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Wie funktioniert die Auseinandersetzung
zwischen den Architekten und den Hoteliers? Wie bitte? Auseinandersetzung?
Da müsste man miteinander reden können, dazu bräuchte
es eine beiden verständliche Sprache. Doch sie reden aneinander
vorbei, denn die Hoteliers reden Dekoro und die Architekten Kargisch.
Dekoro ist die Sprache der Verkäufer und die wollen Umsatz machen.
Die Grammatik des Dekoro hat nur eine Regel: Der Gast will es so.
Er will Lederhosenarchitektur, will trostlose Fröhlichkeit, Opulenz,
Schmuck und Abwechslung, falsche Antiquitäten und optischen Rummel.
»Und verstehen Sie mich recht,« sagt der Hotelier, »der
schlechte Geschmack meiner Gäste ist meine Richtschnur. Sie reden
durch mich hindurch Dekoro, darum verstehen sie mich alle.«
Dekoro ist eine Dienersprache.
Kargisch dagegen ist die Sprache der Ichstarken. Die wissen es besser.
Verstanden nur von den Kargen, die unter sich bleiben wollen. Kargisch
ist die Sprache der Auserwählten, ein Verschwörerdialekt.
Das Bildungsgesetz des Kargischen lautet: So einfach wie möglich,
egal, was es kostet. Daraus entstehen Härte, Schärfe, Genauigkeit.
Nie gestattet das Kargische irgendwelche Gefühlsschlamperei.
Es kommt aus kühlem Kopf und brennendem Herzen und ist eine der
anspruchsvollsten Sprachen überhaupt. Kargisch ist eine Herrensprache,
mühsam zu erlernen, doch wer sie kann, gehört dazu. Dekoro
wird überall verstanden, das Kargische hingegen ist nur in Nischen
zu finden. Als Faustregel gilt: Wo der Tourismus herrscht, wird Dekoro
gesprochen, also über der Schneegrenze, am Meeresstrand und in
der Umgebung von Baudenkmälern. Kargisch hingegen wird nur in
geschlossenen Zirkeln geredet, wo Dekoro als unfein gilt.
Wenn die Hoteliers mit den Architekten der strengen Observanz sprechen,
scheitern sie am Sprachproblem. Doch da gibt es Abhilfe. Der Hotelier
sucht sich einen Baufachmann, der perfekt Dekoro spricht und es auch
anzuwenden weiß. Architektur braucht es dazu nicht, die ist
ohnehin zu anstrengend und kein Gast zahlt etwas dafür. Dass
sie kein Kargisch können, wurmt die Hoteliers in stillen Stunden
dennoch. Kargisch nämlich hat mehr Prestige als Dekoro. Kargisch
allein ist wirklich exklusiv, es schließt aus. Kargisch spricht
der Geistesadel und das kulturelle Kapital. Im Abwehrreflex überschreien
die Hoteliers jeden Ton Kargisch, den sie hören. Das sieht man
ihren Häusern an: Dekorierte Schuppen. Die Architekten führen
unterdessen auf Kargisch Klagen, dass die Schönheit der Landschaft
mit Dekoro verwüstet wird, doch einzig ihresgleichen hört
zu und versteht das Lamento. Unbeeindruckt führen die Hoteliers
ihr Dekoro weiter, denn längst haben sie herausgefunden, dass
es auch ohne Kargisch geht. Der Gast will es so. |
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Text:
Benedikt Loderer
1945 in Bern geboren. Studierte nach einer Bauzeichnerlehre Architektur
an der ETH Zürich. 1988 Initiator der Gründung von »Hochparterre«,
einer Zeitschrift für Architektur und Design aus Zürich,
deren Chefredakteur er bis zu seinem Rücktritt 1997 war. Schreibt
nach wie vor für Hochparterre, aber auch für andere Medien
und durchkreuzt und erforscht seine Umgebung.
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