Von der Elastiziät des Holzes
Im Gespräch - Czech Eichinger Ritter
 
    Café im Palais Schwarzenberg, Wien
Foto: Hermann Czech
   
               
  Zusammenfassung eines Gesprächs über Holz und Gastlichkeit mit den Architekten Hermann Czech und Gregor Eichinger, moderiert von Arno Ritter am 19. Jänner 2002 in Wien.

Ritter Welche Dinge sind eurer Meinung nach bei der Gestaltung von Lokalen wichtig, damit ein Ort der Gastlichkeit im Endeffekt auch lang funktioniert?

Czech Vor kurzem habe ich in einem Interview für eine Gastgewerbezeitschrift gesagt, dass ein Gasthaus eigentlich nach nichts ausschauen soll, weil sonst der Gast glaubt, dass er für das Design auch noch mitzahlen muss.

Eichinger Oder er hat Angst, dass er nicht zum Lokal passt.

Ritter In einem Gespräch, Gregor, hast du einmal gesagt, dass Gastronomiebetriebe immer dann funktionieren, wenn eine produktive Synthese zwischen dem Wirt, dem Personal und der Küche existiert. Erst an letzter Stelle komme die Architektur.

Eichinger Das wichtigste sind meiner Meinung nach das Licht, der Kellner und die Atmosphäre, welche sicher durch Gestaltung und Material erzeugt wird, wobei Architekturexzesse oder übertriebenes Design kontraproduktiv sind. Sie befriedigen eigentlich nur kurzfristig eine gewisse Klientel, die nach einiger Zeit wieder weiterzieht. Es gibt Lokale, die nach zwei Jahren abgefuckt sind und es gibt Statements, die über ihr Errichtungsdatum hinaus bestehen bleiben. Zum Beispiel ist das Kleine Café von Czech ein Prototyp, das seit Jahrzehnten seinen Stellenwert in Wien hat. Dort ist das Herstellen eines Brotes ein Ritual und das deswegen, weil so wenig Platz ist und deshalb jedes Ding, das dazu notwenig ist, seinen bestimmten Ort haben muss. Auch die Bewegungen sind fast vorgegeben und daraus entsteht eine Einheit zwischen Form und Inhalt. In gewissem Sinne ist das Kleine Café wie die Loos-Bar ein amerikanisches Lokal, weil alles durchritualisiert ist.

Ritter Das heißt mit den Worten und im Sinne von Czech, dass die Inszenierung vor dem Hintergrund der Architektur stattfindet.

Eichinger Ja, aber die Architektur gibt genau diese Rituale vor. Ich finde, dass dort die Aufmerksamkeit, wie ein Brot bestrichen wird, mit der Aufmerksamkeit, wie die Kunden bedient werden, korreliert. Die Architektur prägt mit ihren räumlichen wie konzeptionellen Statements die ganze Inszenierung mit.

Czech So weit würde ich nicht gehen. Wenn der Betrieb nicht funktioniert und der Wirt seine Rolle nicht wahrnimmt, dann kann die Architektur auch nicht helfen. Man kann mit Architektur kein Lokal machen, allenfalls kann man eines ruinieren.

Eichinger Das stimmt natürlich, aber man kann schon einiges mit Architektur steuern. Die Architektur erzeugt die typologische Aussage, ob das Lokal eine Bar, ein Café oder ein Restaurant ist.

Ritter Ihr habt den Begriff Atmosphäre verwendet. Grob gesprochen wird diese durch Licht und Material hergestellt. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang für euch Holz? Kann man es als atmosphärisches Material bezeichnen, das automatisch so etwas wie »Gemütlichkeit« erzeugt?

Eichinger Für mich ist Holz eines der elastischsten Materialien, weil es im ruralen wie auch urbanen Kontext für jeden gastronomischen Typus eingesetzt werden kann. Es kann für ein urbanes und elegantes Ambiente oder für eine rohe und räudige Kantinenatmosphäre herangezogen werden, da Holz alle möglichen Projektionen zurückspielt.

Czech Begriffe wie Gemütlichkeit und Atmosphäre sind nicht die Ansatzpunkte beim Entwurf, denn eigentlich geht es immer um ganz rationale Überlegungen. Holz ist ein relativ schlechter Wärmeleiter, dadurch fühlt es sich beim Angreifen warm an. Holz atmet und nimmt viel auf, wenn es entweder unbehandelt bleibt oder mit Leinöl eingelassen ist. Wenn man es mit einer Kunststoffschicht zuschmiert, dann verliert es diese Durchlässigkeit. Es war ja einmal in den 70er Jahren schick, echte Holzfurniere so zu verarbeiten, dass sie wie Resopal ausschauten...

Eichinger Das war eine hohe Kunst, muss man sagen.

Czech Gestalterisch spielt man mit den verschiedenen Holzarten, man setzt heute entweder Vollholz oder den Kunststoff Holz ein bzw. kombiniert die Materialien. Holz hat zwar eine objektive Qualität, aber es gibt so etwas wie Bedeutungsebenen, die man je nach Zeit den Holzarten zuweist. Dementsprechend erleben wir immer wieder Rezeptionsänderungen. Wer hätte geglaubt, dass die historisch belastete Eiche wieder so selbstverständlich eingesetzt werden wird?

Eichinger Natürlich gibt es Moden. Ende der 80er Jahre war vor allem Birkensperrholz das Material, mit dem man gearbeitet hat, parallel dazu hat sich auch MDF eingebürgert. Leider reagieren Produzenten und Markt viel zu langsam auf die sich ändernden Ansprüche. Denn bis ein Material wirklich präsent und billig ist, ist das Interesse daran schon wieder erlahmt. Wobei wir eigentlich bisher nur drei Holzarten eingesetzt haben, nämlich Birke, Eiche und Nuss. Denn uns interessieren nicht die verschiedenen Effekte, die man über die Maserung oder die Furniere erzielen kann, sondern uns geht es um das Erzeugen von Neutralität. Wir setzen Holz eher als beruhigendes Moment ein, so zum Beispiel, wenn wir durchgehend amerikanische Eiche verwenden und diese unbehandelt lassen.

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  Hermann Czech
1936 geboren in Wien. Studium der Architektur bei Konrad Wachsmann und Ernst A. Plischke.
1974 – 80 Assistent und Lehrbeauftragter bei Hans Hollein und Johannes Spalt. 1985 Architekturpreis der Stadt Wien.
1985 – 86 Gastprofessor an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
1988/89 und 1993 .94 Gastprofessor an der Harvard University in Cambridge/USA.
Zahlreiche kritische Publikationen zur Architektur. Ausstellungsgestaltungen, u.a. für die Wiener Festwochen.

Lokale von Czech
1974 Kleines Café, Wien
1976 Wunder-Bar, Wien
1983 Salzamt, Wien
1984 Restaurant im Palais Schwarzenberg, Wien
1988 Restaurant im Kurhaus Baden-Baden
1993 Café-Restaurant im Museum für angewandte Kunst, Wien

Hermann Czech
Singerstraße 26a
A-1010 Wien
T +43 (0)1/513 31 88-0
F +43 (0)1/513 31 88-15
architekt@hermann-czech.at


Arno Ritter
1965 geboren in Wien. Studium der Publizistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Wien.
1992 – 94 Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Architektur in Wien.
Seit 1995 Leiter des Architekturforum Tirol in Innsbruck. Kurator, Ausstellungsmacher und freier Kulturpublizist. Veröffentlichungen im Bereich Fotografie, Kunst und Architektur in diversen Katalogen, Büchern und Zeitschriften wie Architektur & Bauforum, Architektur Aktuell, Archithese, Bauwelt, Baumeister, Domus International, Quaderns, Werk, Bauen + Wohnen. Bequemlichkeit ohne Polsterung.




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Architekturforum Tirol

Architekten: Hermann Czech, Gregor Eichinger
  Gregor Eichinger
1956 geboren in Oberösterreich. Studium der Architektur an der TU Wien.
Seit 1976 Zusammenarbeit mit Christian Knechtl und seit 1985 Bürogemeinschaft. Konzepte für Ausstellungen und Kunst-Events, außerdem zahlreiche Ausstellungsgestaltungen. Lebt in Wien.

Lokale (Auswahl) von Eichinger oder Knechtl
(alle in Wien)
1985 Café Stein
1987 Restaurant Stein´s Diner
1989 Restaurant/Bar Wrenkh
1992 Unger&Klein Wine Shop
1994 RonConSoda/First Floor
1998 Café-Restaurant im Palmenhaus, Burggarten

Eichinger oder Knechtl
Franz Josefs-Kai 29
A-1010 Wien
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