Inhalt

Anbau Hotel Post

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 6: vor fertig los!
Juli - September 2002
Foto: Ignacio Martinez

»Na, hallo« staunte der langjährige Gast, als er zu Beginn der Wintersaison wiederkam und sein angestammtes Zimmer, das er zum Ende der Sommersaison verlassen hatte, nicht mehr vorfand. Dem Manne konnte geholfen werden: in der Zwischenzeit wurde am Hotel Post in Bezau ein Anbau mit 20 Betten hochgezogen. Gerade vier Wochen im Jahr schließt das Hotel seinen Betrieb und da jeder zusätzliche Sperrtag kostspielig ist, lag nach dem Erstgespräch mit dem Bauherrn die Idee auf der Hand, ein vorgefertigtes System anzuwenden, das eine derart kurze Bauzeit ermöglichte.

Zehn Raumzellen sind auf zwei Geschoße aufgeteilt. Sie liegen über einem Veranstaltungssaal mit zarter Fassadengliederung auf einem halb eingegrabenen Sockelgeschoß aus Sichtbeton. Durch den Entfall einer Primärkonstruktion konnte die Montagezeit der Boxen auf zwei Tage reduziert werden. Sie wurden komplett, doch ohne Inneneinrichtung und Fußbodenbelag (den Kirschparkettboden zu schützen, wäre aufwändiger gewesen) vorgefertigt. Ein äußerst feingliedrig ausgeführter Balkon daran - fertig! - Niemand käme auf die Idee, diesen Anbau mit Zelle oder Baracke zu assoziieren.

Konstruktion und Technik

Einzel-Container schwebend
Hotel im Bau
Ausschnitt

»Eigentlich« sagt der Zimmerer Michael Kaufmann »ist alles gar nicht kompliziert.« Vorfertigung im Holzbau erfordert allerdings ein grundlegendes Umdenken. Der Statiker und alle Handwerker müssen früh in die Planung eingebunden werden, damit von der Lastableitung bis zu schalltechnischen und bauphysikalischen Problemen alles abgeklärt ist. Im Gegensatz zum herkömmlichen Massivbau lässt ein hoher Vorfertigungsgrad kein Improvisieren auf der Baustelle zu. »Wichtig sind Übersicht und ein gutes Zusammenspiel aller am Prozess Beteiligten« ergänzt er. Koordinations- und Kooperationsfähigkeit ist gefragt, will man auch einen Preisvorteil aus der Vorfertigung ziehen. »Der kann maximal 20 Prozent betragen, aber nur, wenn alles wie am Schnürchen läuft« fügt er auf gezielte Nachfrage hinzu. Anderenfalls kann Vorfertigung den Produzenten auch teuer zu stehen kommen.
 
Bei der Raumzellenbauweise für das Hotel Post sind die einzelnen Boxen mit den Außenmaßen von 4,00 x 7,50m steif und selbsttragend ausgebildet. Ihre Wände bestehen aus Holzstehern, die gedämmt und beidseitig beplankt sind. Als Boden wurde eine Brettstapeldecke gewählt - obwohl sie das eigentliche Preisproblem darstellt. Gemeinsam mit dem Heizestrich, der schon im Werk aufgebracht wurde, garantiert sie schalltechnisch gute Werte (Gewicht). Der Deckel der Boxen im unteren Geschoß ist aufs Notwendigste minimiert und entspricht somit einer abgehängten Decke. Das herkömmliche Flachdach wurde vor Ort aufgebracht. Die Hohlräume zwischen den einzelnen Boxen dienen als Installationsebene, die zuletzt fest verschlossen werden musste.
 
»Ein diffiziles Problem sind immer die Verbindungen und Verbindungsstücke zur Lastableitung« meint Michael Kaufmann »aber die sind in den letzten Jahren entscheidend verbessert worden«. Somit ist eigentlich alles ganz einfach.

Raumzellen   
Raumzellen bestehen aus tragenden Elementen, die als dreidimensionale Struktur vorgefertigt werden. Ihre Bauweise ist weder an ein bestimmtes System noch an ein bestimmtes Material gebunden, sie kann aus Holzrahmen-, Holzmassiv- oder Hohlkastenelementen bestehen. Da die Zellen jeweils selbsttragend sind, lassen sich daraus in sehr kurzer Zeit komplette Gebäude errichten. Die Dimensionen des Systems schränken die Anwendungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im Vergleich zu anderen Formen der Vorfertigung im Holzbau ein. Aufgrund der biegesteifen Konstruktion des Rahmens kann allerdings räumliche Großzügigkeit durch Weglassen einzelner Decken, Geschoßböden oder Wandbeplankungen erreicht werden. Die im Regelfall durch Reihen oder Stapeln entstehende Zweischaligkeit von Wand und Decke wirkt sich zwar verteuernd aus, verbessert jedoch den Schallschutz.

Raumzellenbauweise eignet sich gut für temporäre Einrichtungen, weiters für transportable Bauten, die zu einem späteren Zeitpunkt an einen anderen Ort transferiert werden sollen, oder für Bauabläufe unter Termindruck, etwa für die Hotellerie oder Katastrophenhilfe. Der Reduktion der Aufbauzeit vor Ort steht ein erhöhter Planungs- und Koordinierungsaufwand gegenüber.

 

Anbau Hotel Post, Bezau, Vorarlberg

Frontalansicht
Transport der Raumzellen
Axonometrie
Montage der Raumzellen
Grundriss 1. Obergeschoss
Zimmer
Schnitt
Zimmer
Vorderseite

Architekten
Kaufmann 96
Johannes Kaufmann und Oskar Leo Kaufmann

Tragwerksplanung
Ernst Mader, Markus Flatz, merz kaufmann partner

Bauherrin
Susanne Kaufmann

Standort
Bezau, Vorarlberg

Planung und Bauzeit
Juni - Dezember 1998

Montage
1 Woche

Ausführung
Zimmerei Michael Kaufmann 

Johannes Kaufmann
Geboren 1967.
1984 - 87 Zimmererlehre im elterlichen Betrieb.
1987 - 90 Bauzeichner bei Hermann Kaufmann in Schwarzach.
1990 - 93 Bauzeichner bei Prof. Ernst Hiesmayr in Wien.
1994 - 01 Bürogemeinschaft mit Oskar Leo Kaufmann (Kaufmann 96 GmbH).
1996 Baumeisterprüfung.
1997 Zimmermeisterprüfung.
Seit 2001 eigenes Architekturbüro

Oskar Leo Kaufmann
Geboren 1969.
1989 - 95 Architekturstudium an der TU Wien.
Seit 2001 eigenes Architekturbüro.

Gemeinsame Bauten
Johannes Kaufmann mit Oskar Leo Kaufmann:
1996 Wohnhaus Künzler in Bezau, Vlbg.
1998 Österreichhaus in Nagano, Japan 1998
Messehalle in Dornbirn 1998
Fertighaus »SU-SI« in Reuthe, Vlbg.
1999 Fertighaus Fred in Dornbirn, Vlbg.
  
Johannes Kaufmann
Sägerstraße 4
A-6850 Dornbirn
T +43(0)/5572/236 90-0
F +43(0)/5572/236 90-4
office@jkarch.at
www.jkarch.at

Oskar Leo Kaufmann
Steinebach 3
A-6850 Dornbirn
T +43 (0)5572 394969-0
F +43 (0)5572 394969-20
office@olk.cc
www.olk.cc

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz