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Aussichtsturm Pyramidenkogel Kärnten

Gudrun Hausegger
Montage zweiter Schuss, © Klaura Kaden + Partner
Turmkrone, © Klaura Kaden + Partner

Wie ein korbartiges Geflecht mit schlanker Silhouette und je nach Blickpunkt wechselnder Taille steht er da. Wind und Wetter ausgesetzt. Sein Stand jedoch ist fest. „Man müsste nahezu ein Drittel der Konstruktion kappen, damit der Turm in Schwierigkeiten gerät,“ meint der zuständige Tragwerksplaner. 

Was lange währt, wird endlich gut.
2007 lud die Kärntner Gemeinde Keutschach österreichweit fünf Architekturbüros mit Tragwerksplanern ihrer Wahl zu einem Wettbewerb für einen neuen Aussichtsturm am Pyramidenkogel ein. Mit einem architektonisch überzeugenden, kosten- und konstruktionstechnisch detailliert ausgearbeiteten Entwurf, der Holz prominent im Tragwerk zum Einsatz bringt, gingen die Klagenfurter Architekten Markus Klaura und Dietmar Kaden mit dem Tragwerksplaner Markus Lackner aus Villach als Sieger hervor. Die Umsetzung des international beachteten Projekts verzögerte sich aus politischen Gründen bis 2012. Dann allerdings ging es Schlag auf Schlag: Im Oktober 2012 wurde der alte baufällige Stahlbeton-Turm aus dem Jahre 1968 gesprengt (es war der bereits zweite nach einem hölzernen aus den 1950er Jahren) und mit dem Betonieren des Fundaments sowie der Errichtung des Basisgebäudes (für u.a. Restaurant, Terrasse, Shop) begonnen. In die Höhe weiter ging es dann mit Holz und Stahl.

Die großflächige Anwendung des Baustoffes Holz spielte von Beginn des Projekts an eine zentrale Rolle, ging es der Gemeinde um eine nachhaltige Bauweise und um die Verwendung heimischer Rohstoffe. Für die österreichische Holzindustrie wird es fraglos ein Vorzeigeprojekt, das die Potenziale des Materials Brettschichtholz im großen Maßstab vor Augen führt.

Entwurf der zehn Ellipsenringe, © Gudrun Hausegger

Die Idee der Schraubform in Holz und Stahl transformiert
„Schraubförmig sollte der Turm in die Höhe wachsen“, beschreibt Architekt Dietmar Kaden seinen Entwurfsansatz. Zehn elliptische Ringe, in bestimmten Abständen übereinander gestellt und in gleichem Winkel zueinander verdreht, waren die folgerichtige, am Modell formulierte Übersetzung. Im nächsten Schritt war der Tragwerksplaner gefordert, diese Grundidee in eine technisch realisierbare Konstruktion zu bringen, die 40 Jahre Haltbarkeit garantiert.

In einem innovativen Wurf konzipierte Markus Lackner ein räumliches Fachwerk aus Holz und Stahl: Die hölzernen Teile des tragenden Gerüsts, nämlich 16 Brettschichtholzstützen, liegen an der Schraubform, an einer auf 16 Schnittflächen beruhenden Ellipsenkonstruktion. Konsequent die Ebene 0 dieser Konstruktion perpetuierend, also um jeweils 22,5 Grad gedreht, schrauben zehn Stahlellipsen den Turm bis auf eine Höhe von 66 Meter. In einem gleichmäßigen vertikalen Abstand positioniert, bilden sie gleichzeitig die zehn Hübe. Das dritte Tragelement sind zwei Diagonalstränge aus Rundrohren, die als Doppelhelix das Bauwerk aussteifen. Ab 66 Meter stapeln sich zwei aufgeständerte Aussichtsplattformen aus Brettsperrholzplatten und bringen die Anlage auf eine Höhe von 77,56 Meter. Mit dem Technikzylinder und der Antenne erreicht der Turm schlussendlich die Weltrekordhöhe von 100 Metern über Grund.

Dem konstruktiven Holzschutz kommt dank dieses Tragwerks zugute, dass die Brettschichtholzstützen entlang des Turmkorbes der Schraubform senkrecht angebracht werden können. Die Einzelbauteile der 67 Meter langen Lärchenholzstützen sind einfach gekrümmt und zweimal gestoßen (die maximale Teillänge beträgt 27 Meter). Ihre Krümmungsradien wiederholen sich in regelmäßigen Abständen höhenversetzt parallel.

Galerie, © Klaura Kaden + Partner

Räumliches Fachwerk
Das periphere hölzerne Traggerüst hält das Innere frei für die Infrastruktur: Spiralförmig führen die beiden Läufe der Panoramatreppe durch den Turm und ermöglichen so bereits beim Aufstieg – gerahmt durch die Streben aus Holz und Stahl – einen 360-Grad Rundblick auf die umliegende Berg- und Seenlandschaft. Im Kern des Turms gleitet der gläserne Aufzug die ersten 50 Meter frei durch den Raum. Ein besonders Highlight ist wohl die 160 m lange, gewendelte Turmrutsche. Mit einer Neigung von 25 Grad sind Geschwindigkeiten bis zu 30 Stundenkilometer möglich. Die zweigeschossige, rundum verglaste Sky-Box der Ebenen 9 und 10 bietet einen schützenden Bereich, bevor man auf der höchsten der Aussichtsplattformen in knapp 71 Metern vom „Dach“ des Turms mit freiem Blick in die Landschaft schauen kann.

Innovativer konstruktiver Holzschutz
Die größte Innovation ist für das Auge kaum sichtbar: Sie steckt in den Fachwerksknoten. Hier kommt eine der neuesten Klebetechnologien zum Einsatz: Ein H-förmiges, massiges Stahlprofil wird gleich einer Intarsie in die Holzstützen eingelegt. Die Hohlräume zwischen Holz und Stahl verschließen – mit großem Druck eingebrachtes – Epoxidharz. Die Wirkung ist eine zweifache: eine dauerhafte Kraftübertragung zwischen Holz und Stahl und eine Versiegelung der Intarsie gegen Wassereintritt.

Die lastabtragenden Verbindungen zwischen Holzstützen und Stahlteilen erfolgt über eigens entwickelte 40 mm starke Stahlbleche, ins Zentrum der Holzquerschnitte passgenau eingelegt und gleichfalls mit Epoxidharz verklebt. Die fünf Zentimeter, die die Stahlteile vom Holz abstehen, sind das A und O dieser Technologie: Indem sie Luft durch- und Wasser abfließen lassen, garantieren sie Langlebigkeit.

Das geeignete Holz für die komplexe Tragwerksentwicklung fand man im hochalpinem Raum am Fuße des Großglockners in der langsam wachsenden, kräftigen Hochwaldlärche. Der Holzquerschnitt errechnte sich aus Gründen der Robustheit, Langlebigkeit und mit Hinblick auf die Vereinheitlichung der Detailknoten auf einen konstanten Querschnitt von 32 x 144 cm. Insgesamt ergab das 500 m3 Lärchenverbundholz und gemeinsam mit den Stahlteilen ein Gewicht von 850 Tonnen.

Der Wind als maßgebliche Lastgröße
Die größte Belastung für die Turmkonstruktion ist der Wind. Daher gingen der Realisierung des neuen Pyramidenkogels Versuche im Windkanal voran, zusätzliche Sicherheit brachte ein Windgutachten der Zivilanstalt für Meteorologie. In der mehrtägigen Windkanal-Versuchsreihe wurden, um die optimale Ausnutzung der Holzquerschnitte am Tragwerk sicherzustellen, unterschiedliche Einflussgrößen (wie z.B. der Bemessungsstaudruck) an einem Modell im Maßstab 1:150 getestet. Die Ergebnisse waren äußerst positiv, sodass die Konstruktionsteile geringer dimensioniert werden konnten und man sich einiges an Kosten ersparte.

Skybox in der Ebene 9 und 10, © Rubner
Tragwerk aus Holz und Stahl, © Klaura Kaden + Partner
Ansicht Nordost, © Klaura Kaden + Partner

Aussichtsturm Pyramidenkogel

Standort

Keutschach/A

Architektur/Generalplaner

Klaura Kaden + Partner ZT GmbH Architekten (Klagenfurt, AT)

Tragwerksplanung

Lackner + Raml Ziviltechniker GmbH (Villach, AT)

Sägewerk

Hermann & Müller GesmbH & Co KG (Bruck / Glocknerstraße, AT)

Produzent Brettschichtholz

Rubner Holzbau GmbH (Ober-Grafendorf, AT)

Stahlbau

Zeman Stahlbau (Wien, AT)

Windkanalversuche und windtechnisches Gutachten

Wacker Ingenieure (Birkenfeld, D)

Prüfingenieur

Création Holz GmbH (Herisau, CH)

Höhe

  • Schraubförmiger Baukörper: 66 Meter
  • Höchste Besucherplattform: auf 70,56 Meter
  • Gesamthöhe mit Antennenspitze: 100 Meter

Traggerüst in Holz-Massivbauweise aus 67 Meter langen Brettschichtholzträgern (maximale Bauteillänge 27 Meter; wurden in insgesamt 48 Einzelbauteilen auf die Baustelle geliefert) sowie 10 elliptischen Ringen und 8 Diagonalsträngen aus Stahl

Bauzeit

Oktober 2012 bis Juni 2013 (8 Monate)

Verbaute Menge Lärchenbrettschichtholz:

500 m3

Verbaute Menge Fichtenbrettsperrholz:

100 m³ (für den Bodenbelag der Besucherplattformen)

Fertigstellung

Juni 2013

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