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Nachhaltigkeit im Wandel

Gudrun Hausegger
Grafik Wald mit Nadelbaum

300 Jahre ist es dieses Jahr her, dass der Sachse Hans Carl von Carlowitz die Grundidee der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft einführte. Den Anlass bot ein Versorgungsengpass in der Holzwirtschaft des sächsischen Berg- und Hüttenwesens, das in der Zuständigkeit des Oberberghauptmanns Carlowitz lag.

Seine weltweite Verbreitung erfuhr der Begriff erst weitaus später durch den Brundtland-Bericht 1987 der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. „Nachhaltig“ wird darin folgendermaßen definiert: 

„Unter nachhaltiger Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generationen entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“[1]

Nachfolgend begannen sich unter dem inflationären Schlagwort "Nachhaltigkeit" oft schwer nachvollziehbare Qualitätsbezeichnungen zu verbergen, sodass der Begriff kontinuierlich an Spannkraft verlor. In der Fachwelt sprach man ob seiner Beliebtheit und willkürlichen Verwendung bald von „Breitbandbegriff“ oder „Containerbegriff“.[2]

Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit

Im Bausektor trat man mit Regelwerken gegen diese inhaltlichen Unschärfen an. Vor allem mit den ersten Zertifizierungssystemen und Gütesiegel seit den 1990er Jahren nahmen die Inhalte des Begriffs wieder exakte Konturen an. Um auf die neuen Anforderungen der gesellschaftlichen Entwicklungen zeitgemäß und dauerhaft reagieren zu können, ging diese Konkretisierung mit einer inhaltlichen Erweiterung einher. So ist in der EU seit dem Vertrag von Amsterdam 1997 das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung maßgebend. Es umfasst ökonomische, ökologische sowie soziokulturelle Dimensionen, die allesamt gleichrangig beachtet werden müssen.[3]

Ausschlaggebend für das Drei-Säulen-Modell ist der Grundgedanke, die an ein Bauwerk gestellten Nachhaltigkeitskriterien nicht allein auf die Phase der Errichtung zu beschränken, sondern in ganzheitlicher Sicht den gesamten Lebenszyklus zu betrachten und ebenso die Nutzungs- und End-of-Life-Phase miteinzuschließen: „Von der Wiege bis zur Bahre“ (engl. „from cradle to grave“) nennt man diesen Ansatz. Dies betrifft vor allem die ökologische Dimension, die das Naturkapital bewahren will und die Erhaltung der Ökosysteme sowie eine effiziente Nutzung der Ressourcen anstrebt. In der Forstwirtschaft zum Beispiel lebt die Nachhaltigkeit bereits seit 300 Jahren, das bedeutet, dass nicht mehr Holz genutzt wird, als zuwächst. Das räumt dem Baustoff Holz im Rahmen des Nachhaltigkeitsgedankens auch seine besonders wertvolle Stellung ein.

Ebenso zielt die ökonomische Dimension auf eine effiziente Nutzung der Ressourcen ab, wie auch auf niedere Betriebskosten oder Sicherheit. Wesentlich an diesem Modell ist die Erweiterung um die soziokulturelle Dimension. Aspekte wie Gesundheit, Behaglichkeit oder Sicherheit bis hin zur Versorgung mit Infrastruktur rücken so in den Vordergrund.

Globale Verbreitung des Nachhaltigkeitsgedankens

Ein Meilenstein in der nachhaltigen Entwicklung weltweit war die „Konferenz für Umwelt und Entwicklung“ der Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro. Eines ihrer zentralen Ergebnisse war das umweltpolitische Aktionsprogramm „Agenda 21“, ein Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklung, zu dem sich 178 Staaten verpflichteten.

Es folgten 2002 in Johannesburg und 2012 in Rio de Janeiro weitere UN-Konferenzen für Umwelt und Entwicklung. Im Verbund mit den jährlich stattfindenden Klimakonferenzen (Folge der Konferenz 1997 in Kyoto in Japan war das 2005 in Kraft getretene Kyoto-Abkommen, das erstmals verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern festlegte) wurden Nachhaltigkeit, Klimaschutz und eine vernünftige Waldwirtschaft zu global diskutierten Themen. Die Umsetzung liegt jedoch jeweils in der Verantwortlichkeit jedes einzelnen Landes und muss auf nationaler Ebene stattfinden.

[1] Aus dem Abschlussbericht der Brundtland-Kommission, in: zuschnitt 24. Dezember 2006, S. 1.

[2] Vogt, Markus. Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer Perspektive. München: oekom, 2009, S. 111, in: Edmund A. Spindler, Geschichte der Nachhaltigkeit. Vom Werden und Wirken eines beliebten Begriffs: www.nachhaltigkeit.info/media/1326279587phpeJPyvC.pdf

[3] Attachment Zuschnitt: Gebäudezertifizierung und nachhaltiges Bauen. Ökostandards in Österreich. proHolz Austria 2010, S. 3.