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Hybrides Holz. Holz-Handys

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 1: Wohnen im Holzstock
Mai–Juni 2001

Bei hybridem Holz handelt es sich nicht, wie vielleicht zu vermuten wäre, um Riesenbäume, sondern um Objekte, die auf besonders merkwürdigen Kreuzungen von Holz und anderen Materialien beruhen. Die Rede ist hier von Holz und Telefon, oder besser der Vereinigung dieser gegensätzlichen Elemente, die nach der alten Ordnung der Dinge, nach dem heiligen Kanon der Materialien im Design der Moderne, keinen gemeinsamen Ort haben dürften. Nach der ästhetisch moralischen Ordnung der Dinge steht das Holz ausschließlich im Zeichen der Natur, während technische Instrumente, im weiteren Sinne der Kultur zugeordnet, im Zeichen künstlicher, von Menschenhand erzeugter Materialien zu stehen haben.

Doch seit Monaten ist ein Trend zu beobachten, demzufolge der Bestseller des Handels das Holzhandy ist, oder genauer, Handys mit Wurzelholzabdeckungen, diese aber aus Kunststoff gefertigt. Handys im Futteral aus Holzsurrogat, Handys in falsches Holz gehüllt.

Wünscht man sich denn die Transformation des Handys, seine Rückverwandlung in die Natur? Hegen wir die geheimen Träume des Animismus: aus hölzernen Fetischen Stimmen zu hören oder von hölzernen Idolen Botschaften zu empfangen? Schnitzen wir in Hinkunft unsere Handys aus Holz und versuchen wir sie in düsteren Ritualen zu beseelen?

Wie auch immer: Mobiltelefone bedürfen neuerdings eines Kokons aus Naturmaterial – auch wenn dieser aus Kunststoff ist. Das Handy, populäres Superzeichen der Mobilität und Sinnbild moderner Vernetzungsfantasien, sucht Anschluss an die Intimität des Gehäuses. Auch, oder gerade weil es sich bei diesem Holz um ein Surrogat handelt, unterstreicht dies umso mehr den Willen zum Intimen. Vielleicht aber auch die unbewusste Angst, die mit dem Raum- und Zeitgewinn des Mobiltelefons einhergeht, die Angst nämlich, selbst im Raum zu verschwinden.

Ersatzabdeckung aus Kunststoff mit Holzmusterung in Siebdrucktechnik, für Mobiltetelefon Samsung, im Jahr 2000 um ATS 180,- ein Renner am Zubehörmarkt

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.

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