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Wohn- und Bürogebäude, Bad Aibling/D

Gudrun Hausegger

Die Nullenergiestadt aus Holz

Auf dem ehemaligen Kasernengelände in Mietrachting, einem Stadtteil im Nordwesten von Bad Aibling, läuft seit 2005 der Umbau zu einem emissionsfreien Stadtquartier: In einem beispielhaften Pilotprojekt wird das Areal zu einer „Nullenergiestadt“ saniert und ausgebaut. 

Lanciert wurde das visionäre Projekt von der Münchner Immobiliengesellschaft B & O, die einen Teil des Geländes erwarb, um einen Stadtteil mit Mischnutzungen entstehen zu lassen, der – bezogen auf die Primärenergie – mit einer Nullenergiebilanz aufwarten kann. Die Mischung unterschiedlicher regenerativer Energieträger (wie Biomasse, Solarthermie, Photovoltaik) sowie der vorrangige Einsatz des umweltfreundlichen Baustoffes Holz bilden die Grundlage, um dieses Ziel zu erreichen.

So werden Bestandsgebäude, sofern sie nicht der Abrissbirne zum Opfer fallen, nach neuesten Energiestandards mit Holz- oder Putzfassaden modernisiert. Die Errichtung der Neubauten erfolgt ausschließlich durch innovative Holzbausysteme. Ein Viergeschosser machte 2010 den Anfang, 2011 wurde der achtgeschossige Büro- und Wohnturm eröffnet. Für beide Holzbauten zeichnet das Büro Schankula Architekten aus München verantwortlich.

Modellhafter hoher Vorfertigungsgrad

Ein hoher Vorfertigungsgrad als Modell für Bauen in städtischen Ballungsräumen war Voraussetzung bei diesem Bau. Denn eine kurze Bauzeit reduziert die Belästigung der Anrainer in vielerlei Hinsicht: Die Lärm- und Schmutzbelästigung durch An- und Abtransporte kann gering gehalten werden. Zudem lässt ein rasch geschlossenes Gebäude den weiteren Innenausbau bei geringem Lärmpegel vor sich gehen.

Exemplarisch wurde der gesamte Holzbau mit komplett vorgefertigten Wandelementen in 16 Arbeitstagen montiert. Dabei wurden rund 700 Kubikmeter Holz verbaut und somit 700 Tonnen CO2 längerfristig gebunden. Auch der Treppenhauskern aus Stahlbeton, der die Aussteifung des Gebäudes übernimmt, kam in Fertigteilen auf die Baustelle.

Innovatives Holzmassivwand-System

Lose, dicht nebeneinander gelegte und durch eine Beplankung fixierte Kanthölzer bilden die tragenden Blockständerwände der eigens entwickelten Wandkonstruktion. Die eingebaute Wärmedämmung sowie Fensteröffnungen auf den Außenseiten, ebenso die aussteifenden Schwellen und Rähmen aus Furnierschichtholz sind fixe Teile der vorgefertigten Fassadenelemente. Um den nötigen Brandschutz zu erreichen, erhalten die Fertigteile eine Kapselung aus zweilagigen Gipsfaserplatten.

Das gilt ebenso für die Decken aus untereinander gekoppelten Brettsperrholzplatten. In den Wohnbereichen hingegen wurde auf die Beplankung durch Gipsplatten verzichtet, um die Holzoberfläche zu Gunsten einer angenehmen Atmosphäre sichtbar zu lassen.

Flexible Grundrisse, gesunde Luftqualität

Um den diversen Bedürfnissen der Mieter entgegenzukommen, wurden verschiedene Wohnungsgrößen in unterschiedlichen Standards als Zwei- und Dreispänner sowie auch unterschiedliche Bürotypen realisiert. Da nur wenig tragende Wände die Konstruktion bilden, konnten die Bewohner selbst über die Aufteilung der Grundrisse bzw. die der Geschossebenen entscheiden. Die nichttragenden Wände sind binnen eines Tages versetzbar.

Jede Wohnung ist mit einer dezentralen Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ausgestattet. Die Wärmeversorgung erfolgt über das mit Hackschnitzel betriebene Nahwärmenetz des Geländes. Mit etwa 18 kWh/m2 pro Jahr kommt der Achtgeschosser dem Passivhaus-Standard sehr nahe.

Optimierung durch Fremdüberwachung

Begleitet wird das Projekt „Nullenergiestadt“ von unterschiedlichen Kooperationspartnern. Im Fall des achtgeschossigen Wohn- und Bürogebäudes zum Beispiel wurde die Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Holzmassivwand durch die Materialprüfanstalt der TU München fremdüberwacht und die Fertigteile gemäß der „Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise“ überprüft.

Durch eine Zusammenarbeit auch mit anderen Partnern, wie der Hochschule Rosenheim und dem Institut für Forschung Rosenheim (ift Rosenheim) bereits in einem frühen Stadium konnte die Konstruktion auch hinsichtlich der Baukosten optimiert werden.

Fotos:

Wolfgang Krämer, München

Wohn- und Bürogebäude

Standort

Bad Aibling/D

Bauherrschaft/Auftraggeber

B & O Wohnungswirtschaft GmbH & Co. KG (München, D)

Architektur

SCHANKULA Architekten/Diplomingenieure (München, D)

Tragwerksplanung

bauart Konstruktions GmbH & Co. KG (München, D)

Holzbau

Huber & Sohn GmbH & Co. KG (Bachmehring, D)

Produzent Brettsperrholz

Binderholz (Fügen/Zillertal, AT)

Gebäudedaten

8-geschossiger Wohn- und Büroturm, 25 Meter hoch

Holz-Massivbauweise mit hohem Vorfertigungsanteil
Treppenhauskern aus Stahlbetonfertigteilen

verbaute Menge Brettsperrholz

700 m3

Klimaschutzfaktor

In den 700 m3 Brettsperrholz sind 700 Tonnen CO2 gespeichert

Fertigstellung

2011