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»Scheiterturm/Log Tower«, Kartause Ittingen, Schweiz

Gudrun Hausegger

Eine besondere »Scheiterbeige« vor der Kartause Ittingen

Als Scheiterbeige bezeichnet man in der Schweiz zu einem Stapel aufgeschichtete Holzscheite. Das können Stapel an der Hauswand für den privaten Gebrauch sein oder große Holzstöße in bewirtschafteten Wäldern.  

Zahlreiche solcher Scheiterbeigen findet man um die Kartause Ittingen im schweizerischen Kanton Thurgau, die dort lagern, um das Holz aus den umliegenden Wäldern über den Winter trocknen zu lassen. Denn seit Jahrhunderten wird im Umfeld des ehemaligen Klosters Holzwirtschaft betrieben.  

Seit dem Frühjahr 2013 steht vor dem Westtor der Kartause eine Scheiterbeige der ganz anderen Art: Ein regelrechter Turm, dessen Holzscheite sorgsam neun Meter hoch geschichtet wurden. Verantwortlich für den Entwurf dieses »Scheiterturms« (engl. »Log Tower«) ist der japanische Künstler Tadashi Kawamata, der die Installation im Auftrag des Kunstmuseums Thurgau entworfen hat.  

Die Idee der Museumskuratoren beruhte auf ganz praktischen Überlegungen, nämlich das Holz in Form eines Kunstobjekts seine Trockenzeit von zwei Jahren überdauern zu lassen. Es wird danach als Brennholz verkauft und verfeuert.

Holzscheite als temporäres Kunstobjekt

Eine Aufgabenstellung mit Ablaufdatum sozusagen, die dem japanischen Künstler wie auf den Leib geschrieben ist: Kawamata realisierte weltweit raum- und ortsspezifische Projekte, die sich mit Änderungen und Übergängen im öffentlichen Raum beschäftigen. Dafür verwendet er einfache, rezyklierbare Materialien, wie vor allem Holz, die in temporären Installationen das Aufzeigen dieser Veränderungen erlauben. Für die Schweiz realisierte der in Paris lebende Künstler bereits zahlreiche Projekte. In Österreich entwickelte er zum Beispiel 1996 den »sidewalk« in Wiener Neustadt: Einen 350 Meter langen und 4,5 Meter hohen Holzsteg, der für eine Weile über den Hauptplatz führte.  

Masseverlust verlangt konstruktive Expertise

Tadashi Kawamatas Konzept für Ittingen beruhte darauf, die 170 Raummeter Holz – die Ernte des Winters 2012/2013 – zu einem Turm zu stapeln. Ungeahnte statische Herausforderungen gingen damit einher, nicht nur wegen der konzipierten Höhe von neun Metern, sondern wegen der Formveränderungen, die während der Trockenzeit entstehen. Das Holz verliert an Masse (insbesondere an der Südseite wird in den Sommermonaten dieser Masseverlust groß sein), die Auswirkungen durch dieses Ungleichgewicht sind nur bedingt vorab berechenbar.  

Um diese konstruktiven Anforderungen zu meistern, stand dem Künstler ein Team an Fachleuten zur Seite: Ein Architekt, Ingenieur, ein Förster, betreute Mitarbeiter der Heim- und Werkbetriebes der Kartause sowie Studierende der École des Beaux-Arts in Paris (aus der Klasse, die Kawamata an der Kunstschule leitet) arbeiteten zwei Wochen Hand in Hand an der Aufstellung des 100 Tonnen schweren Objekts.  

Das Innere des Turms ist nun nach Fertigstellung und Entfernung des Innengerüsts begehbar und erlaubt, auf enge Tuchfühlung mit dem zwischengelagerten Holz zu gehen.


Fotos: © Kunstmuseum Thurgau

Ittinger Museum / Kunstmuseum Thurgau
CH-8532 Warth TG
Tel.: +41(0)58/45 10 60



Links:

Tadashi Kawamata
http://www.tk-onthetable.com

Kunstmuseum Thurgau
http://www.kunstmuseum.ch

 

 

 

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