Inhalt

Züge mit Aussicht

Eva Guttmann

Züge mit Aussicht

Lärmschutz gehört zu den zentralen Themen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes; an Bahnstrecken gibt es spezielle Bedingungen: Die Streckenführung ist vergleichsweise gerade, durchquert immer wieder dicht besiedeltes Gebiet und nimmt durch die häufige Dammausbildung eine besondere Position im Landschafts- und Ortsbild ein.

Ein interdisziplinäres Team aus Fachleuten hat nun ein System erarbeitet, das grundlegend anders als herkömmliche Lärmschutzwände funktioniert: Der Schall wird nicht von den Wänden selbst, sondern vom Schotterbett absorbiert. Dieser Effekt wird durch C-förmig gebogene, zum Zug hin geöffnete Schalen ermöglicht, die den Schall auffangen und auf den Gleiskörper reflektieren. Umfangreiche akustische Modellrechnungen zeigten, dass sich mit diesem System vergleichbare Abschirmwirkungen erzielen lassen wie mit geraden, absorbierenden Lärmschutz-wänden. Dies gilt auch für mehrgleisige Strecken.

Die Elemente können aufgrund ihrer neuartigen Funk-tionsweise schallharte, glatte Oberflächen aufweisen. Damit ist der großflächige Einsatz von Holzwerkstoff- und Acrylglasplatten mit geringer Stärke und nied­rigerem Gewicht möglich. Tafel- und Schalenform werden für die statischen Anforderungen genützt: Die selbsttragende Konstruktion kann über zwölf Meter frei gespannt werden, sodass sowohl weniger Stützen als auch Fundierungspunkte nötig sind und lediglich ein Hebevorgang mit dem Kran zur Errichtung von zwölf Metern Lärmschutzwand ausreicht. Eine Konstruktionshöhe von zwei Metern ab Gleis-oberkante genügt, um den nötigen Schallschutz zu gewährleisten, so dass die Lärmabschirmung auf Höhe der Unterkante der Zugfenster endet.
Bisher wurden Elemente in drei Materialvarianten geprüft und als Prototypen hergestellt:

  • Schalenkonstruktion aus Furnierschichtholz: Mit 39mm starken, großformatigen, kesseldruckimprägnierten Furnierschichtholzplatten können Schalen in fertigen Elementlängen von zwölf Metern hergestellt werden. Zwei Randträger und drei Querschotten stabilisieren die Plattenschale.
  • Schalenkonstruktion aus Hohlkörperelementen: Die aneinander gereihten Elemente bilden eine sich außen schuppenartig überlagernde Konstruktion, die innen, an der dem Schall zugewandten Seite, offen ist. Durch die Kastenform sind ebenfalls Spannweiten von zwölf Metern möglich und wird die Schallschutzwirkung weiter verbessert, so dass diese Variante auch dort eingesetzt werden kann, wo sonst die Montage höherer Systeme erforderlich wäre.

Beide Varianten wurden nach den Regeln des konstruktiven Holzschutzes konzipiert, Studien zeigen deutlich die lange Haltbarkeit von Holz und Holzwerkstoffen beim Einsatz für Lärmschutzwände und ähnliche Bauaufgaben und belegen deren Mängelfreiheit auch nach langer Standzeit.

  • Schalenkonstruktion aus Acrylglas: Die akustische Wirkungsweise ermöglicht auch erstmals den Einsatz transparenter Lärmschutzwände mit gleicher Abschirmungswirkung wie konventionelle, hoch absorbierende Wände. Sie bieten sich daher speziell in Bereichen an, wo freie Durchsicht für Anrainer gewünscht wird, ohne schalltechnische Einbußen hinnehmen zu müssen.

Für alle drei Varianten wurden gleichartige Schalenformen gewählt und entsprechende Anschlussdetails entwickelt, um ihre Kombinierbarkeit sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung zu ermöglichen. Die Elemente werden fertig vormontiert und mit allen Anschlussteilen geliefert und können in kürzester Zeit auf vier Auflagerpunkten montiert werden, wodurch Fahrtunterbrechungen bei Bestandsstrecken auf ein Minimum reduziert werden. Unter den Schalen ist ausreichend Platz für den erforderlichen Zugangs-, Arbeits- und Sicherheitsraum. Flucht- und Wartungstüren können aufgrund der einfachen Konstruktionsweise überall eingebaut werden.

 

 

Durch die hochwertigen Materialien entstehen kaum Erhaltungskosten. Bei den Holzbauweisen entfallen durch die natürliche Bewitterung alle Instandhaltungs- kosten für Neuanstriche. Sie sind einfach demontier- und zerlegbar und können ohne hohe Kosten thermisch entsorgt werden, das Acrylglas ist vollständig rezyklierbar. Zur Zeit wird der erste Prototyp technisch geprüft, an der Umsetzung einer Probestrecke in Österreich wird gearbeitet.

Info

Das Konzept wurde im Rahmen des Forschungsförderungsfonds für die Gewerbliche Wirtschaft (fff) gefördert und von den 
künftigen Industriepartnern 
unterstützt.

Gesamtplanung

orange architekten
Arch. DI Anna Weber und 
Arch. DI Peter Tschada
Schlesische Straße 31
D-10997 Berlin
T +49 (0)30/44044011
post@orange-architekten.de
www.orange-architekten.de 
Leitung Büro orange, 
Österreich:
Arch. DI Martin Küng
Gartengasse 29
A-8010 Graz

Tragwerksplanung

DI Dr. Peter Mandl
Ingenieurkonsulent für 
Bauingenieurwesen
Wastiangasse 1
A-8010 Graz
T +43 (0)316/817533
office@mandlandpartners.com

Akustik

Mag. Erich Meisterhofer
Technisches Büro für Physik
Schubertstraße 72
A-8010 Graz
T +43 (0)316/466864
erich.meisterhofer@tbphysik.at