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Höhenflug und geglückte
Landung |
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Der Neubau der Cabane de
Saleinaz (cabane ist das französische Wort für Hütte)
sitzt wie die Konstruktion aus dem Jahr 1893, die sie ersetzt, auf
einer Felsnase hoch über dem Val Ferret. Sie bietet fünfzig
Alpinisten eine einfache, zweckmäßige Unterkunft. Das Programm
umfasst neben Aufenthalts- und Schlafräumen eine professionelle
Küche und einen abgetrennten Bereich für den Hüttenwart,
wobei auch ein reduzierter Betrieb ohne Wartung möglich ist.
Die Architektur der neuen Hütte nimmt bewusst Themen des Altbaus
in zeitgemäßer Weise wieder auf. Die extremen Windkräfte
der exponierten Lage bestimmen den Ausdruck des Hauses. Optimal in
die Windrichtung gedreht, bietet es mit seiner minimierten Profilierung
den Stürmen kaum Angriffsmöglichkeiten. Besonders mit geschlossenen
Fensterläden wirkt es wie ein abstrakter Körper, der, ähnlich
einem Holzklötzchen in einem Baumassemodell, eher ein Symbol
für ein Haus als ein wirkliches Gebäude zu sein scheint.
Seine reine Geometrie steht als ein Zeichen menschlicher Präsenz
in Kontrast zur gestaltund maßlosen Natur.
Ist das Haus dagegen bewohnt, öffnet es sich und verliert seine
Härte. Die freie Anordnung der Fenster folgt streng den Innenräumen
und spiegelt gleichzeitig die moderne Technologie des Holzbaus wider.
Dabei wurden die Elemente in der Werkstatt inklusive innerer und äußerer
Verkleidung und der Fenster im Tal vorfabriziert. Die Länge der
Zimmerei reichte gerade aus, die Längsfassaden von fast 20m auszulegen
und als Ganzes vorzufertigen. Sie wurden dann wieder in Einzelteile,
optimiert nach Gewicht und Fläche für den Helikopter, zerlegt.
Ihre Struktur besteht aus einem Fachwerk, das durch eine innenliegende
Beplankung aus Tannen-Dreischichtplatten ausgesteift wird. Um größtmögliche
Stabilität zu erreichen, sind die geschoßhohen Tafeln analog
zu Mauersteinen im Verbund gesetzt. Anders als im traditionellen Holzständerbau
sind damit die Fassaden von einem dominierenden Raster befreit, was
in der freien Fassadengestaltung zum Ausdruck kommt. Die horizontalen
Kräfte werden durch Holzzapfen übertragen. Zusätzlich
verankern durchgehende Gewindestangen aus Chromstahl die ganze Struktur
mit dem Fundament und sichern die relativ leichte Konstruktion zusätzlich
gegen die Stürme.
Während sich die vertikalen Elementfugen in der Hülle aus
wetterbeständigem Lärchenholz nicht abzeichnen, zeigt eine
horizontale Überschuppung der Bretter den zweigeschoßigen
Aufbau. Die kubische Erscheinung des Körpers wird nur so weit
durchgesetzt, als sie nicht mit den Bedingungen des Ortes in Konflikt
tritt. Genau dies wäre jedoch bei einer ungeschützten Horizontalfuge
oder dem Verzicht auf Präfabrikation der Außenhaut der
Fall. Mit der gewählten Bauweise konnte der Holzbau nach den
Vorarbeiten für den Betonsockel in nur dreieinhalb Tagen montiert
werden - ein entscheidender Vorteil bei den extremen Witterungsbedingungen
der Baustelle. Ohne spektakulär zu sein, ist die neue Hütte
oberhalb des Saleinaz-Gletschers mit ihrer Thematisierung der Tradition,
der spezifischen Bedingung des Ortes, der Materialien und des Fertigungsprozesses
ein exemplarischer Beitrag zur aktuellen Schweizer Architektur, gerade
weil keiner dieser Aspekte vordergründig dominiert, sondern alle
in eine kohärente Gestaltung integriert sind.
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Text:
Dipl.
Arch. Martin Tschanz
Studium an der ETH Zürich, Diplom 1990. Lehrtätigkeit an
der Fachhochschule Ostschweiz in Chur und an der ETH Zürich.
Publizistische Tätigkeit und Forschung zu Architektur und Architekturgeschichte
mit Schwerpunkt Schweiz. |
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(Zeitschrift Zuschnitt 5, 2002; Seite 14ff)
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