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Was das Holz hält

Vetterhof in Lustenau

Renate Breuß
Erschienen in
Zuschnitt 4: Holzaltern
Dezember 2001 - Februar 2002, Seite 16ff.
Fotos: Ignacio Martinez

Eine langgestreckte, introvertierte U-Form aus drei Baukörpern umfasst zwei große Höfe, welche von einer Durchfahrt getrennt werden: den Wohnhof im westlichen Bereich sowie den Viehhof im Osten mit offenen Ställen und Melkturm.

Landwirtschaftliche Bauten sind in Vorarlberg traditionell in Holz ausgeführt. Ein Bauernhof aus Beton und Stahl: eine Faust aufs Auge, meint Hubert Vetter, der organisch-biologischen Landbau am mehrfach ausgezeichneten Vetterhof in Lustenau betreibt.

Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie hat er vor zehn Jahren das Konzept eines Neubaus in Angriff genommen und - offen für moderne Architektur - mit Roland Gnaiger seinen Architekten gefunden. Noch heute habe er ein gutes Verhältnis zu seinem Planer, welcher im Sinne des bäuerlichen Selbstverständnisses die Grenze des Architekteneinflusses deutlich früher gezogen sah. In einem Gespräch mit Renate Breuß erzählt der Bauherr nach fünf Jahren Nutzung von seinen Erfahrungen mit nicht oberflächenbehandelten Baustoffen.

»Holz ist für mich ein lebendiger Baustoff, der warm ist und der mir ein heimeliges Gefühl gibt. In Holz kann ich selbst reparieren und als nachwachsender Rohstoff ist Holz für mich verfügbar. Von den Häusern im Bregenzerwald wissen wir, dass das unbehandelte Holz langsam altert, dabei grau und schwarz wird - und trotzdem hält.
»Mit Farbe behandeltes Holz kam für mich nicht in Frage, ich habe das auf unserem elterlichen Hof einmal erfahren. Man musste etwas tun und da hat eine Firma dieses »Zeugs« darauf gestrichen und gespritzt. Da dachte ich mir, das ist doch ein Kitsch und das Holz erstickt darunter. Der alte Stadel, der unbehandelt blieb, hat wesentlich besser als der Wohnteil gehalten. Seither war das für mich kein Thema mehr. Auch der Planer hat uns geraten, das Holz nicht zu behandeln.«

»Unsere Außenfassade ist mit Lärchenbrettern verschalt. Als wir für die spätere Anbringung der Solaranlage einige Bretter wegnehmen mussten, waren diese nach eineinhalb Jahren schon glashart, richtig ausgebrannt. Wichtig ist, dass die Bretter sägerau sind und nicht gehobelt. Zudem wollte ich keinen Maler anstellen: der wäre bei 1.400 m² Außenwand viel beschäftigt. Die Sorge, dass alles schwarz und grau wird, kann ich nicht teilen. Mich stört das nicht, ob das jetzt schwarz oder grau oder weiß ist - halten muss es und wohl fühlen müssen wir uns.«

»Im Innenbereich haben wir - außer in den Verarbeitungsräumen - nur unbehandelte Holzböden. Breite, rohe Lärchenbretter, links gehobelt. Die Wahl der Böden hat uns lange beschäftigt. Einerseits ist es ein großer Kostenfaktor und andererseits gehen bei uns viele Leute in Straßenschuhen ein und aus. Versiegelt, geölt oder gewachst, das waren die anfänglichen Perspektiven. Nach dem Besuch einer Baulehrschau haben wir uns für den rohen Boden entschieden, da dieser nach einem verregneten Messetag als einziger keine »schwarze Autobahn« aufwies. Trotz größter Skepsis hat der hiesige Bodenleger den Boden so gemacht und uns Risse und Spalten, durch welche das Geld durchfalle, prophezeit.«

»Heute wissen wir - wie mir auch viele Fachleute bestätigen - dass die Kombination dieser Holzböden mit den lehmverputzten Wänden ideal ist. Der Lehm nimmt genügend Feuchtigkeit auf und gibt diese wieder ab, dadurch entstehen keine Risse. Zudem fühlt sich der Boden immer warm an, im Vergleich dazu ist ein versiegelter Boden kalt. Das durch den Verzicht auf Schleifen und Ölen eingesparte Geld haben wir in eine Putzmaschine investiert, mit der der Boden lediglich nass aufgewischt wird. Mit dem Älterwerden wird er immer schöner.«

»Direktverkauf und Seminarbetrieb bringen viele Leute in unser Haus. Einmal erzählte mir eine Frau von allergieartigen Beschwerden, die sie in jedem neuen Haus habe, hier jedoch nicht. Sie wollte wissen, was hier drinnen anders als in anderen Neubauten sei. Ich sagte: Was anders ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass nichts herinnen ist, was nicht herein gehört.«

Architekt
Roland Gnaiger

Standort
Alberried 14, Lustenau, Vorarlberg

Fertigstellung

1996

Roland Gnaiger
1971 – 77 Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der TU Eindhoven. Niederlande. Seit 1979 Büro in Doren und Bregenz.
Von 1985 – 92 wöchentliche Beiträge zu Architekturthemen im lokalen TV Vorarlbergs. Seit 1996 Professor und Leiter der Meisterklasse Architektur an der Universität für Gestaltung in Linz.
Zahlreiche Bauten und Projekte in Vorarlberg. 1994 und 1998 Vorarlberger Landesbaupreis.

1996
2001

Text

Renate Breuß
freiberufliche Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte für Kultur, Design und Wahrnehmung an der Fachhochschule Vorarlberg. Bücher und Beiträge zur Kultur des Bauens und zum Handwerk, zur Theorie des Kochens. Bis 2016 Geschäftsführerin Werkraum Bregenzerwald.

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