Inhalt

Editorial

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 6: vor fertig los!
Juli - September 2002

Die letzten zehn Jahre haben dem Holzbau eine gewaltige Entwicklung bei Werkstoffen, Verbindungsund Verarbeitungstechniken und neuen Behandlungsverfahren gebracht. Es ist bestimmt kein Zufall, dass Österreich, die Schweiz und Deutschland zu den Vorreitern dieser Entwicklung zählen. Im Gegensatz zu den USA oder Skandinavien - traditionelle Holzbauländer - musste man sich hierzulande einiges einfallen lassen, um Marktanteile aus dem Bereich des Massivbaus zu erkämpfen.  

Die Vorfertigung ganzer Gebäudeteile ist Teil dieses Innovationsschubs. Ihre Vorteile liegen auf der Hand. Plattenförmige Elemente in der Dimension geschoßhoher Wände, Decken und sogar ganze Raumzellen können in einer Produktionshalle unter optimalen Bedingungen fertiggestellt werden. Witterungsunabhängigkeit in der Produktion bedeutet Effizienz des Arbeitsablaufs, höhere Präzision in der Verarbeitung, das Vermeiden von Bauschäden und Kältebrücken. Zudem eine wesentliche Verkürzung der Bauzeit und eine »saubere« Baustelle.  

Ein hoher Vorfertigungsgrad setzt eine Konstruktionssystematik voraus - nicht jedoch, wie man heute weiß, die Entwicklung von Systemen, die sich dadurch charakterisieren, dass sie mit immer gleichen Systemkomponenten unterschiedliche Aufgabenstellungen lösen. Der moderne Holzbau ermöglicht individuelle Vorfertigung. Frei von modularen Zwängen lässt sich jeder maßgeschneiderte Entwurf »portionieren« - in handhabbare Teile zerlegen, orientiert an Gewicht und Transportmöglichkeiten. Strukturell zählen die dabei angewandten Konstruktionssysteme zum Leichtbau; sie sind dem klassischen Holzrahmenbau und der Tradition des handwerklichen Zimmermannbaus nahe verwandt.   

Mit der Entwicklung leistungsstarker sogenannter Halbfabrikate und ihrer Weiterverarbeitung in der Präfabrikation setzt ein gravierender Wandel weg von der traditionellen Konstruktionsweise ein. Diese Materialien vereinen mehrere Eigenschaften in sich und der Schichtaufbau der Elemente wird vereinfacht. Die Simplizität des Materials erlaubt beinahe jeden formenden Zugriff mit CNC-gesteuertem Fräsenkopf und Universalroboter.  

Vorfertigung ist allerdings keine Frage von Leichtbau versus Massivbau. Ihr Vorteil liegt in der Qualitätssteigerung und einer Kostenreduktion, »wenn alle Voraussetzungen stimmen« (Michael Kaufmann, Zimmerer). Dazu zählt Koordinationsfähigkeit und gute Kooperation aller am Bau beteiligten Planer und Ausführenden. Der Aufwand für den Transport darf nicht zu hoch werden. Am wichtigsten ist eine präzise Planung. Es gilt: Je höher der Vorfertigungsgrad, desto aufwändiger die Planung. Die macht sich für den Architekten erst dann bezahlt, wenn sie wiederholt angewandt werden kann. Mit System, doch individuell!