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Die Küchen und das Kochen oder von der Güte des materiellen Substrats

Renate Breuß
Erschienen in
Zuschnitt 3: Flächige Vielfalt
September - November 2001

Den Künstlerkoch im alten Griechenland zeichnete seine Meisterschaft im Improvisieren aus. Dadurch unterschied er sich auch vom gewöhnlichen Koch. Mit dem Einzug der Professionalisierung zur Zeit der französischen Revolution blieb die Fähigkeit zur Improvisation den Hausfrauen überlassen, natürlich ohne künstlerische Ehren. Den männlichen Profiköchen hingegen ist zunehmend nur das Beste, oft verwechselt mit dem Teuersten, gut genug.

Auch Otl Aicher geht in seiner Küche zum Kochen (1982) von professionellen Großküchen und dem Einsatz hochwertigster Materialien aus. Den Akt des Kochens inszeniert er als zentrales gesellschaftliches Ereignis und stellt die Küche nach jahrzehntelanger Verbannung wieder in den Wohnmittelpunkt. Hier übernimmt sie auch repräsentative Funktionen. Den üblen Küchengerüchen rücken hocheffiziente, von Kaminhüten hergeleitete Dampfabzüge zuleibe.

Gehen die Träume noch immer aus vom Herd als Mittelpunkt des Hauses?
Dafür müssen wir diesen Küchen zuerst Leben einhauchen. Die Voraussetzungen sind gut, dem großen Aufkochen steht nichts im Wege. Von allen Seiten zugängliche Inseln fordern zum arbeitsteiligen Kochen heraus. Ergonomisch unterschiedliche Arbeitshöhen, wie in der von Piero Lisoni gestalteten Küche »WORKS« umgesetzt, sind nicht nur für passive HerumsteherInnen gedacht, die den Küchenschrank mit dem Wohnzimmerschrank verwechseln. Bestimmte Tätigkeiten verlangen aus rein funktionalen Gründen niedrigere Arbeitshöhen. So schätzen passionierte TeigkneterInnen die eine Stufe tieferliegende Arbeitsfläche nicht nur aus der Sicht des optimalen Krafteinsatzes, sondern wissen auch von den warmen Qualitäten und der selbstreinigenden Wirkung unbehandelter hölzerner Oberflächen wie Ahorn, Eiche, Kirsche oder Nuss. Etwaige Rückstände und Spuren sind niemals Schmutzflecken, sondern Bestandteil der Patina. Dass Polyester, Laminate und Kunstharzlacke hier nicht mitkönnen, tut der Tatsache, dass Repräsentation auf Kosten der Speisenherstellung auch die schönste Küche wertlos macht, keinen Abbruch.

Denn Küchen wollen in erster Linie gebraucht und nicht hergezeigt werden. Dabei gilt es vor allem, die Qualität der Grundzutaten, nämlich der Kartoffeln und der Zwiebeln mehr als der Trüffel und der Edelschinken, im Auge zu behalten.
 
Bild: Firma Boffi

Piero Lissoni: Mobiliar »WORKS« für Boffi
Anzeichen der latenten Auflösung der Küche im Wohnbereich

Text

Renate Breuß
freiberufliche Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte für Kultur, Design und Wahrnehmung an der Fachhochschule Vorarlberg. Bücher und Beiträge zur Kultur des Bauens und zum Handwerk, zur Theorie des Kochens. Bis 2016 Geschäftsführerin Werkraum Bregenzerwald.

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