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Was bleibt, was wird gefällt? Kehraus für traditionelles Holzbaudenken

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 3: Flächige Vielfalt
September - November 2001, Seite 3

Euphoriker behaupten, dass mit der Entwicklung neuer Holzwerkstoffe, vor allem der von leistungsfähigen Platten, die konstruktiv eingesetzt werden können, im Holzbau kein Balken auf dem anderen, respektive kein Stab neben dem anderen bleiben wird. Scheiben und Platten ersetzen Stäbe und Bretter.

Die Fläche in Holz kann sich vereinfachen: eine Reduktion von Schichten im tektonischen Aufbau bedeutet weniger Kältebrücken, große Flächen reduzieren die Fugen, ein möglicher diffussionsoffener Aufbau vereinfacht die Bauphysik. Rippen-Plattenelemente im Verbund sind leistungsfähig wie flächige Tragwerke und erübrigen aufwendige Querverstrebungen. Auch die horizontale Fläche emanzipiert sich, sie braucht keine Unterzüge und Sekundärlagen mehr.

Soviel ist offensichtlich. Aber ändert das etwas am Erscheinungsbild der Architektur? Kann der Wunsch der Moderne, die Fläche zu abstrahieren, sie autonom und damit frei zu stellen, im Holzbau nun Wirklichkeit werden - 80 Jahre nach dem Traum, der mangels damals vorhandener Technik nicht in konstruktiver Klarheit erfüllt werden konnte? Sicher ist: Die Unabhängigkeit von Modulordnungen erlaubt, Häuser freier und dynamischer zu planen, die technische Entwicklung von tragfähigen Materialien führt zu immer dünneren Bauteilen und die typische Holzfassade mit sichtbarer Konstruktion weicht einer größeren Vielfalt von Oberflächen, die neutraler wirken.

Vielleicht sollte man formale und räumliche Anliegen mit den Möglichkeiten neuer Holzwerkstoffe und - technologien nicht allzu hoch stecken. Die Beobachtung zeigt, dass sich Form und Ausdruck von Holzhäusern, die mit neuen Werkstoffen operieren, meist nicht wesentlich von jenen unterscheiden, die in »traditioneller« Skelett- oder Rahmenbauweise ausgeführt werden. Nicht in jedem Bau sind massive Platten schon auf den ersten Blick so innovativ angewandt wie im Ausstellungspavillon von Cheret & Bozic in Stuttgart. Die plastisch »gefaltete« Fassade besteht aus Flächen, die über große Distanzen frei gespannt sind und mit einfachen Fügeprinzipien gehalten werden.

Jedenfalls kann es nur darum gehen, Holzbau zu vereinfachen und aus den Fesseln der eigenen Tradition zu schälen. »Damit sind wir bei einem zentralen Anliegen der Architekten Meili & Peter, das Bauen mit Holz von den vertrauten Bildern zu befreien und den neuen Technologien neue Formen abzugewinnen, Formen, die andererseits diese Technologien thematisieren«. (1) Aus diesem Grund hat sich die Redaktion entschieden, zum Thema Flächen auch die Schweizerische Hochschule für die Holzwirtschaft in Biel vorzustellen, obwohl sie, eigentlich ein Skelettbau, weniger mit Platten als mit vorgefertigten Rahmen und Tafeln brilliert.

(1) Peter Steinmann in: Schweizerische Hochschule für die Holzwirtschaft, Biel. Verlag Niggli AG, Zürich, 2001   

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Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz