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Carl von Carlowitz und die Erfindung der Nachhaltigkeit

Gudrun Hausegger

Auf der Leipziger Buchmesse 2013 wurde ein Buch vorgestellt, das bereits seit 300 Jahren seine Spuren weltweit hinterlässt: Die Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Der dicke Folioband erschien 1713 auf der Leipziger Ostermesse. Sein Autor ist Johann Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann des sächsischen Oberbergamts in der Silberstadt Freiberg am Fuße des Erzgebirges.

Die Sylvicultura oeconomica gilt als das erste forstwissenschaftliche Werk. Carl von Carlowitz postuliert darin erstmals eine vernünftige Nutzung der Wälder und fordert, dass immer nur soviel Holz geschlagen werden sollte, wie durch nachfolgende Aufforstung nachwachsen könne. Im Originallaut liest sich die zentrale Stelle mit dem Wort „nachhaltend“ darin wie folgt:

„Wird derhalben die größte Kunst/Wissenschaft/Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen/wie einst sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen/daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe/weiln es eine unentbehrliche Sache ist/ohne welche das Land in seinem Esse [Wesen] nicht bleiben mag.“

Rohstoffkrise in Europa: Nichts Neues!
Was brachte Johann Carl von Carlowitz dazu, den Schutz des Waldes zu seinem Thema zu machen? „Nachzuhören“ ist das auf der Internetplattform „forstcast.net – Waldwissen zum Hören“, die das Jahr der Nachhaltigkeit in origineller Weise zum Anlass nahm, den altehrwürdigen Herren zu einem Interview zu bitten ... Der betagte Adelige erklärt diesen Umstand mit seinen ausgedehnten Reisen durch Europa (die sogenannte Kavalierstour, die für Söhne des Adels verpflichtend war), die ihn gelehrt haben, dass Holz im 17. Jahrhundert ein sehr knapper Rohstoff war. Wie man sieht, Rohstoffkrisen sind kein Phänomen, die uns erst das 20. oder 21. Jahrhundert bescherte. Als Oberbergmann lag später auch die Holzversorgung im Bergbau in seiner Zuständigkeit. „Und so sann ich darüber nach, wie eine akute Energie- und Rohstoffkrise dauerhaft zu bewältigen sei,“ meint von Carlowitz mit sonorer Stimme.

Holz war damals nicht nur wichtiges Baumaterial, sondern stellte vor allem den primären Energieträger dar. In seiner Funktion als Oberberghauptmann unterstanden von Carlowitz im Montanrevier der Stadt Freiberg zahlreiche Erzbergwerke und Schmelzhütten, die allesamt mit Holz betrieben wurden. Nicht nur das, die Gruben wurden mit Holz ausgebaut und der Abbau des Erzes erfolgte mit der alten Technik des Feuersetzens (Das Einwirken von Hitze macht Gestein spröde, sodass es nachfolgend mit Keilhauen oder Schlägel abgelöst werden konnte). Um diese Werke am Laufen zu halten, war der Waldbestand bereits über Jahrhunderte hinweg rücksichtslos gerodet worden, sodass um 1700 akuter Holzmangel den Abbau und somit die Existenzgrundlage der gesamten Region bedrohte. Dies hat Carl von Carlowitz erkannt und dagegen trat er an.

Skepsis gegenüber dem „Erfinder der Nachhaltigkeit“
Doch wie so oft folgt den Leistungen von Wegbereitern die Skepsis anderer auf dem Fuß. Im Fall von Carlowitz streitet man ihm die Erfindung des Begriffes nachhaltig ab, da eine derartige Zuschreibung die Entwicklungen davor und danach nicht berücksichtige. Außerdem, verwendete er in seinem Buch bloß das Wort nachhaltend, die erstmalige Verwendung von nachhaltig passierte, zwar noch im selben Jahrhundert, aber immerhin nahezu 20 Jahre später im Jahre 1732.[www.nachhaltigkeit.info]

Humanistischer Weitblick
Das Bemerkenswerte ist in jedem Fall, dass von Carlowitz mit humanistischem Weitblick dem Schutz des Waldes umfassend begegnete: Wirtschaftliche Interessen der Forst- und Holzwirtschaft müssen stets im Interesse des Gemeinwohls stehen. Kurzfristiges Denken sei unangebracht, die gesellschaftlichen Funktionen des Waldes seien auch für künftige Generationen sicherzustellen. Diesen Anspruch findet man 1987 – also 274 Jahre später – niedergeschrieben im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. In diesem Punkt besteht kein Zweifel an seiner Vorreiterrolle. Wie meint der alte Herr so überzeugend in seinem Interview: „Das Schöne an Nachhaltigkeit ist, dass sie nicht nur dem Wald nützt, sie befähigt auch, den Wald kontinuierlich zu erhalten, damit er zukünftigen Generationen zur Bewirtschaftung und Erholung dienlich sei.“

Die Sächsische Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft
Vorgestellt wird der Reprint der Sylvicultura oeconomica auf der Leipziger Buchmesse von der „Sächsischen Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft“.[www.carlowitz-gesellschaft.de] 2011 in Chemnitz, dem Geburtstort von Carl von Carlowitz, gegründet, kümmert sich die Gesellschaft um das Carlowitz’sche Erbe sowie um die Förderung des Leitbildes und der Ethik der Nachhaltigkeit.

Zum 300. Jahrestag der Veröffentlichung des Buches Sylvicultura oeconomica hat sich die Gesellschaft noch so einiges einfallen lassen, wie z. B. die Herausgabe einer Publikation, die das Werk Carlowitz`s auf 240 Seiten umfassend kontextualisiert und von seinem Gedankengut eine Brücke ins 21. Jahrhundert schlägt: Die Erfindung der Nachhaltigkeit – Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz (oekom verlag München, 2013). Denn nicht genug kann die Leistung Carl von Carlowitz gewürdigt werden, der mit seinem praktischen Gedankengang die handfesten ökonomischen Vorteile einer nachhaltigen Nutzung der Forste mit so großem Weitblick propagierte.

Hans Carl von Carlowitz hat als erster davon gesprochen, dass der Wald nachhaltig zu bewirtschaften sei – und zwar vor 300 Jahren.