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Alessis Twergi. Holz-Retro in der Futuristenküche

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 3: Flächige Vielfalt
September - November 2001

Twergi sagen die Italiener, wenn sie »Zwergi« meinen und das Deutsche und seine Waldmännlein gutmütig verballhornen. Twergi sagt Alessi und meint jene Produktlinie, die das fasrige Pflanzenmaterial, das wir Holz nennen, in die Küche zurückholt und somit einen Beitrag zur Ethik der Materialien liefert.

Das überrascht zunächst ein wenig, denn wir denken eher an die Verdienste Alessis zur Kinetik der Küche und assoziieren das wilde Erbe der Futuristen. Was wir uns darunter vorzustellen haben? Erinnern wir uns kurz: Die Aluminiumtaverne zum heiligen Gaumen, die duftenden Metalle und das Fiathuhn mit seiner Füllung aus Stahlkügelchen, aber auch die Fleischplastik und das Elastiksüß. Vielleicht aber war der durch die futuristischen Bankette verursachte Schock zu groß und wahrscheinlich waren die Magennerven der fleischplastischen Orgie und dem exaltierten Schwein, jenem berühmten Gericht aus gekochter Salami, die in einer Lösung aus Espresso und Eau de Cologne gereicht wurde, auf Dauer nicht gewachsen. Kurzum, der moderne Italiener wünschte nun nicht mehr vergoldete Quarkkugeln und Mozzarellateppiche aufgetischt zu bekommen, sondern begnügte sich damit, das sanfte Rieseln des Parmesans in Twergi- Holzkästchen aufzufangen. Auch mag sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass Pfefferkuchenmännlein lieber von Holzmühlen bestreut werden. Im Übrigen ließe sich die kandierte atmosphärische Elektrizität, die uns an das von Commendatore Tapparelli organisierte futuristische Luftessen in Chiavari gemahnt, und die so sehr gefärbten Seifenstückchen aus falschem Marmor gleicht, auch in Twergi-Fruchtschalen trefflich anrichten. Worin wohl auch das Lied von der Suppe gesungen werden darf.

Twergi kündigt also keineswegs das Ende des wilden Tanzes der Kochtöpfe an. Es zeigt allerdings eines: Uns Pflanzen- und Fleischfressern ist die Oralität heilig und daher der Kult der Behältnisse wichtig. Aufgrund unserer alten evolutionären Beziehung zur Umwelt bedürfen wir in gewissen Fällen einfach des Holzes. Dies leuchtet gewiss auch den Erben des Futurismus, den Puristen und den Apologeten der Materialwahrheit ein.
 
Bild:
Integra Communication GmbH, Hamburg

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.

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