kennwerte vorhanden, weshalb wir den Aufbau zusätzlich mit einer schweren Schüttung dimensionierten. Bei Trenndecken sind die Flankenübertragung und das Raumvolumen des Empfangsraums zu berücksichtigen. Um die Anforderungen bei allen Räumen erfüllen zu können, berechneten wir den kleinsten Raum als Referenzraum für die Dimensionierung. Massivholzdecken, Balkendecken und Holz-Beton-Verbunddecken sind vom Schallschutz her genau zu dimensionieren, auch Rippendecken mit einem Aufbeton kommen als Alternative zur Anwendung. Abgehängte Decken sind schalltechnisch günstig, werden aber durch andere Maßnahmen kompensiert, wenn Sichtholzqualität gewünscht ist.

Wohnungstrennwand

Architektur

In dem Projekt wurden 101 Wohneinheiten errichtet, davon siebzig im siebengeschossigen Riegel.

Schallschutz

Für die Schallschutzberechnung verwendeten wir Daten von binderholz. Wichtig dabei ist, dass die Vorsatzschalen richtig ausgeführt sind. Sie müssen frei stehend und biegeweich sein und es darf durch Leitungsdurchführungen keine Schwächung entstehen. Alternativ können, um eine durchgehende Entkoppelung zu erreichen, Doppelständer oder zwei voneinander getrennte Brettsperrholzwände verwendet werden. Dabei muss immer die Frage berücksichtigt werden, wie der Aufbau und etwaige Entkoppelungen in das statische System eingreifen.
Das übergreifende Thema für alle Bauteile ist die Flankenübertragung: Es gibt verschiedene Übertragungswege. Bei der Wohnhausanlage Wagramer Straße lösten wir die Flankenübertragung mithilfe von Vorsatzschalen und abgehängten Decken. Um auch bei den Innenwänden die Flankenübertragung in den Griff zu bekommen, verlegten wir durchgängige Elastomerlager. Zu beachten ist, dass beim Schallschutz immer das schwächste Glied dominant ist.

Detail Übergang Stiegenhaus/Holzbau

Architektur

Zwischen dem Stiegenhaus und dem angrenzenden Holzbau haben wir immer eine Fuge gelassen.

Schallschutz

Die schalltechnische Trennung ist durch die Fuge klar gelöst.

Ausblick

Was ist heute im Holzbau möglich? Beim HoHo zum Beispiel, dem Holzhochhaus in Wien, kommen Holz-Beton-Verbunddecken in Sichtholzqualität und Sichtholzstützen zum Einsatz. Die vorgehängte Fassade ist aus Brettsperrholz in Sichtqualität. Dafür waren viele Versuche zu Brandschutz und Trittschall über Luftschall bis hin zur Fassadendichtheit nötig.

Michael Schluder

ist Architekt in Wien mit eigenem Architekturbüro. Die Wohnanlage in der Wagramer Straße, die als geförderter Wohnbau mit dem Bauträger Sozialbau AG errichtet wurde, war das erste siebengeschossige Holzwohnhaus in Wien. An das Projekt angeschlossen war der Dreigeschosser von Hagmüller Architekten. Michael Schluder war zudem am Forschungsprojekt 8+ beteiligt, bei dem es um die Entwicklung eines Hochhaustypus aus Holz mit mehr als acht Geschossen ging. www.architecture.at

Paul Track

ist Bauingenieur, Prokurist und Leiter der Abteilung Bauphysik bei der Woschitz Group, die für die Tragwerksplanung und Bauphysik bei der Wohnhausanlage Wagramer Straße verantwortlich war. www.woschitzgroup.com

Weiterführende Links

Richtlinien und Rechtsvorschriften

ÖNORM B 8115-4: 2003
Schallschutz und Raumakustik im Hochbau – Teil 4: Maßnahmen zur Erfüllung der schalltechnischen Anforderungen

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