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Wohnhausanlage Johann-Böhm-Straße, Kapfenberg⁄ A

Thermische Hülle

Eva Guttmann, Karl Höfler

Die Sanierung der Wohnhausanlage Johann-Böhm- Straße in Kapfenberg zum Plus-Energiehaus, also zu einem Gebäude, das übers Jahr gerechnet mehr Energie erzeugt, als seine NutzerInnen für Heizung, Warmwasser, Licht und den Betrieb elektrischer Geräte verbrauchen, ist Teil des Haus der Zukunft- Leitprojekts „e80 hoch 3-Gebäude“.
Ziel dieses Leitprojekts ist es, hocheffiziente bauphysikalische bzw. haustechnische Sanierungen bestehender Gebäude im städtischen Umfeld umzusetzen, wobei der Fokus auf Mehrfamilienhäusern liegt, die zwischen 1950 und 1980 errichtet wurden.
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sanierung sind die ganzheitliche Betrachtung unter ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, eine frühe Koordinierung aller am Prozess Beteiligten, die Einbindung der BewohnerInnen sowie Qualitätssicherung in Planung, Umsetzung und Betriebsphase, um ein optimiertes und in den einzelnen Gewerken aufeinander abgestimmtes Konzept realisieren zu können. Ein Großteil dieser Prämissen konnte in Kapfenberg erfüllt werden.
Die technische Modernisierung des rund 40 Jahre alten Bestandsgebäudes beruht im Wesentlichen auf der Anbringung von in Holzbauunternehmen vorgefertigten, großflächigen und hochgedämmten Fassadenmodulen aus Holztragelementen am Gebäude, in welche nicht nur Solar- und Photovoltaikkollektoren, sondern auch Fenster sowie die Haustechnik integriert sind. Sie geben dem Haus nicht nur ein neues Erscheinungsbild, sondern ermöglichen auch die Sanierung in bewohntem Zustand, wobei im Fall der Wohnhausanlage in Kapfenberg durch die gleichzeitig stattfindende zeitgemäße Adaptierung der Wohnungsgrundrisse auf diesen Vorteil verzichtet und ein Umsiedlungskonzept erarbeitet und moderiert werden musste.
Weiters wurden das alte Satteldach abgetragen und durch ein gedämmtes Flachdach mit Photovoltaikelementen ersetzt, eine Laubengangkonstruktion vor die Ostseite des Gebäudes gesetzt, Außenwände und Keller gedämmt sowie ein schräg gestelltes Solarsegel an der Südseite angebracht.
Ein wesentlicher Baustein des gesamten Unterfangens war der Einbau einer Be- und Entlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sowohl aus energetischen als auch aus Gründen der Behaglichkeit und des Komforts.
Die Art der Einbindung in die alte Bausubstanz war eine große Herausforderung für Planer und Ausführende, zugleich jedoch eine gute Möglichkeit, einen ressourcenschonenden Betrieb zu gewährleisten. So wurden die neuen Ver- und Entsorgungsleitungen in außenliegenden Haustechnikschächten verlegt, welche zwischen den über die gesamte Gebäudehöhe montierten vertikalen Fassadenelementen liegen und damit in die Gebäudehülle integriert sind. Dies beinhaltet nicht nur den Vorteil der werkseitigen Vorfertigung, sondern auch eine leichte Zugänglichkeit im Fall von Wartungsarbeiten.
Bei der Entwicklung der Fassadenmodule wurde besonderes Augenmerk auf die Auswahl und Art der Materialien gelegt. Ökologischen Baustoffen sowie einer trenn- und rezyklierbaren Konstruktion wurde der Vorzug gegeben. Der Aufbau der Elemente besteht nun aus einer Faserzementplatte auf einer hinterlüfteten Lattung aus Fichtenholz, einer tragenden bzw. aussteifenden OSB-Platte mit Holzrippen und Dämmebene sowie einer Ausgleichsdämmung und einer Windsperre. Diese Elemente wurden auf das bestehende Mauerwerk aus Mantelbetonsteinen montiert, erforderten also im Gegensatz zur Lösung der ursprünglich unbefriedigenden Situation hinsichtlich des Schall- und Brandschutzes, deren Lösung ebenfalls Teil des Sanierungskonzepts war, keine größeren Eingriffe in die bauliche Substanz.
Energietechnisch ebenfalls problematisch waren die bestehenden Balkone, welche massive Wärmebrücken darstellten. Zudem waren sie für eine komfortable Nutzung zu klein dimensioniert, weshalb im Zuge der umfassenden Sanierung auch dieser Aspekt berücksichtigt wurde, um den BewohnerInnen großzügigere Außenflächen zur Verfügung stellen zu können. Als wirtschaftlichste Lösung erwies sich die Entfernung der alten und die Anbringung neuer, größerer Balkonplatten durch eine wärmebrückenfreie Konstruktion.
Die hochwertige und innovative Sanierung der Wohnhausanlage Johann-Böhm-Straße ist jedoch nicht nur in energetischer Hinsicht gelungen und stellt damit eine erhebliche Entlastung der Umwelt dar – es wurde auch eine für die Bauherrschaft wirtschaftliche Lösung umgesetzt, da durch die Errichtung des Laubengangs mit Treppen und Lift und die Neustrukturierung der Grundrisse weitere Nutzflächen entstanden sind. Und nicht zuletzt wurde eine deutliche Steigerung der Wohnqualität und eine Aufwertung des gesamten Erscheinungsbildes der Wohnanlage erreicht, was neben der Einbindung von MediatorInnen während und nach der Sanierung maßgeblich zur Zufriedenheit der Mieterschaft und ihrer Identifikation mit dem Bauwerk beigetragen hat.

Text

Eva Guttmann
2004 bis 2009 leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, Architekturpublizistin 
Karl Höfler
AEE Institut für Nachhaltige Technologien
8200 Gleisdorf

Wohnhausanlage Johann-Böhm-Straße

Standort

Johann-Böhm-Straße, Kapfenberg/A

Bauherr

Gem. Wohn- u. Siedlungsgenossenschaft Ennstal reg. Gen.m.b.H., Liezen

Architektur

Nussmüller Architekten zt GmbH, Graz

Tragwerksplanung

fa&wo Fazeli Wolfesberger, Graz

Bauphysik

Rosenfelder & Höfler GmbH & Co KG, Graz

Holzbau

Kulmer Holz-Leimbau GesmbH, Pischelsdorf

Fertigstellung

2013