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Brückenschlag in Holz

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 2: Brücken bauen
Juli - August 2001, Seite 3

Drei Elemente bestimmen das Wesen einer Brücke: Der Fluss oder der Abgrund, den sie überspannt. Die beiden Ufer, die sie verbindet und der Weg, der über sie führt. Was einfach klingt, ist doch komplex und vielschichtig in seiner Bedeutung. Brücken sind immer besondere Orte unserer Aufmerksamkeit gewesen. Sie vermögen die Charakteristik einer Landschaft, ihre »Größe« hervorzuheben und sie wie ein sorgfältig arrangiertes Tableau erscheinen zu lassen, obwohl (oder weil?) sie - auch als Riegel quer zum Flusslauf - gegen die Natur gesetzt sind. Brücken missachten natürliche Grenzen. Kein Wunder, dass früher Menschen glaubten, dieses Sakrileg mit Opfern, auch mit Menschenopfern, sühnen zu müssen. Etwas von dieser mythischen Überhöhung hat sich bis heute erhalten. 

»Ein Hindernis überwindend, symbolisiert die Brücke die Ausbreitung unserer Willenssphäre über den Raum« sagt der Philosoph Georg Simmel im Aufsatz »Brücke und Tür« 1909. Und: Wer erinnert sich nicht mit wohligem Schauder an Fontanes dramatische Ballade über den Einsturz der schottischen Brücke am Tay »Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand …« 

Jedoch, in erster Linie waren und sind Brücken Verbindungen von hier nach dort - ob aus Stein, Holz, Eisen oder Beton. Während die ersten Fachwerkbrücken aus Eisen noch deutlich von Holzkonstruktionen abgeleitet wurden, geriet die Tradition und damit die Kunst des Holzbrückenbaus mit dem Einzug der Stahlbetonbrücke in Vergessenheit. Sie verschwand, wie jene ephemeren Gebilde der hölzernen Lehrgerüste etwa eines Richard Coray, ohne die viele der klassischen Massivbrücken (z.B. von Maillart) nicht denkbar wären. 

In den letzten zehn Jahren tauchen Brücken aus Holz wieder verstärkt auf - in der Schweiz, deren moderner Holzbau wegweisend ist, in Deutschland und auch in Österreich (siehe steirische Landesausstellung »Holz« in Murau, 1995). Die Vorzüge von Holz für den Brückenbau, besonders die der neuen Holzwerkstoffe, werden (wieder)erkannt. Wir sprechen von der Brücke in der Landschaft, die als landschaftsprägendes Element in der Ausführung in Holz höhere Akzeptanz erwarten kann.   

Für Holz spricht sein geringeres Gewicht (ca.1/4 bis 1/5 des Betons), seine hohe Belastbarkeit, die Tatsache, dass mit der Entwicklung neuer plattenförmiger Werkstoffe als Fahrbahnelemente das Problem der Punktbelastung wegfällt. Dann die Möglichkeit der Vorfertigung und der schnellen Montage in exponierter Lage, die eine Errichtung vor Ort nicht erlaubt. Nicht zuletzt der kostengünstige Unterhalt, wenn bei Reparaturen Teile einzeln ausgetauscht werden können. 

Zugegeben: trockene Fakten, doch Holz hat mehr, etwa Berührungsqualität. Brücken aus Holz laden zum Verweilen ein. Fußgängerbrücken ermöglichen konstruktive wie ästhetische Extravaganz durch größeren Spielraum bei der statischen Berechnung. Und sie werden - nicht nur in überdachter Form - zum raumbildenden Element in einer Inszenierung der Landschaft und des Querens. Auf das für historische Holzbrücken typische Dach kann heute verzichtet werden, wenn andere Maßnahmen des konstruktiven Holzschutzes Anwendung finden. Damit ist nicht nur der Weg frei für zeitgemäße Formen, Holzbrücken können technisch und ökonomisch konkurrenzfähig sein. In der Zusammenarbeit mit Architekten, die die meisten der Holzbrückenbauer wichtig finden, entstehen ungewöhnliche Bauten - Spannungsbögen, die Form und Funktion ausloten. 

»Das Entstehen eines Tragwerks als Ergebnis der Verschmelzung von Technik und Kunst, von Erfundenem und Erlerntem, von Phantasie und Empfindung entwächst dem Kreis der Logik und dringt in das geheimnisvolle Reich der Eingebung vor, und über jeder Berechnung steht die Idee, die das Material in eine widerstandsfähige Form fügt, damit es seine Aufgabe erfüllt.« 
Eduardo Torroja, Konstrukteur          

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz