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Zschokke In Murau haben wir aber ein Dach und eine Verschalung.
Wie erfolgt nun der konstruktive Holzschutz beim Traversina-Steg?
Conzett Also der Druckgurt ist durch den Gehweg geschützt.
Und die übrigen Teile sind auswechselbar. Das war der Grund
für vierteilige Streben. Bei diesen Streben kann man die Teilstäbe
demontieren und wieder montieren, ohne dass Hilfsmaßnahmen
nötig wären. Ebenso gilt dies für die Geländer.
Sie sind - wenn die Brücke nicht gerade extrem belastet ist
- auswechselbar. Das geschieht relativ einfach. Die lebenswichtigen
Teile der Brücke sind bestens geschützt und müssen
nie ausgewechselt werden, während die sekundären Teile
leicht ausgewechselt werden können.
Vom Prinzip her ist es in Murau ähnlich, es gibt eine Hierarchie
der Teile: die Gurte und die Schubscheiben liegen in der Mitte,
die kann man natürlich nicht ersetzen, aber die Geländer,
sogar die Querträger der Gehfläche wären ohne weiteres
auswechselbar, wenn dies nötig werden sollte. Aber sie sind
durch das Dach geschützt und aus geeignetem Holz, aus Lärche,
sodass das in dieser Generation nicht nötig werden sollte.
Zschokke Auf was für eine Lebenszeit wäre der Traversina-
Steg, ohne die geologischen Ausnahmeverhältnisse und den Bergsturz
einzubeziehen, ausgelegt gewesen?
Conzett Man kann vielleicht die Silser Brücke (bei Thusis)
von Richard Coray als Vergleich beiziehen, bei der Geländerteile
und andere exponierte Teile im Abstand von zwanzig, dreißig
Jahren ausgewechselt wurden. Aber die Pylone, die primären
Elemente der Hängekonstruktion sind viel stärker der Witterung
ausgesetzt als der Obergurt des Traversina- Stegs. Die Originalteile
hat man dort etwa nach 70 Jahren ersetzt.
Zschokke Das hieße, dass der Traversina-Steg ein Menschenalter
gut überstehen hätte können, wenn er nicht durch
den Murengang weggerissen worden wäre.
Conzett Sicher.
Zschokke Als Ersatz des weggerissenen Traversina- Stegs gibt
es ein neues Konzept. Ist das so, weil die Brückenstelle neu
gewählt werden musste, oder weil euer Forschungsinteresse sich
gewandelt hat und ihr etwas Neues ausprobieren wollt, oder sind
es Bedenken zum damaligen Konzept?
Conzett Im ersten Moment wollten wir alle die Brücke
wieder bauen, so wie sie gewesen ist. Das ist verständlich.
Allerdings möchte man soetwas nicht ein zweites Mal erleben.
Wir dachten daran, die Brückenstelle mit einer Verbauung zu
sichern. Es zeigte sich aber, dass die Verbauung sehr teuer geworden
wäre und dennoch keinen absoluten Schutz geboten hätte.
Dann kam dazu ein ethischer Aspekt. Es ist ein touristisches Projekt,
es ist keine Straße. Man kann nicht sagen: die Leute haben
keinen anderen Weg und müssen da durch gehen. Nein, sie müssen
nicht dort durchgehen, man lockt sie fast dorthin. Daher ist es
nicht zu verantworten, eine Stelle, die man als gefährlich
erkannt hat, weiterhin zu bebauen und betreten zu lassen. Es wäre
kaum angemessen, vergleichbare Verbauungsmaßnahmen zu treffen,
wie für eine Autobahn. Ein starker Reiz des Bauwerks war die
Filigranität in einer wilden Landschaft. Dieser Reiz ginge
verloren, wenn die Schutzbauten die gleiche Größenordnung
wie die Brücke erreichen würden. Aus diesen Überlegungen
sind wir zum Schluss gekommen, dass es dort keine Brücke mehr
geben kann. Wir müssen aus dem, was geschehen ist, die Lehren
ziehen. Wir verschieben die Brücke talwärts, bis zu einem
Standort, von dem wir wissen, er kann nicht mehr von einem Felssturz
getroffen werden. Das erfordert ein anderes Brückenkonzept,
weil das Problem sich anders stellt, und die Spannweite etwas größer
ist. Das heißt aber nicht, dass wir an einem anderen Ort,
wo der Typ des Traversina-Stegs hinpassen würde, ihn nicht
noch einmal bauen würden.
Zschokke Die Kombination von Materialien ist ja sehr interessant,
etwa von Holz und Stahl oder von Holz und Beton. Wir haben vorher
von der Möglichkeit gehört, den Beton als Speichermasse
zu verwenden. Wie steht es mit den Möglichkeiten, Beton konstruktiv
mit Holz zu kombinieren? Denn es gibt die Möglichkeit, den
Beton auch tragen, das heißt statisch wirksam werden zu lassen.
Bronzini Wir versuchten das soeben mit einem Projekt im Valsertal,
bei »Peiden-Bad«, der Abzweigung ins Lugnetz aufzuzeigen.
Eine alte, schon sehr baufällige Eisenbrücke musste ersetzt
werden. Und die Lasten wurden erhöht. Die Gemeinde möchte
grundsätzlich eigenes Holz einsetzen, weil sie es nahezu gratis
liefern könnte. Wir haben ein Sprengwerk aus Holz vorgeschlagen,
und darüber, auch als Schutz, eine Fahrbahnplatte aus Beton
mit Geländern, möglicherweise aus Holz. Wir haben mit
einer konventionellen Betonvariante verglichen und es zeigte sich,
dass die beiden preislich etwa gleichwertig sind und gute Chancen
bestehen, jene mit Holz auszuführen.
Zschokke Wie funktioniert das Zusammenwirken von Holz und
Beton? Ich nehme an, die Betonplatte wird statisch auch eine Rolle
spielen.
Bronzini Selbstverständlich. Wir haben ein Sprengwerk,
wieder zentral, wie beim Traversina-Steg oder bei der Murauer Brücke,
das gut geschützt ist. Dieses Sprengwerk trägt die Eigenlasten.
Dann haben wir darüber eine Platte, die dreimal breiter ist.
Diese Platte muss helfen, die exzentrische Belastung, die Torsionsbeanspruchungen,
die aus dem Verkehr entstehen können, zu übernehmen, wobei
Platte und Randabschlüsse die Kräfte an die Widerlager
abgeben. Einen Verbund benötigen wir in diesem Fall nicht.
Das Sprengwerk bietet zusätzliche Unterstützungen. Darüber
verläuft die vorgespannte Fahrbahnplatte aus Beton.
Conzett Für das Konzept dieser Brücke sprachen
auch montagetechnische Gründe. Wir wollten eine Art verlorene
Schalung unter dem Beton einsetzen, die aber kein eigenes Gerüst
benötigt. Sie läuft quer durch und ist vom Betonunterbau
getrennt, sodass eine Schubverbindung relativ schwierig gewesen
wäre. Es war uns wichtiger, dass die Montage einfach und rasch
ablaufen kann, da die Straße nur für kurze Zeit gesperrt
werden darf. Daher ist kein Verbund vorhanden. Er hätte aber
auch nicht viel genützt. Das sind immer individuelle Entscheidungen,
so dass man nicht generell sagen kann, der Verbund ist ein Allheilmittel
und wird dann womöglich zu teuer. Diese Überlegungen sind
Teil des Konstruktionsentwurfs und das ist eben ein Entwurf
Bronzini
für eine normale Straßenbrücke
für Fahrzeuge von 28 Tonnen.
Conzett Grundsätzlich interessiert uns alles, was mit
Konstruktion zu tun hat. Aber wir haben festgestellt, dass in unserem
Kanton in vielen Gemeinden die Verwendung von Massivholz - möglichst
direkt aus dem gemeindeeigenen Wald - eine äußerst günstige
Variante darstellt, die häufig nicht bedacht wird, weil sie
zu wenig hightech-mäßig daherkommt. Das finden wir einerseits
interessant. Andererseits machen wir natürlich auch gerne ein
Hightech- Objekt, wenn es uns sinnvoll erscheint. Das kommt ganz
auf die Umstände an. Aber ich finde, auch in den herkömmlichen,
simplen Strukturen kann ein großes Potenzial an Faszination
stecken, wenn man sie mit spezifischer Konsequenz behandelt. Es
ist nicht immer nötig, neu zu erfinden. Mich persönlich
interessiert es, aus gewöhnlichen Dingen etwas Sinnvolles zu
machen, und das Komplizierte auf eine elementare Grundlage zurück
zu führen.
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Mursteg Murau, Wegeführung
Fotos: Jürg Conzett
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Vorgespannter Bretterstapel,
1 : 1 Versuchsmodell für den Schweizer Beitrag zur Expo
2000 Hannover
Klangkörper Schweiz
Architekt: Peter
Zumthor
Bauingenieure: Conzett Bronzini Gartmann
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