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Lesezone: Besserer Klang nach der Eiszeit

Michael Freund

Besserer Klang nach der Eiszeit

von Michael Freund

Strad & Co: Vor rund 300 Jahren schufen einige Cremoneser Familien Saiteninstrumente, die bis heute – und mehr denn je – unter Spitzenmusikern begehrt sind. Noch immer rätseln Experten, was das Geheimnis ihres Erfolgs ist. Ausgerechnet ein Astronom fand heraus, dass das Holz eine Rolle gespielt haben dürfte.

Jeden Wochentag spielt Andrea Mosconi ein paar Stücke auf neun verschiedenen Saiteninstrumenten. Nie gerate ihm das zur Routine, sagt der 75-jährige Italiener, immer konzentriere er sich, als sei er Michael Schumacher. Er spielt auch nicht irgendwelche Violinen und Celli, sondern einige der besten, die in seiner Heimatstadt gefertigt wurden. Und die ist als Wirkungsstätte der größten Geigenbauer bekannt, der Amati-Dynastie, des Guarnerius del Gesù und vor allem des Stradivari. Mosconi ist der offizielle Musikkonservator der Instrumentensammlung von Cremona.

Die Instrumente müssen gespielt werden, damit sie ihren Wert behalten. Aber warum? Und warum gerade diese? Was macht die Exemplare vom ausgehenden 16. bis zum 18. Jahrhundert zu gesuchten Besonderheiten?

200 Jahre bereits währt die Hochachtung vor den ViolinenBratschen und Celli aus Cremona, und es ist kein Ende abzusehen. Galt vor zehn Jahren ein Auktionspreis von 1,5 Millionen Euro (für die „Kreutzer Strad“) als Sensation, so ist man mittlerweile beim Sechsfachen angelangt. „Und es gibt einen theoretischen Höchstpreis“, sagt der Geigenexperte und -händler Dietmar Machold, „für eine Viola von Stradivari. Jemand wäre bereit, 15 Millionen Euro zu zahlen. Es ist aber keine auf dem Markt.“ Wobei hier nicht, wie Machold hinzufügt, „Gier-Käufer“ die Preise nach oben treiben, vielmehr haben diese Kunden einen philanthropischen Hintergrund. „Sie stellen die Instrumente Musikern zur Verfügung, die sie sich selbst längst nicht mehr leisten können. Das kann man nicht mehr erspielen.“

Seit ebenfalls fast 200 Jahren bemühen sich Forscher und Experten, hinter das Geheimnis des besonderen Klanges zu kommen. Vorneweg gesagt: Ein künstlich hochgehaltener Mythos dürfte es kaum sein. Zu viele ernste und ernst zu nehmende Musiker sehnen sich danach, eine echte Cremoneser in der Hand zu halten. Und Untersuchungen ergeben, dass geschulte wie ungeschulte Hörer den Klang einer Stradivari als besonders angenehm empfinden. Dietmar Machold, der im Stammhaus in Bremen, in ZürichSeoulChicago und in der Wiener Walfischgasse „Rare Violins“-Geschäfte führt, hat mit Prof. Erich Vanecek vom Wiener Institut für Psychologie, Fachbereich Musikpsychologie, jahrelange diesbezügliche Tests gemacht: „Die Korrelation zwischen dem Wert der Instrumente und den positiven Beurteilungen war hoch.“

Blind-Hörtests am Lehrstuhl für musikalische Akustik der Universität Pierre et Marie Curie haben zwar ergeben, dass auch ein modernes Instrument für eine Stradivari gehalten werden kann. Damit mag der Absolutheitsanspruch in Frage gestellt sein – Referenz bleibt der Geigenbauer offenbar dennoch.

Immer wieder wurde der Lack für den so lebhaften wie warmen Ton verantwortlich gemacht. Jeder der damaligen Meister hatte ja eine besondere Rezeptur für das Finishing. Doch sind die meisten ihrer noch erhaltenen – weniger als 2000 – Saiteninstrumente neu lackiert worden, ohne dass es dem Ton viel angehabt hätte. Die unter Kennern berühmte Geschichte von der „Red Diamond“-Strad des Kon- zertgeigers Sascha Jabobsen ergibt ein noch drastischeres Bild: Er verlor sie bei einer Überschwemmung an der kalifornischen Pazifik-Küste. Sie wurde am nächsten Tag im Sand gefunden, in ihrem Kasten zerlegt wie ein Puzzle – von Lack oder Leim keine Rede –, wurde in monatelanger Arbeit restauriert und klang nachher, so Jabobsen, „besser denn je“.

Bleibt das Holz als Erklärung für das High-End von Cremona. Nun werden zum Bau der Violinen und Violas keine Edelhölzer verwendet. Die Decke besteht zumeist aus simpler Fichte, Zargen, Boden und Kopf aus Ahornholz, „was es an jeder Straßenecke gibt“, wie Machold sagt, „oder bis zum Bau von Stradivari-Celli aus Pappelholz, weil das damals nicht so teuer war“. Holz im Übrigen, wie es auch vorher und nachher im Geigenbau Anwendung fand.

Aber es war nicht das gleiche Holz. Der amerikanische Astronom und Begründer der DendrochronologieAndrew Ellicott Douglass fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen ersten Hinweis, dass das Material in den Händen der Cremoneser  doch etwas Besonderes war. Seine Untersuchung der Jahresringe alter Bäume ergab, dass deren Abstände mit dem Klima variierten: Je trockener und kühler das Wetter, desto enger die Ringe. Im Jahr 2003 konkretisierte Lloyd Burckle vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia Universität diesen Zusammenhang zur Frage: „Better violins in cold weather?“ 

Die Antwort ist vermutlich ja. In Europa gab es im 17. Jahrhundert eine als „kleine Eiszeit“ bekannte Kälteperiode. Die Bäume wuchsen weniger, das Holz wurde fein- oder engjährig, und das wirkte sich auf die Klangqualität der Instrumente aus, die aus Platten jener Bäume erzeugt wurden.

Das kann aber nur einer der Gründe gewesen sein. Denn dieses Holz stand schließlich auch Meistern in anderen Regionen zur Verfügung. Es muss also auch an den Fertigkeiten der paar großen Könner und ihrer Schulen gelegen haben, an einer vielleicht doch nicht mehr nachvollziehbaren Kombination aus Holz, Lack, Leim, Know-how und womöglich noch Geheimrezepten.

Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen: Das alles garantierte noch keinen Erfolg. „Ich habe schon Instrumente erlebt“, sagt Machold, „die aus schönstem, "engjährigstem" Holz gebaut sind und nicht klingen. Und andere sind, wie wir sagen, aus Zitronenkisten gemacht und klingen wunderbar.“

So weit, so ernüchternd. Bleibt die Frage, warum die Instrumente spielerisch in Schuss gehalten werden müssen, wie Signor Mosconi das tut. Es liegt daran, sagen die Praktiker, dass Deckel und Boden von Saiteninstrumenten, wenn sie nicht gespielt werden, nicht schwingen und damit verhärten, bis sie nicht mehr zu retten sind.

Das Erstaunlichste aber, meint Machold, ist das Phänomen, „dass Künstler mit den Cremoneser Instrumenten eine Musik zu Gehör bringen, die es zur Zeit des Baus noch gar nicht gegeben hat, in großen Sälen, die ebenfalls damals nicht existierten – man spielte in überhalligen Kirchen oder kleinen Theatern oder überhaupt zu Hause, als Tischmusik, wo man sich laut unterhielt und die Geige eh nicht hörte –, und dass die Musiker sich vor einem Orchester bewähren müssen, das es in diesen Größen in jener Zeit auch nicht gegeben hat.“ Das ist so, fällt dem Geigenexperten ein, als würde man Herrn Schumacher mit einer Kutsche ein Formel-Eins-Rennen fahren lassen, „und er gewinnt auch noch!“

www.tarchiviolins.it
www.machold.com

Geige

Text

Michael Freund
  • geboren 1949 in Wien
  • Studium der Psychologie und Soziologie in Wien, Heidelberg und New York
  • Professor für Medienkommunikation an der Webster University Wien
  • Redakteur der Tageszeitung „Der Standard“ 

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