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Zentrum Reininghaus Süd, Graz/A

Gudrun Hausegger
Eines der zwölf Punkthäuser (mit Tragstruktur aus Brettschichtholzplatten); © Nussmüller Architekten ZT GmbH

Lebens- und Arbeitsraum für 500 Personen

Der Spatenstich zur ersten Bauetappe des „Zentrum Reininghaus Süd“ erfolgte im Mai 2012. Von zwei unterschiedlichen Bauträgern realisiert, liegen die Geschäfts- und Bürogebäude (samt einem Supermarkt, einem Zentrum für Betreutes Wohnen und einem Restaurant mit Gastgarten) mit einer Fläche von 3.800 m2 an der Peter-Rosegger Straße im Norden des Areals. Die Wohnbauten (in energieoptimierter Form als „Punkthäuser“ geplant) schließen sich im Süden an. Von den vier Wohnbauten der ersten Bauetappe ist bereits eines bezogen, ein weiteres steht kurz vor Einzug der Mieter. Der Bezug für die anderen beiden Wohnbauten ist für Frühjahr 2014 geplant. 

In weiteren zwei Bauetappen wird „Reininghaus Süd“ bis Herbst 2015 auf insgesamt zwölf drei- bis fünfgeschossige „Punkthäuser“ mit 147 Wohneinheiten (mit Wohnungsgrößen von 56 bis 133 m2 im Eigentum) aufgestockt werden und sodann auf einer gesamten Fläche von 17.400 m2 Lebens- und Arbeitsraum für rund 500 Personen bieten.

Wohnen in ökologischer Holz-Lehmbauweise

Das neue Stadtteilzentrum im Westen von Graz gilt als Vorzeigeprojekt in vielerlei Hinsicht. Bezogen auf Bauweise und Material trifft man hier auf Wohnbauten in Holz-Lehmbauweise in Passivhausstandard. Nicht nur, dass dies die ersten fünfgeschossigen Holz-Wohnbauten in der Steiermark sind, eine Pionierleistung sind zudem die in einem mehrgeschossigen Wohnbau zum ersten Mal angewendeten Holzsichtdecken in den Wohn- und Schlafräumen. Auch die Kombination von Brechtschichtholz mit Lehmputz bei den Außenwänden ist neu.

Ursprünglich hätten die Wohnbauten in einer zurzeit häufig angewandten Holzbaukonstruktion ausgeführt werden sollen: außen eine Holzständerwand, innen tragende Brettsperrholzwände. Die tatsächliche Realisierung erfolgt jedoch in Richtung Innovation: Brettsperrholz kommt nun, innen sowie außen, in allen fünf Geschossen zum Einsatz. Die Stiegenhäuser sind aus brandschutztechnischen Gründen in Stahlbeton gefertigt und werden zur Ableitung der horizontalen Kräfte genützt. Ebenso wurden die Wände aus Gründen des Brandschutzes mit Gipsplatten beplankt. In einem weiteren Schritt sollen jedoch auch diese Stahlbetonkerne einer Holzkonstruktion weichen.

Der Lehmputz wird in Verbindung mit dem Holz für ein gesundes, angenehmes Raumklima sorgen. Das ökologische Material nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie langsam wieder an den Raum ab. So entsteht auf natürlichem Weg eine angenehme Luftfeuchtigkeit.

Die Decken aus Brettsperrholz in Sichtqualität zu belassen, geht auf das ausdrückliche Anliegen von Architekt Werner Nussmüller zurück, dem mit seinem Grazer Büro die Generalplanung des „Zentrums Reininghaus Süd“ obliegt. „Der Holzbau hat keine Zukunft, wenn wir den Baustoff kapseln“, so lautet das Credo des im Holzbau versierten Architekten. In Kooperation mit starken Partnern aus der Holzindustrie und der Vorlage eines geeigneten Brandschutzkonzepts sowie der Durchführung von Brandversuchen konnte dieses Ziel umgesetzt werden (siehe zum Thema Brandschutz den Beitrag „Brandschutzbestimmungen in Österreich“).

Brandversuche für die mehrgeschossige Holzkonstruktion

Die Brandversuche fanden am Brandprüfstand der MA39 (Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle für Baustoffe) in Wien statt. Geprüft wurde ein Teil des Außenwandaufbaus (14 cm Brettsperrholzplatte, 3,5 cm Lehmbauplatte und 1 cm Lehmputz) mit Hilfe von 1:1 Modellen. Mit einer Brandwiderstandsdauer von über 90 Minuten (in diesem Zeitraum fand keine Ausbreitung auf eine weitere Wohneinheit statt), verliefen die Tests äußerst erfolgreich. Der innovative Wandaufbau wurde zur Realisierung freigegeben.

Energieoptimierung im Quartier

Versorgt wird das Areal mit den erneuerbaren Energieträgern Erdwärme, Solar und Photovoltaik. Auch im Bereich Verkehr wird auf alternative Lösungen gesetzt: Elektroautos werden zu kostengünstigen Preis für die Bewohner zur Verfügung stehen. Die Anlage selbst wird als verkehrsfreie Zone mit einem Netz an Rad- und Gehwegen ausgestattet sein.

„Reininghaus Süd“ wird als Plus-Energie-Anlage arbeiten und so mehr Energie erzeugen, als pro Jahr verbraucht wird. Genutzt wird dieses Plus an – in dem Fall – Heizwärme im Verbund, indem die gewonnene Energie zwischen den einzelnen Gebäudeblöcken mit unterschiedlichen Nutzungen ausgetauscht wird. „Denken in Quartieren“ nennt Architekt Werner Nussmüller diesen energieeffizienten Ansatz. Eine zukunftsweisende Ausrichtung, die das multifunktionale Zentrum als Konsequenz im Rahmen des „Haus der Zukunft“-Leitprojekts „Energy City Graz-Reininghaus“ 1 zum Demonstrationsprojekt avancieren ließ. Nicht nur das, die prognostizierte nachhaltige und ökologische Performance der Wohnbauten brachte im März 2013 dem ersten Punkthaus, stellvertretend für die projektierten zwölf, das Gütesiegel Total Quality Building (TQB) der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ein. Diese Zertifizierung seht für besonders hohe Qualität im energieeffizienten, nachhaltigen Bauen.

Wissenschaftliche Projektbegleitung in punkto Nachhaltigkeit und Energieeffizienz leisten das Institut für Städtebau an der TU Graz sowie das Institut für Nachhaltige Technologien in Gleisdorf.

Brandtest des Außenwandaufbaus; © Stora Enso
© Nussmüller Architekten
© Stora Enso

1 „Energy City Graz-Reininghaus (ECR)“ ist ein Leitprojekt innerhalb des österreichischen Forschungs- und Technologieprogramms „Haus der Zukunft“. Ziel des Projekts ist ein neues Stadtentwicklungsgebiet im Westen von Graz, das in den kommenden Jahrzehnten sukzessive zu einem energieautarken, CO2-neutralen Stadtteil ausgebaut werden sollte. Das Gebiet umfasst rund 110 Hektar und wird für 12.000 Einwohner projektiert. Das „Zentrum Reininghaus Süd“ ist als Demonstrationsprojekt ein wesentlicher Schritt in Richtung einer Teilrealisierung von ECR.

 

Stiegenhauskern in Stahlbeton; © Gudrun Hausegger
Auftragen des Lehmputzes; © Gudrun Hausegger
Decke in Sichtqualität und Lehmputz an den Wänden; © Gudrun Hausegger

Zentrum Reininghaus Süd

Standort

Graz/A

Bauherrschaft

Aktiv Klimahaus (Kramsach, AT)

Architektur

Nussmüller Architekten ZT GmbH (Graz/Rottenmann, AT)

Holzbau

Kulmer Bau GmbH (Pischelsdorf, AT)

Produzent Brettsperrholz

Stora Enso (Bad St. Leonhard, AT)

Wissenschaftliche Projektbegleitung Energieeffizienz/Nachhaltigkeit

TU Graz, Institut für Städtebau
Institut für Nachhaltige Technologien (Gleisdorf, AT)

Gebäudedaten

Wohn-, Geschäfts- und Bürobau; ein Supermarkt und ein Zentrum für Betreutes Wohnen

Wohnbau

zwölf drei-, vier- und 5-geschossige Punkthäuser in Holz-Lehmbauweise (Holz-Massivbauweise)

147 Wohnungen

Bauzeit

Realisierung in 3 Bauetappen
1. Bauetappe: Fertigstellung Frühjahr 2014
Gesamte Fertigstellung des Zentrums voraussichtlich Herbst 2015

verbaute Menge Brettsperrholz

4.400 m³ (davon rund 2.000 m3 in Industriesichtqualität)

Fertigstellung

voraussichtlich Herbst 2015