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Brücke Gaißau

Die Raumbildende

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 2: Brücken bauen
Juli - August 2001, Seite 16ff.

Die Brücke Gaißau verbindet das österreichische mit dem Schweizer Ufer. Die Forderung nach einer unterhaltsarmen Brücke und die Tatsache, dass an dieser Stelle einmal eine Holzbrücke gestanden ist, bedeutete für Hermann Kaufmann eine Herausforderung zur Neuinterpretation traditioneller überdachter Holzbrücken mit heutigen Mitteln.

Charakteristik
Je zwei massige Träger, die die Seitenwände bilden, dominieren die Brücke über den Alten Rhein. Sein Schweizer Ufer liegt etwas tiefer als das österreichische, was Kaufmann zu einem Konzept mit formaler Brisanz nützt. Indem er das Dach horizontal führt, ergibt sich ein konischer Längsschnitt. Zugleich legt er aber die geneigte Fahrbahn, also den Grundriss dazu gegenläufig konisch an. Das ergibt beim österreichischen Ufer ein quadratisches Portal, auf der schweizer Seite ein hochgestelltes Rechteck.

Tragwerk
Die zwei Hauptträger der Seitenwände mit dazwischenliegendem Zugband aus Stahl bilden ein unterspanntes Tragwerk. Sie bestehen aus jeweils zwei Leimbindern in der Höhe des Daches und über der Fahrbahn und dem parabelförmigen Zugband, das aus vier Flachstählen besteht, die jeweils an den Brückenenden sichtbar sind. Der Horizontalverband unter der Fahrbahn besteht aus Stahl. Das Dach aus einer einfachen Balkenlage, auf die eine 40mm starke Dreischichtplatte genagelt ist, gewährleistet zugleich die Stabilität des Obergurtes. Zwischenstützen über die gesamte Brückenlänge tragen das Dach.

Holzschutz
Die Träger sind beidseitig lärchenverschalt und damit witterungsbeständig. Der Bodenbelag besteht aus robusten gerillten Eichenbohlen. Chemischer Holzschutz wurde nicht angewendet.

Montage
Die Brücke wurde in Hard am Rheindamm zusammengebaut, auf einen Ponton verladen und über den Bodensee zum Alten Rhein geschifft, wo sie mittels Telekränen auf die Widerlager gesetzt wurde. Die Bauzeit betrug 2 Wochen. Die Radfahrbrücke Gaißau bietet ein Raumerlebnis, das an die alten Holzbrücken im Film »The bridges of Madison County«, USA, in der Regie von Clint Eastwood erinnert. Die Brücke als Zwischenwelt, als FlussRAUM. Hermann Kaufmanns Brücke macht das Queren bewusst, ohne hermetisch zu sein.
Annähernd brückenlange Horizontalschlitze, die die Dynamik des Radfahrens unterstreichen, geben den Blick frei auf die idyllische Flusslandschaft.

Brücke Gaißau, Gaißau am Alten Rhein, Vorarlberg





Fotos: Ignacio Martinez

Skizzen zum Projekt

Die zwei Hauptträger der Seitenwände mit dazwischenliegendem Zugband aus Stahl bilden ein unterspanntes Tragwerk.

Entwurf
Architektur Hermann Kaufmann

Statik
Frank Dickbauer

Nutzung
Radwegbrücke

Fertigstellung
1999

Standort
Gaißau am Alten Rhein Vorarlberg

Spannweite

45m

Breite
4,5m

Gewicht
80t

Tragstruktur
Tragrahmenkonstruktion aus Brettschichtholz mit Flachstahlunterspannung

Holzmontagebau
Fa. Sohm GmbH

Hermann Kaufmann
Dipl.-Ing. für Architektur 1975-1984 Studium in Innsbruck und Wien, seit 1983 eigenes Architekturbüro in Partnerschaft mit Christian Lenz und Elmar Gmeiner. Pionier des Vorarlberger Holzbaus. Arbeitet u.a. an der Entwicklung von Systemen.
1999 Vorarlberger Holzbau Anerkennungspreis für die Brücke Gaißau
Vierter Vorarlberger Hypo-Bauherrenpreis, in 3 Kategorien Preisträger, 2x Auszeichnungen

Sportplatzweg 5
A-6858 Schwarzach
T +43 (0)5572/581 74-0
F +43 (0)5572/580 13
office@archbuero.at
www.hermann-kaufmann.com

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz

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