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Höchster Holzwohnbau Österreichs

Katja Müller-Happe

Nachhaltiger Wohnbau in Wien

Die Stadt Wien machte es durch eine Novelle der Bauordnung im Jahr 2001 möglich, Holz im mehrgeschossigen Wohnbau – bis zu vier Geschosse in reiner Holzbauweise sind zulässig – als Baustoff einzusetzen.

Wurde Holz früher vor allem für Tramdecken und Dachstühle eingesetzt, so kommt es seit der Novelle immer mehr als konstruktives Material im geförderten Wohnbau zum Einsatz. Mit der Techniknovelle 2007 wurden erstmals alle notwendigen Rahmenbedingungen festgelegt, die den
Einsatz des Rohstoffs Holz auch in der Gebäudeklasse 5, d.h. bei bis zu maximal sieben Geschossen, ermöglichen. 2004 setzte die Stadt Wien mit den drei mittlerweile realisierten und evaluierten Projekten im Rahmen des Bauträgerwettbewerbes „Holz- und Holzmischbauweise“ in Wien 21., Mühlweg, international Impulse für den nachhaltigen Wohnbau. Die Anlage ist nach wie vor das größte Wohnprojekt in Holzmischbauweise in Europa. 2005 wurde der erste mehrgeschossige Wohnbau Wiens in Holzmischbauweise – die mehrfach ausgezeichnete Holzbausiedlung „Spöttlgasse“ in Wien-Floridsdorf – fertig gestellt.

Das Projekt Wagramer Straße

Ende 2009 fand ein weiterer Bauträgerwettbewerb zum Thema „Holzbau in der Stadt“ statt. Ziel des Wettbewerbs war es, die innovative Entwicklung des urbanen Bauens mit dem ökologischen Werkstoff Holz zu forcieren. Das Bauträgerauswahlverfahren für die Grundstücke an der Wagramer Straße 151 und an der Breitenfurter Straße 450-454 wurde vom wohnfonds_wien in Kooperation mit der Stadt Wien, MA 69 – Liegenschaftsmanagement und Wiener Wohnen ausgeschrieben. Beide Siegerprojekte zeichnen sich
durch eine gelungene Architektur mit einem optimalen Einsatz des natürlichen Baustoffs Holz, ein vielfältiges Wohnungsangebot und hohen Wohnkomfort aus. Die Gesamtbaukosten des höchsten Wohnbaus Österreichs in Holzbauweise an der Wagramer Straße 151, dessen Errichtung mit 6,3 Mio. Euro aus der Wiener Wohnbauförderung unterstützt wird, machen rund 15 Mio. Euro aus. Alle 101 Wohnungen werden zudem supergefördert, daher sind nur sehr geringe Eigenmittelbeiträge für ihren Bezug erforderlich.

Aktuelle Situation von Projekten in Holzbauweise in Wien
Rund 40 geförderte Wohnprojekte in Holz- oder Holzmischbauweise mit 2.700 Wohnungen – die Fördermittel dafür betragen bei Gesamtbaukosten von rund 379 Mio. Euro insgesamt 142 Mio. Euro – befinden sich aktuell in Wien in Planung, Bau oder wurden bereits fertiggestellt. 20 davon sind reine Holzbauprojekte. Das größte Projekt in Holzmischbauweise mit 419 geförderten Wohnungen wird derzeit im Sonnwendviertel beim neuen Hauptbahnhof errichtet. Die Gesamtbaukosten des Projekts, das von der
Stadt Wien mit 20 Mio. Euro gefördert wird, betragen rund 50 Mio. Euro.

Bauen mit Holz unterstützt Klimaschutzziele
Auch in Zukunft wird das Bauen mit Holz im Rahmen des ökologischen Schwerpunkts im geförderten Wiener Wohnbau eine wichtige Rolle spielen. So bietet der kürzlich ausgelobte 1. Bauträgerwettbewerb für aspern Seestadt, dessen Schwerpunkte Ökologie und kostengünstiges Wohnen bilden, den teilnehmenden Bauträgern und ArchitektInnen die Möglichkeit, neue geförderte Projekte in Holz- bzw. Holzmischbauweise zu realisieren.

Wohnhaus Wagramer Straße als Beweis der Machbarkeit für das Bauen mit Holz Zur Architektur

Das Büro Schluder Architektur, das für die Architektur des siebengeschossigen Wohnbaus in der Wagramer Straße verantwortlich zeichnet, hat sich bereits im Forschungsprojekt „Haus der Zukunft - 8 plus“ mit dem mehrgeschossigen Holzbau beschäftigt. Als Ergebnis des Projekts wurde eine technische und wirtschaftliche Machbarkeitsstudie erstellt. Nun realisiert Schluder als Sieger des Wettbewerbs „Holz in der Stadt“ des Wohnfonds Wien das höchste Wohnhaus in Holzbauweise in Österreich.
Die Wohnhausanlage an der Wagramer Straße macht deutlich, dass Holz nicht nur wegen seiner ökologisch-nachhaltigen Qualitäten als CO2-neutraler Baustoff und seiner oft gelobten positiven Auswirkungen auf Wohnkomfort und Raumklima ein hervorragender Baustoff ist, sondern auch hinsichtlich Bauökonomie und konstruktiver Eigenschaften im großvolumigen, urbanen Bauen seine Berechtigung hat.

Die sechs Obergeschosse des Bauteils A (Bauteil zur Wagramer Straße hin) werden in einer Massivholzkonstruktion aus Brettsperrholz errichtet. Die Vorfertigung der Wand- und Deckenelemente inklusive aller Durchbrüche beschleunigt nicht nur die Fertigstellung des Rohbaus, sondern garantiert zudem eine sauberere Baustelle und damit gesündere Arbeitsbedingungen. Die Holzkonstruktion ist mineralisch verkleidet, also an der Fassade verputzt und innen mit Gipskarton beplankt, wodurch eine Entzündung der Holzbauteile ausgeschlossen ist. Das Erdgeschoss besteht – wie es die Wiener Bauordnung
für Holzbauten ab vier Geschossen vorschreibt – aus Stahlbeton, ebenso zwecks Gesamtaussteifung und zur Abtragung der Gebäudelasten die drei Stiegenhauskerne. Die Anlage besteht aus einem siebengeschossigen Baukörper an der Wagramer Straße (Bauteil A, Schluder Architektur). An diesen schließen drei niedrigere, dreigeschossige Riegel (Bauteil B, Hagmüller Architekten) an, die einen Übergang zu der lockereren Bebauungsstruktur in der Umgebung herstellen. Jede Wohneinheit verfügt über einen privaten Freiraum in Form einer Loggia, eines Balkons oder einer Terrasse. Im Erdgeschoß befinden sich die Gemeinschaftseinrichtungen sowie eine Gästewohnung.

Insgesamt werden im Projekt 2.400 m3 Brettsperrholz verarbeitet. Darin sind ca. 2.400 Tonnen CO2 gespeichert. Zerlegt man das Gebäude am Ende der Lebensdauer, kann man die rund 24 Terajoule an eingespeicherter Energie nutzen und diese in Strom und Wärme umwandeln. Damit wird allein durch das Baumaterial Holz fossile Energie in bedeutenden Mengen durch in Österreich verfügbare erneuerbare Rohstoffe eingespart. Bei der Gegenüberstellung des CO2 Ausstoßes eines durchschnittlichen Pkws entspricht dieser Wert einer Fahrleistung über die Distanz von 365 x dem Erdumfang.

Technische Umsetzung

Für den Wohnbau in der Wagramer Straße wurden in fünf Monaten auf ein Erdgeschoß in Massivbauweise 6 Geschosse in BBS Brettsperrholz von binderholz bausysteme aufgesetzt. Die kreuzweise verleimten Massivholzelemente, eine junge Technik im Holzbau, bilden die Wohnungstrennwände sowie das Trägermaterial der Gebäudehülle. Für die horizontalen Bauteile kommen Brettsperrholz-Betonverbund-Elemente (BBS) zum Einsatz. Insgesamt werden etwa 19.400 m2 Brettsperrholz BBS an Wand- und Deckenelementen verbaut.

Eine große Herausforderung beim Projekt Wagramer Straße waren die strengen Anforderungen seitens der baubehördlichen Richtlinien an den Brandschutz des Holzbaues. So musste nachgewiesen werden, dass BBS durch eine ausreichende Beplankung mit Gipskarton (die sogenannte Kapselung) bei 90 Minuten Dauerbeflammung nicht zu brennen beginnt.

binderholz bausysteme und Saint-Gobain RIGIPS Austria haben gemeinsam
Bauteilaufbauten entwickelt, welche schlussendlich im Brandversuch die geforderten Anforderungen erfüllten. Damit wurde ein Meilenstein für den Einsatz von Massivholz BBS in Kombination mit Trockenbau im viergeschossigen städtischen Bau der Gebäudeklasse 5 gesetzt.

Internationale Untersuchungen wie die Sokratesstudie der EU bescheinigen dem Leicht- und dem Holzbau für die nahe Zukunft überdurchschnittliche Innovations- und Wachtumspotentiale. Wien ist eine der wichtigsten europäischen Städte, die diese Entwicklung frühzeitig aufgegriffen und sich im geförderten Wohnbau daran beteiligt hat.

Die Nachhaltigkeit des Baustoffes Holz, seine gute Energiebilanz sowie der hohe Grad an Vorfertigung sind entscheidende Argumente für dessen verstärkten Einsatz in der Architektur. Gleichzeitig eröffnet Holz eine völlig neue Formensprache und Flexibilität in Planung und Umsetzung. Mittelfristig sind im großvolumigen Wohnbau eine ähnliche Entwicklung und ähnliche Ergebnisse wie im Fertighausmarkt zu erwarten.

Um diesem Ziel näher zu kommen, sind Saint-Gobain RIGIPS Austria und binderholz bausysteme vor einigen Jahren eine strategische Partnerschaft eingegangen. Mittlerweile haben die beiden Unternehmen gemeinsam eine Vielzahl geprüfter Systemteile entwickelt und mehrere Bauvorhaben erfolgreich abgewickelt – darunter so außergewöhnliche Projekte wie Wohngebäude im vom Erdbeben zerstörten L´Aquila.

Renderings: Hagmüller Architekten, Schluder Architektur

Daten & Fakten zum Projekt

Standort:
Wagramer Straße/Eipeldauer Straße, 1220 Wien

Bauträger:
Familie, Gemeinnützige Wohn- und Siedlungsgenossenschaft, Reg.Gen.m.b.H., Wien

Projektpartner:
binderholz bausysteme, Hallein
Saint-Gobain RIGIPS Austria, Wien

Architekten:
Bauteil A: 6 Geschosse in Holz
(EG, Stiegenhäuser in Beton), gesamt 71 Wohnungen. Schluder Architektur, Wien
Bauteil B: 3x2 Geschosse in Holz
(EG, Stiegenhäuser in Beton), gesamt 30 Wohnungen. Hagmüller Architekten, Wien

Fachplaner:
Statik:
RWT Plus ZT GmbH (Wien)

Brandschutz:
BrandRat ZT GmbH (Wien)

Haustechnik:
Team GMI Ingenieurbüro GmbH (Wien)

Grün- und Freiraumplanung:
Carla Lo Landschaftsarchitektur (Wien)

Generalunternehmer:
Voitl & Co. Baugesellschaft m.b.H. (Wien)

Holzbau:
Aichinger Hoch-, Tief- und Holzbau GmbH & Co. Nfg KG (Regau)