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Zur Zeit der klassischen Moderne - die ersten Autos rollten just
vom Fließband - lag die Faszination für das »Fabrikatorische«
in der Luft: »Die Wohnung sollte in erster Linie eine Maschine
für das effiziente und behagliche Führen eines geschützten
Familienlebens sein... Das größte Werkzeug der Welt,
die Massenproduktion, wird allen das ermöglichen, was ohne
sie nur wenigen möglich ist... Es heißt, Mr. Fords neues
Modell hätte 43 Millionen Dollar gekostet, wenn nur ein Stück
davon gebaut worden wäre. Die Reproduktion dieser ersten Einheit
kostet 500 Dollar... Es gibt keinen Grund zu glauben, dass eine
Wohnung mehr kosten soll.« (2)
Pioniere wie R. Buckminster Fuller, der sich seine Häuser
von Flugzeugherstellern fertigen ließ, oder Konrad Wachsmann,
Kopf einer florierenden Holzhausfabrik, blieben die Ausnahme. Da
das Bauen von Häusern auch in den 1920er Jahren noch weitgehend
handwerklich betrieben wurde, übernahmen viele Gestalter nur
das »reisefertige« Aussehen des neuen Bauens - und mauerten
dahinter wie gehabt. Ein Denken in Bildern statt in Prozessen beherrsche
bis heute die Architektur, monierten damals Kritiker. (3)
Dabei war die Rationalisierung des Bauprozesses bereits im 19. Jahrhundert
weit fortgeschritten. Säulen, Stürze, Ornamente, eine
Vielzahl von Halbzeugen konnte per Katalog bestellt werden, ebenso
Bausätze und Musterentwürfe von der Gartenlaube bis zum
Bahnhof.
Besonders weit verbreitet waren diese Bauweisen im Pionierland USA.
»Mit der Anwendung von Maschinen ist der Hausbau bedeutend
vereinfacht worden, und die Prärien des Westens sind mit Häusern
übersät, die vorfabriziert und mit allen Einzelteilen
nummeriert dorthin verfrachtet worden sind... Ohne Kenntnis der
balloon-frame-Konstruktion hätten weder Chicago noch San Franzisko
in einem Jahr aus Dörfern zu großen Städten wachsen
können.« (4)
Dass die europäische Baubranche, insbesondere der Wohnungsbau,
um die Jahrhundertwende von der Industrialisierung abgekoppelt wurde,
hatte verschiedene Gründe. Das Baugewerbe war seit jeher mittelständisch
geprägt und streng reglementiert. Der Stand der Technik wurde
streng nach Gewerken getrennt weitergereicht. So lange die Lohnkosten
in Relation zum Material niedrig und genügend Fachkräfte
verfügbar waren, bestand kein Anlass zur Rationalisierung.
Nur in Notzeiten, insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg (wie auch
später nach dem Zweiten), waren neue Ideen gefragt: Ungelernte
Arbeitskräfte hatten aus minderwertigen Materialien Behausungen
zu bauen - die Situation war diesbezüglich mit dem »Wilden
Westen« vergleichbar. Qualitäten wie Solidität und
Individualität waren indes gerade in diesen mageren Zeiten
keine Kriterien und so verband sich das Thema Vorfertigung bald
mit den monotonen Baracken der Massenquartiere. Wer es sich leisten
konnte, setzte bald wieder auf Qualitätsarbeit.
Die Vorbehalte gegen das »Neue Bauen« , das in den 1920er
Jahren aus eben dieser Not eine Tugend zu machen versuchte, saßen
noch tiefer. Während Architekten wie Walter Gropius, Ernst
May oder Martin Wagner das Trauma des Krieges zum Anlass nahmen,
um den modernen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, war für
konservativere Kreise gerade das Bauen dazu ausersehen, Konstanz
und Stabilität zu vermitteln. Diese Polarisierung verhinderte
eine sinnvolle, breitenwirksame Standardisierung, die damals technisch
durchaus greifbar war. Solch »fordistischen« Neuerungen
setzten die Nazis bald Bollwerke der Handarbeit entgegen. Große
Fortschritte machte dagegen die Normung: Ernst Neuferts Bauentwurfslehre
hält bis heute für jeden Planer die »richtige Lösung«
bereit. Die Kriegswirtschaft zwang dann zur Entwicklung standardisierter
Gebäudetypen - von der Reichsarbeitsdienstbaracke über
den Luftschutzbunker bis zum Vernichtungslager.
Nach dem Krieg entstanden wieder abschreckende Massenquartiere,
wurden standardisierte Behausungen nur unter dem Druck der Verhältnisse
akzeptiert. Die bald wieder wachsende Prosperität und die einsetzende
Suburbanisierung hätten der Idee des Fertighauses den Boden
bereiten können, doch setzte sie sich hier nie so durch wie
in den USA. Dort hatten Konrad Wachsmann und Walter Gropius nach
ihrer Emigration das Modell eines »packaged home« entwickelt,
und rigide standardisierte Vorstadtsiedlungen wie Levittown (New
Jersey) wurden ein großer kommerzieller Erfolg.
Auch in der nunmehr überflüssigen deutschen Kriegsindustrie
gab es Bestrebungen, die Produktion auf das zivile Montagehaus umzustellen:
Doch selbst so ausgeklügelten Prototypen wie dem stählernen
Messerschmitt-Haus war kein Erfolg beschieden. Während der
führende US-Hersteller von »manufactured homes«
jährlich 45.000 Häuser absetzen konnte, produzierte von
den mehreren hundert deutschen Herstellern noch im Jahr 1963 keiner
über 1.000 Einheiten. (6) Die oft
allzu leichte Ausführung verschaffte dem Fertighaus das Image
einer Pappschachtel. Das Wirtschaftswunderland bevorzugte solidere
Konstruktionen.
Im Wohnungsbau, der in den fünfziger Jahren allenfalls mit
Teilbausystemen (etwa Welleternit) betrieben wurde, kam in den Sechzigern
die rigorose Industrialisierung: Vorbereitet durch die Bauforschung
war sie die Reaktion auf gestiegene Lohnkosten. Neue Baustoffe und
Konstruktionsmethoden setzten indes große Investitionen voraus,
die viele Baufirmen nicht leisten konnten - ein Konzentrationsprozess
war die Folge. Um ihre Kapazitäten auszulasten, drängten
die neuen Großunternehmen auf riesige Siedlungsprojekte. Nun
wuchs der Anteil der Vorfertigung rasch - 1963 wurde bereits zwischen
einem Drittel und der Hälfte aller Umsätze am Bau außerhalb
der Baustelle erwirtschaftet. Der Mangel an Erfahrung mit diesen
Plattenbauten führte von Anfang an zu schweren Bauschäden,
teure Entsorgung oder Totalabriss waren die Folge.
Schwerwiegender war nach Ansicht von Kritikern jedoch der weitgehende
Verzicht auf die Vorfertigung im lohnintensiven Ausbau. Konzepte
dafür gab es durchaus: Module für Nasszellen und Küchen
(sog. Bauherzen) wurden entwickelt, doch nie im großen Maßstab
angewandt. Eine integrierte Planung fand auch in den Hoch-Zeiten
des industrialisierten Bauens nur vereinzelt statt. Und selbst die
so system- und serienbegeisterten Architekten wandten sich mit Grausen
von den plumpen Ungetümen, die der Bauwirtschaftsfunktionalismus
aus ihren hehren Ideen gemacht hatte.
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Die
Folge war, wieder einmal, eine radikale Kehrtwende - und eine tiefe
Skespis gegenüber technischen Experimenten: Viele Großprojekte
kamen, bedingt auch durch die Rezession, zum Erliegen, und man wandte
sich der Pflege des Bestandes zu. Auch im Neubau prägte fortan
der kleine Maßstab das Bild - häufig wurde das Alte unreflektiert
kopiert, was in der groben Detaillierung der Zeit nur unbefriedigend
sein konnte, vor allem, wenn präfabrizierte Elemente verwendet
wurden.
Die Wiederentdeckung des Unikats, des künstlerischen, aus dem
Kontext entwickelten Entwurfes ging mit einer Rückkehr zum Handwerk
einher - Technik und Konstruktion nahmen nur noch eine untergeordnete,
dienende Rolle ein. Bauen wurde wieder vielgestaltiger, interessanter,
aber auch teurer. Wer es sich leisten konnte, frönte einer pittoresken
Handwerklichkeit - wo man auch hinsah, Standardisierung schien tabu.
Zur selben Zeit gewannen ökologische
Holzbauweisen an Boden. Bretterfassaden wurden, da postmodern und
kostengünstig, gesellschaftsfähig. Waren diese »alternativen«
Siedlungen auch im Prinzip rationell konstruiert, so wurde doch an
vielen Stellen noch gebastelt - und das war durchaus im Sinne der
Erfinder. Selbsthilfe galt als identifikationsfördernd und sinnstiftend.
Das Haus als Produkt zu vermarkten, wäre den Öko-Architekten
nicht im Traum eingefallen.
Die einst so serieninteressierten Architekten profitierten inzwischen
ebenfalls von der Unikat-Bastelei, denn ihr Honorar war und ist immer
noch an die Baukosten gekoppelt. Einen bewährten Entwurf zu wiederholen
oder ihn gar von anderen Architekten zu kopieren, galt (und gilt immer
noch) in der Zunft als unschicklich. Und weil Moden und Geschmäcker
immer rascher aufeinander folgen, fängt man jedes Mal wieder
von vorne an und macht immer wieder neue Fehler. Die schrittweise
Optimierung, wie sie in der Industrie üblich ist, findet im maßgeschneiderten
Wohnbau (im Gegensatz zur Fertighausbranche) kaum statt, eine koordinierte
Bauforschung wurde längst aufgegeben. Noch 1990 hieß es:
»Es bleibt immer bei Einzellösungen auf Bastlerebene, bei
geschlossenen Systemen, die keine Möglichkeit der Vernetzung
mit anderen Gewerken haben«. (5)
Besonders in Österreich, der Schweiz und Deutschland zwang
die nicht rosige Wirtschaftslage der letzten Jahre die Holzindustrie
zu Innovationen. Mit der Entwicklung neuer Holzwerkstoffe und Technologien
ist heute die »individuelle Vorfertigung« möglich:
Nicht das exakte Objekt, sondern das Fertigungs- und Fügungsprinzip
ist normiert. Während der Bausatz im Massivbau - der Urmodul
Stein mutiert zur passgenauen Sonderanfertigung, mit der ganze Häuser
vorgefertigt werden - sich nicht recht durchsetzt, ist der Fortschritt
im Holzbau weitaus größer: Der Zuschnitt des Holzes ist
automatisiert (mit direkter Verbindung vom CAD-Entwurf zur CNC-Maschine),
neue Werkstoffe heben die Beschränkungen des Holzes, bedingt
durch den linearen Baumwuchs, nahezu auf: Vom Kunststoff Holz ist
die Rede, der sich jeder Aufgabe gewachsen zeigt (siehe zuschnitt
3 »Flächige Vielfalt«)
Erhöhte bauphysikalische Anforderungen beschleunigen die Entwicklung
von Standardkonstruktionen: Luftdichte, wärmebrückenfreie
Wände lassen sich besser unter den kontrollierten Bedingungen
im Werk herstellen. Ohne die Kostensteigerungen für Arbeit und
Energie wären solche Entwicklungen wohl branchentypisch im Sande
verlaufen.
Diese Vorfertigung ist indes nicht nur Ausdruck geänderter wirtschaftlicher
und technischer Bedingungen. Auch die Lebensstile haben sich gewandelt.
Das von der Nachkriegsgeneration verinnerlichte Erfolgsmodell, wonach
die eigenen vier Wände Spiegel des Wohlstands und damit wichtigstes
Lebensziel seien, verliert an Anziehungskraft. Das herkömmliche
Einfamilienhaus passt längst nicht mehr jedem. Die lebenslange
Bindung an einen Ort, einen Beruf, einen Partner weicht der Patchwork-
Biografie. In ihr finden langes Planen und Sparen keinen Platz mehr
- schnelle Behausungen hingegen schon.
Einige Länder werden dafür gern als Vorbild genannt. In
Japan hält eine hochentwickelte, von Autokonzernen gesteuerte
Fertighausindustrie beträchtliche Marktanteile. Toyota Home fertigt
aus zwölf Raumzellengrößen in vier bis sechs Stunden
ein 120 Quadratmeter Haus. Die Kunden können dort getrost zwei,
drei Wochen verreisen, während ihr altes Haus abgerissen und
das neue errichtet wird.
Japan und die USA sind indes traditionell Leichtbau- Länder.
Eine kürzere Lebensdauer und geringere Qualität wird dort
akzeptiert - japanische Häuser stehen im Schnitt nur 30 Jahre,
US-Amerikaner bauen gar nur für 15 - 20 Jahre. (3)
In Mitteleuropa hat ein Neubau noch immer 120 Jahre Bestand. Sollte
man solche Vorstellungen von Dauerhaftigkeit aufgeben, wo alle Welt
von Nachhaltigkeit spricht? Gerade vor dem Hintergrund der geschilderten
Erfahrungen wird Europa wohl weiter eigene, kompliziertere Wege gehen.
Zuviel Vorfertigung führt hierzulande womöglich sogar zu
Gegentrends: Slow Food statt Fast Food, echtes Erleben statt Telerealität,
selber bauen statt Fixundfertighaus?
Die im Holzbau heute praktizierte individuelle Vorfertigung kommt
diesem Bedürfnis bereits weit entgegen: Die Spielräume für
Eigenleistung und spätere Anpassungen sind hier größer
als bei allen anderen Baustoffen. Vorfertigung, ohne Ideologie und
Dogma betrieben, führt hier schlicht zu flexibleren, präziseren
und effizienteren Ergebnissen. So könnten die historisch gewachsenen
Vorbehalte am Ende doch der Begeisterung am neuen Baukastenspiel weichen.
(Zeitschrift Zuschnitt 6, 2002; Seite 5ff.)
Verweise:
1) Gropius, W., zitiert nach Isaacs, R., Walter Gropius, S. 384,
Berlin 1983
2) Krausse, J., Lichtenstein, C., Your Private Sky, R. Buckminster
Fuller, S. 135, Zürich 1999
3) Baum, M., in: Institut für Massivbau der RWTH Aachen, Vom
Baukasten zum intelligenten System (Tagungsband), S. 7 ff., Aachen
2000
4) zitiert nach: Giedion, S. , Raum Zeit Architektur, S. 234, Zürich
1976 (orig. Boston 1941)
5) Hackelsberger, Ch., Hundert Jahre deutsche Wohnmisere - und kein
Ende? Braunschweig 1990
6) Hafner, Th., Vom Montagehaus zur Wohnscheibe, Entwicklungslinien
im deutschen Wohnungsbau 1945 - 1970, Basel 1993
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