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Da müssen andere Entwürfe her. CNC-gerechtes Produktdesign für Möbel

Knuth Hornbogen

Bei Jeans gibt es das schon lange, auch bei Computern und Uhren: Die individuelle Anfertigung von Einzelstücken, gestaltet nach Wünschen der Kunden, produziert im Takt industrieller Effizienz. Und bei Möbeln? Noch immer werben Tischler mit ihrer Kompetenz, Schränke für jede Dachschräge und Tische für jede Wohnsituation auf Maß zu fertigen. Allerdings wird das Rad hierbei jeden Tag neu erfunden, werden Konstruktionsdetails immer wieder aufs Neue ersonnen. Das könnte sich bald ändern. Denn in Deutschland haben sich Designer, Tischler, Softwareentwickler und Maschinenproduzenten zusammengetan, haben ein Netzwerk der Forschung gebildet – eines, das nun auch international agieren will. Denn was bislang untersucht wurde, ist vollkommen losgelöst vom Ort der Produktion, ist problemlos auf jedes industrialisierte Land zu übertragen: Die dezentrale, maßgeschneiderte Produktion einer Möbelkollektion – allerdings ausgeführt von kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben.

Viele Tischlereien, so meint Professor Jochen Gros, der das Forschungsprojekt an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach leitet, würden ohnehin schon über Technologien verfügen, die auch in der Industrie eingesetzt werden. Nur müssten, damit moderne CNC-Maschinen die Möbel in Einzelanfertigung produzieren können, andere Entwürfe her. Denn, so erklärt der Designprofessor: „Weder traditionelle Handwerksentwürfe noch das moderne Industriedesign eignen sich für die digitale Erzeugung.“ Und so tüfteln die Designer schon seit Jahren an Eckverbindungen und Konstruktionsdetails. »Wichtigstes Kriterium für den Entwurf der Möbel«, so Gros »ist ihr CNC-gerechtes Design.« Gerade in diesem Bereich hat sich in den vergangenen Jahren auch einiges getan. Inzwischen lässt sich gar von einer zweiten Generation der CNC-Möbel sprechen.

Die ersten Entwicklungen waren noch von traditionellen Eckverbindungen geprägt, etwa von der klassischen Zinkung. Übertragen auf die Fertigungsbedingungen der CNC-Maschinen ergab sich eine Verzahnung, die quasi zur Hauptattraktion des Möbels avancierte. Formale Fragen traten zurück hinter der Begeisterung für die noch junge Technik, gleichzeitig bejubelte man die traditionelle Handwerkskunst. Was bisweilen zur Wiederentdeckung des Ornamentes führte, dem Gros eine brillante Zukunft bescheinigt: Plattenmöbel, die sich mit allerlei vom Kunden frei bestimmbaren Mustern dekorieren lassen.

Nun aber, da sich junge Designer in dem Netzwerk »c-moebel.net« vereinigen und sich recht unbekümmert mit der Technik befassen, erblicken neue, gänzlich unverkrampfte Möbel das Licht der Öffentlichkeit. So hat Stefan Weiser ein Regal entwickelt, das, ohne Werkzeug montierbar, nur durch strammes Verkeilen von Böden und senkrechten Streben seine Stabilität gewinnt. Wenn auch die Ähnlichkeit zu einem Entwurf des Deutschen Stardesigners Konstantin Grcic kaum übersehbar ist: Dieses Regal konnte schon zahlreiche Preise und Auszeichnungen gewinnen.

Auch Thorsten Franck, einer der gefeierten Newcomer im Möbeldesign, ist mit einem Tischbock in der Sammlung beispielhafter Möbel, erdacht für die CNC-Fertigung, vertreten. Bei ihm lebt der Entwurf vor allem von präziser Materialkenntnis: Seine kleine Kollektion »build in a minute« – lauter Möbel aus beschichtetem Sperrholz – gewinnen ihre Stabilität aus der Flächenspannung. Etwa der Tischbock »sidestep«, der seine Standsicherheit allein aus der Spreizung des Plattenwerkstoffes erhält. Vertrieben wird diese Kollektion von einer jungen Tischlerei, die sich inzwischen sehr erfolgreich im Designmöbelbereich ein zweites Standbein aufbaut.

Noch unklar ist der Vertriebsweg einer Garderobe, die, ebenfalls gefertigt aus Sperrholz, der Feder des Kölner Designteams Dreiform entstammt. Entworfen wurde sie zunächst für das Forschungsprojekt, das unter dem Namen Newcraft zahlreiche Tischlereien vereint. Allerdings wollen auch diese jungen Designer nicht ausschließen, ihr Möbel konventionell in den Handel zu bringen. Dennoch: Das Netzwerk eröffnet allen Beteiligten, seien es Tischler oder Designer, neue Wege, ihre Möbel zu vertreiben, selbst wenn die eigentliche Idee, die Fertigung nach Maß, bisweilen im Hintergrund bleibt.

Verbindungsdetail eines CNC-geschnittenen Möbels

Detaillierte Informationen: 
www.newcraft.de
www.c-moebel.net

Text

Knuth Hornbogen
  • geboren 1968
  • Arbeitet als freier Autor in Köln, wo er das Designstudium mit einer Arbeit zur Wahrnehmung des Design in der medialen Öffentlichkeit, vornehmlich in Tageszeitungen, abschloss. Seine Texte zu kulturellen, wirtschaftlichen und historischen Themen des Designs erscheinen in einigen Fachmagazinen und zahlreichen Tageszeitungen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz publiziert werden. Knuth Hornbogen beherrscht das Handwerk des Tischlers. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Design-Theorie und Design- Forschung.

Detaillierte Informationen:
www.newcraft.de
www.c-moebel.net

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