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»Strickbauten«
heißen in Graubünden die aus massiven Holzbalken gefügten
Blockhausbauten. An-stricken oder Weiter-stricken war Thema des Entwurfs
eines Zubaus an einen kleinen Hof, bei dem sich Alt und Neu unter
einem gemeinsamen Dach zu einer harmonischen Ganzheit verbinden.
»Der kleine Hof, schmale Existenzgrundlage einer Bergbauernfamilie
über Generationen (der Stubenteil datiert von 1760), war für
die Erben so zu erneuern, dass er zeitgemäß bewohnt werden
kann, ohne seinen Zauber zu verlieren - den Zauber seiner abgeschiedenen
Lage am Nordhang (gugalun = den Mond anschauen), die Natürlichkeit
des Fußpfades, der als einzige Erschließung zum Haus
hinabführt, die Spuren des Alters: des schmalbrüstigen,
auf schlechtem Fundament schief gewordenen Stubenteils mit seinen
zahlreichen Flickstellen im Holzwerk, die erkennen lassen, wie klein
die Fenster und wie niedrig die Decken und Türen ursprünglich
waren. Der Entwurf respektiert diese Dinge. Unter einem gemeinsamen
neuen Dach wurde dem Bestehenden nur das hinzugefügt, was ihm
aus heutiger Sicht fehlte: eine moderne Küche, Bad und Toilette,
zwei Kammern mit größeren Fenstern, eine zusätzliche
Holzfeuerung. Dabei haben wir versucht, darauf zu achten, dass eine
neue Ganzheit entsteht, in der Alt und Neu aufgehen. In zehn Jahren,
wenn die Sonne die neuen Holzbalken geschwärzt hat, wird man
sehen, wie dieses Ziel erreicht wurde.«
»So besteht für mich die Suche nach dem neuen Objekt,
das ich entwerfen und bauen will, zu einem großen Teil darin,
darüber nachzudenken, wie wir die vielen Orte unseres so unterschiedlichen
Wohnens in der Welt wirklich erfahren - im Wald, am Fluss, auf der
Brücke, auf dem Platz, im Haus, im Zimmer, in deinem Zimmer,
im Sommer, am Morgen, in der Dämmerung, im Regen. Ich höre
das Geräusch der Autos, die vorbeifahren, die Stimmen der Vögel
und die Schritte der Passanten. Ich sehe das angerostete Metall
der Tür, das Blau der Hänge im Hintergrund, das Flirren
der Luft über dem Asphalt. Ich spüre die Wärme, die
abstrahlt von der Mauer in meinem Rücken. Die Vorhänge
in den schlanken Fensternischen bewegen sich leicht im Wind. Die
Luft riecht feucht vom gestern gefallenen Regen, dessen Wasser im
Erdreich des Pflanzentroges gespeichert ist. Alles, was ich sehe,
die Platten aus Zement, welche die Erde halten, die Drähte
des Spaliers, die gedrechselten Stäbe des Geländers auf
der Terrasse, der verputzte Bogen über dem Durchgang - alles
zeigt Spuren der Abnutzung, des Gebrauchs, zeigt Spuren des Wohnens.
Und wenn ich genau hinsehe, beginnen mir die Dinge etwas zu erzählen
über ihr Wozu und Warum und über die Art, wie sie hergestellt
wurden. Denn all dies tritt in ihrer Form und Präsenz zutage
oder liegt in ihrer Form und Präsenz verborgen.«
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Die zitierten Texte von Peter Zumthor stammen aus dem Buch:
Peter Zumthor Häuser 1979 - 1997, Fotografien von Hélène
Binet. Lars Müller, Baden, 1998 (2. Aufl.: Birkhäuser,
Basel. Boston. Berlin, 1999).
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