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Von Holzwegen

Grünmarkiges, blauweiß durchzogen, rotweiß verpackt

Hubert Riess
Erschienen in
Zuschnitt 1: Wohnen im Holzstock
Mai - Juni 2001, Seite 16ff.

Der Holzwohnbau ist für Hubert Riess zu einer persönlichen Leidenschaft und zu einer professionellen Passion geworden. Mit seinen die Marktbedingungen ausreizenden Holzbauten und seinen pointierten Wortmeldungen zum Holzbau hat er dessen Rahmenbedingungen in Bayern und in Österreich beeinflusst. Ein Bekenntnis zur permanenten Reform der Holzarchitektur.

Was mich im Augenblick am meisten beschäftigt: Wie kann ich meine architektonische Arbeit auf einem einmal gewonnenen Niveau stabilisieren? Durch welche Veränderung vermag ich respektable Standards des Holzwohnbaus unter sich verschärfenden kulturellen und ökonomischen Verhältnissen zu halten? Konkreter: Wie kann ich den wenigen, unter wirtschaftlichem Druck stehenden Holzbauanbietern, die sich mit meiner Hilfe am Markt etabliert und offensiv in die Modernisierung und Rationalisierung der Produktionsanlagen für den Holzrahmenbau investiert haben, durch eine verbesserte Planung begegnen, dass die architektonische Qualität nicht kaputt geht.

Der Holzbau ist im Baugeschehen eben noch immer nicht gleichberechtigt und kein Selbstläufer. Ich habe mich bei meinen Projekten ab Waldkraiburg an fast allen Teilsystemen eines Wohnbaus versucht, um diese intelligenter und »schöner« zu gestalten, und bin damit prompt über den herkömmlichen Kostenlimits gelandet. Mit großen finanziellen Einbußen ist es trotzdem gelungen, diese Bauten umzusetzen. Die meisten Wohnbaugenossenschaften wählen den niedrigeren Preis, weil Abstriche in der Architektur bekanntlich nicht wehtun. Wenn man in Holz baut, ist man heute jedenfalls politisch korrekt; der baukulturelle Aspekt darf nichts kosten. Meine Bauten in Judenburg, Mürzsteg und Trofaiach waren in ihren Ambitionen letztlich durch den Qualitätsanspruch der bestellenden Genossenschaft abgesichert und dadurch vor unautorisierten Vereinfachungen des Holzbauanbieters geschützt.

Nachdem es im geförderten Wohnbau in der Steiermark Usus wurde, Bauten materialoffen mit denselben Kostenobergrenzen auszuschreiben, also die Ziegel-, Beton- oder Holzbauweise wahlweise zuzulassen, haben Holzbauunternehmer ihre Kompetenz im Ausreizen von Abwicklung, Logistik und Preisbildung entdeckt und auch den üblichen genossenschaftlichen Besteller überzeugen können. Gleichzeitig besteht in der Steiermark oder in Wien die erklärte landespolitische Bereitschaft, beachtliche Wohnbaukontingente in Holz errichten zu lassen.

Die Chance für Wohnbau aus Holz, die in Bayern und der Steiermark seinerzeit zunächst auf politischer Ebene eingeräumt wurde, wird hier wie dort trotz Förderung nur dann vermehrt aufgegriffen werden, wenn zusätzlich zu den schon geforderten Standards eine reibungslosere Bauabwicklung in der Hand von Komplettanbietern zu erwarten ist. Wollen die Landespolitiker den Holzbau, dann müssen sie diese Entwicklungschancen aufrecht erhalten, sei es explizit durch baukulturelle Bekenntnisse oder implizit über ökologische Richtlinien in den Fördergrundsätzen. Wenn, wie wir es bisher nicht können, zeittypische Zielkataloge erfüllt werden müssen, gewinnt das Holz an Rang. So bieten Energiesparhäuser große Chancen für den Geschoßwohnbau, weil die Ökoambition gesellschaftspolitisch etabliert ist und sich hervorragend über den Holzbau einlösen lässt: Niedrigenergie zieht am besten.

Zudem möchte ich den Schritt zu Massivholzelementen propagieren, um manches Vorurteil oder manche Befürchtung gegenüber dem Holzbau wegen Formänderung, Hohlraumgehalt, Entflammbarkeit, Brandausbreitung, Vielschichtigkeit im Aufbau, Folien u.s.w. aus dem Weg zu räumen. Mein Anliegen wäre, dass Plattenelemente wie etwa aus Kreuzlagenholz, eventuell in Raumzellen vorgefertigt, auch das Raummilieu bestimmen. Über qualifizierte Leitprojekte hätten die Vorteile dieses Produktes (immense Verwertungschance für Schwachholz, hohe Form- und Brandbeständigkeit, bessere Oberflächenqualitäten durch Einsatz gewünschter Holzsorten in den Deckschichten) bereits lanciert werden müssen, getragen von qualifizierter Architektur. Dazu wäre intensive Entwicklungsarbeit notwendig, bei der alle Projektbeteiligten gleichzeitig gefordert sind.

Wenig Sinn sehe ich in der ständigen Neuerfindung von Holzbausystemen aus wissenschaftlicher Profilierungssucht, falschverstandenem unternehmerischem Kalkül oder regionalpolitischer Eitelkeit. Mir geht es um die Perfektionierung des Erreichten oder des Begonnenen auf einem österreichischen Standard. Das so Eingesparte muss in andere Qualitäten verlagert werden oder der Holzbau tatsächlich günstiger an die Nutzer weitergegeben werden.

Für mich liegt die primäre Herausforderung in einer dem Holz adäquateren Architektursprache. Zudem wird Holz nicht seinem Potenzial entsprechend von den Herstellern in den Gesamtbauprozess eingegliedert, der Holzbauer muss als Generalunternehmer auftreten. Die Baustelle muss also so weit wie nur möglich in die Halle verlagert werden. Es fehlen attraktive systemgerechte Projekte dafür. Derzeit werden im Holzbau noch zu viele Arbeitsgänge verlangt. Das führt zu einer zu geringen Wertschöpfung, zu wenige Firmen steigen in den Holzwohnbau ein. Der Besteller sehnt sich nach einer unproblematischen Realisierung auf der Baustelle, gewährleistet durch eine integrierte Vorschau von Planung und Produktion. Hier liegt die noch ungenutzte Hauptchance für den Baustoff Holz: leicht statt schwer, trocken statt nass, schnell statt langsam, leichtsystematisch statt schwerarchaisch.


Text

Hubert Riess
  • geboren 1946 in Obernberg am Inn, Oberösterreich
  • 1967 - 75 Architekturstudium an der TU Graz
  • 1976 - 77 Assistent an der TU Graz, Gastprofessor: Jan Gezelius
  • 1978 - 79 Stipendium an Konsthögskolans Arkitekturskola, Stockholm
  • 1979 Mitarbeit im Büro Jan Gezelius, Schweden
  • 1979 - 83 Mitarbeit im Büro Ralph Erskine, Schweden
  • Seit 1985 selbständiger Architekt in Graz
  • 1992 Gastprofessor an der TU München
  • 1994 Professur für Entwerfen und Gebäudelehre, Fakultät für Architektur, Stadt- und Regionalplanung, Bauhaus- Universität, Weimar