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Ernst Gamperl

Veronika Hofer
Erschienen in
Zuschnitt 6: vor fertig los!
Juli - September 2002, Seite 28

Die Qualität des Unvorhersehbaren. Gefäße von Ernst Gamperl

Seine Schalen werden in Galerien in New York, Tokio und Paris ausgestellt. Erst kürzlich kaufte die Münchner Pinakothek der Moderne einige Stücke von ihm. Ernst Gamperl ist erfolgreich, sehr erfolgreich. Es gibt kaum einen Preis, den er noch nicht bekommen hat. Auf die Frage, ob er sich als Künstler versteht, wehrt er ab und meint lapidar, er drechselt Schalen, das ist sein Beruf. Und wohl auch seine Berufung, denn ohne diese Hingabe wäre diese sichtbare und spürbare Qualität nicht möglich. Vor zwei Jahren kam es zu einer Begegnung, die für seine berufliche Laufbahn wichtig werden sollte: Er traf den Modeschöpfer Issey Miyake. Dieser hatte in Paris Gamperls Schalen gesehen und lud ihn zu sich nach Japan ein. Ernst Gamperl stellte seine Schalen im Miyake-Studio in Tokio aus - die Japaner waren begeistert. Ernst Gamperl: »Bei den Japanern war es so, dass sie sehr viel Gleiches gespürt haben bei meinen Arbeiten. Aber ich stehe als Europäer nicht so extrem in der Tradition und konnte völlig frei an das Thema »Schale« herangehen. Und das war es, was die Japaner vermutlich fasziniert hat.«

Das, was Gamperl meint, wenn er sagt, die Japaner haben viel Gleiches gespürt, hängt mit einer ganz grundsätzlichen Einstellung zu den Dingen zusammen: Materialien, wie zum Beispiel Holz, dürfen alt werden, man darf ihnen ansehen, dass sie benutzt werden. Raue Oberflächen und Gebrauchsspuren sind wichtige Gestaltungselemente.

Gamperl: »Sehr viele Europäer schätzen auf Hochglanz polierte Oberflächen, es muss alles sauber sein, glänzen. Aber es gibt eben auch Menschen, die mit Dingen leben und akzeptieren, dass sie älter werden.« Für Gamperl ist Holz eine Herausforderung. Er weiß, dass er nur im Dialog mit dem lebendigen Material arbeiten kann, dass er dem Holz nie eine Form abzwingen kann, er kann sie nur erkennen und herausarbeiten. Für ihn ist Holz ein beweglicher Stoff, denn er verwendet seit einigen Jahren frisches, noch Holz(an)stoß Die Qualität des Unvorhersehbaren. Gefäße von Ernst Gamperl Veronika Hofer nasses Holz. Er nimmt die Kernzone des Stammes ins Zentrum des Gefäßes und versucht, diese kritische, bewegliche Zone, die im Handwerk eigentlich nicht verwendet wird, als gestalterisches Element zu integrieren. Gamperl: »Das reizt mich, denn durch diese Spannungen verformt sich das Gefäß in dem Bereich des Kernes unheimlich intensiv. Das Material bewegt sich von der geraden Rotationssymmetrie in eine Doppelachsensymmetrie, und was das Holz dabei macht, ist extrem spannend.«

Gamperl hat den Beruf des Drechslers von Grund auf gelernt: Nachdem er seinen Meisterbrief in der Tasche hatte, war es ihm ein großes Anliegen, sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Möglichst hauchdünn mussten die Schalen gedrechselt sein, um den kleinsten Lichtschein durchzulassen. Mit den Jahren ermöglichte ihm die Routine die Auseinandersetzung mit dem Thema »Schalen« auf sehr vielfältige Art und Weise.

Gamperl drechselt dickwandige Schalen aus altem Olivenholz, die eine Hommage darstellen an den alten, knorrigen Baum, den man an der Außenseite noch ahnen kann. Die Fläche innen glatt wie Marmor, die Kante zwischen innen und außen atemberaubend scharf. Große hohe Eichengefäße, kleine, feine Ahornschalen, schwere, massige Arbeiten aus Buchenholz: Sie alle stellen eine große Familie dar, wie Ernst Gamperl sagt, und stehen für eine intensive Auseinandersetzung mit dem lebendigen Stoff, aus dem die Bäume sind.

Ernst Gamperl

1965 geboren in München.
1986 - 89 Schreinerlehre.
1992 Meisterprüfung als Drechsler.
Er lebt und arbeitet in Tremosine am Gardasee.

Preise

  • 1992/2002 Bayerischer Staatspreis
  • 1993 Danner-Preis München
  • 1994 International Woodturning Exhibition & Competition, Victoria Australia, 1. Gesamtsieger, jeweils erster Preis in weiteren Kategorien
  • 1993/1998 Hessischer Staatspreis

Arbeiten in Museen (Auswahl)

  • Die Neue Sammlung, Staatliches Museum für angewandte Kunst, München
  • Kestner Museum, Hannover
  • Museum für unsthandwerk, Frankfurt am Main
  • Grassimuseum, Leipzig
  • Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart
  • Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

Text

Veronika Hofer
  • geboren 1961
  • 1981 - 86 Studium der Kunstgeschichte in München.
  • 1988 - 90 Ausbildung als Fernseh- und Hörfunkjournalistin beim Bayerischen Rundfunk
  • Autorin von Hörfunksendungen, Büchern und Fernsehdokumentationen, z.B. für Arte über Holz: »Der Stoff aus dem die Bäume sind«, Herbst 2001

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