Schnelles Haus - schönes Haus
Vorfertigung und Akzeptanz
Rein ökonomisch betrachtet, erscheint alles ganz einfach: Höhere Löhne
erzwingen höhere Produktivität. Spezialisierung und Professionalisierung
sind die Folge. Vorgefertigte Angebote durchdringen daher immer weitere Bereiche
unseres Lebens, von der Tiefkühlpizza bis zur Urlaubsreise. Die ersehnte
Individualität - eine Frage der Auswahl, der Kombinatorik.
Allein was das Wohnen angeht, hat man die Rechnung bislang ohne den Wirt gemacht:
Anders als Fast Food stoßen »schnelle« Häuser noch auf
Vorbehalte. Zwar ist heute schon jedes vierte Haus ein Fertighaus, doch ansehen
soll man es ihm nicht. Das Thema Vorfertigung ist historisch belastet.
Vielleicht liegt es ja an den Baukästen, mit denen die Architekten in jungen
Jahren spielten: Von Walter Gropius ist beispielsweise überliefert, dass
er in seiner Kindheit gern, viel und erfolgreich mit Anker- Steinbaukästen
spielte. Als Direktor des Bauhauses sollte er später zum maßgeblichen
Promotor der »fabrikatorischen Hausherstellung« werden: »Das
Wohnhaus ist ein betriebstechnischer Organismus« gibt er 1926 nüchtern
zu Protokoll. »Die Mehrzahl der Individuen hat gleichartige Lebensbedürfnisse.
Es ist daher logisch und im Sinne eines wirtschaftlichen Vorgehens, diese Massenbedürfnisse
einheitlich und gleichartig zu befriedigen.« (1)
Zur Zeit der klassischen Moderne - die ersten Autos rollten just vom Fließband
- lag die Faszination für das »Fabrikatorische« in der Luft:
»Die Wohnung sollte in erster Linie eine Maschine für das effiziente
und behagliche Führen eines geschützten Familienlebens sein... Das größte
Werkzeug der Welt, die Massenproduktion, wird allen das ermöglichen, was
ohne sie nur wenigen möglich ist... Es heißt, Mr. Fords neues Modell
hätte 43 Millionen Dollar gekostet, wenn nur ein Stück davon gebaut
worden wäre. Die Reproduktion dieser ersten Einheit kostet 500 Dollar...
Es gibt keinen Grund zu glauben, dass eine Wohnung mehr kosten soll.« (2)
Pioniere wie R. Buckminster Fuller, der sich seine Häuser von Flugzeugherstellern
fertigen ließ, oder Konrad Wachsmann, Kopf einer florierenden Holzhausfabrik,
blieben die Ausnahme. Da das Bauen von Häusern auch in den 1920er Jahren
noch weitgehend handwerklich betrieben wurde, übernahmen viele Gestalter
nur das »reisefertige« Aussehen des neuen Bauens - und mauerten dahinter
wie gehabt. Ein Denken in Bildern statt in Prozessen beherrsche bis heute die
Architektur, monierten damals Kritiker. (3)
Dabei war die Rationalisierung des Bauprozesses bereits im 19. Jahrhundert weit
fortgeschritten. Säulen, Stürze, Ornamente, eine Vielzahl von Halbzeugen
konnte per Katalog bestellt werden, ebenso Bausätze und Musterentwürfe
von der Gartenlaube bis zum Bahnhof.
Besonders weit verbreitet waren diese Bauweisen im Pionierland USA. »Mit
der Anwendung von Maschinen ist der Hausbau bedeutend vereinfacht worden, und
die Prärien des Westens sind mit Häusern übersät, die vorfabriziert
und mit allen Einzelteilen nummeriert dorthin verfrachtet worden sind... Ohne
Kenntnis der balloon-frame-Konstruktion hätten weder Chicago noch San Franzisko
in einem Jahr aus Dörfern zu großen Städten wachsen können.«
(4)
Dass die europäische Baubranche, insbesondere der Wohnungsbau, um
die Jahrhundertwende von der Industrialisierung abgekoppelt wurde, hatte verschiedene
Gründe. Das Baugewerbe war seit jeher mittelständisch geprägt und
streng reglementiert. Der Stand der Technik wurde streng nach Gewerken getrennt
weitergereicht. So lange die Lohnkosten in Relation zum Material niedrig und genügend
Fachkräfte verfügbar waren, bestand kein Anlass zur Rationalisierung.
Nur in Notzeiten, insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg (wie auch später
nach dem Zweiten), waren neue Ideen gefragt: Ungelernte Arbeitskräfte hatten
aus minderwertigen Materialien Behausungen zu bauen - die Situation war diesbezüglich
mit dem »Wilden Westen« vergleichbar. Qualitäten wie Solidität
und Individualität waren indes gerade in diesen mageren Zeiten keine Kriterien
und so verband sich das Thema Vorfertigung bald mit den monotonen Baracken der
Massenquartiere. Wer es sich leisten konnte, setzte bald wieder auf Qualitätsarbeit.
Die Vorbehalte gegen das »Neue Bauen« , das in den 1920er Jahren aus
eben dieser Not eine Tugend zu machen versuchte, saßen noch tiefer. Während
Architekten wie Walter Gropius, Ernst May oder Martin Wagner das Trauma des Krieges
zum Anlass nahmen, um den modernen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, war für
konservativere Kreise gerade das Bauen dazu ausersehen, Konstanz und Stabilität
zu vermitteln. Diese Polarisierung verhinderte eine sinnvolle, breitenwirksame
Standardisierung, die damals technisch durchaus greifbar war. Solch »fordistischen«
Neuerungen setzten die Nazis bald Bollwerke der Handarbeit entgegen. Große
Fortschritte machte dagegen die Normung: Ernst Neuferts Bauentwurfslehre hält
bis heute für jeden Planer die »richtige Lösung« bereit.
Die Kriegswirtschaft zwang dann zur Entwicklung standardisierter Gebäudetypen
- von der Reichsarbeitsdienstbaracke über den Luftschutzbunker bis zum Vernichtungslager.
Nach dem Krieg entstanden wieder abschreckende Massenquartiere, wurden standardisierte
Behausungen nur unter dem Druck der Verhältnisse akzeptiert. Die bald wieder
wachsende Prosperität und die einsetzende Suburbanisierung hätten der
Idee des Fertighauses den Boden bereiten können, doch setzte sie sich hier
nie so durch wie in den USA. Dort hatten Konrad Wachsmann und Walter Gropius nach
ihrer Emigration das Modell eines »packaged home« entwickelt, und
rigide standardisierte Vorstadtsiedlungen wie Levittown (New Jersey) wurden ein
großer kommerzieller Erfolg.
Auch in der nunmehr überflüssigen deutschen Kriegsindustrie gab es Bestrebungen,
die Produktion auf das zivile Montagehaus umzustellen: Doch selbst so ausgeklügelten
Prototypen wie dem stählernen Messerschmitt-Haus war kein Erfolg beschieden.
Während der führende US-Hersteller von »manufactured homes«
jährlich 45.000 Häuser absetzen konnte, produzierte von den mehreren
hundert deutschen Herstellern noch im Jahr 1963 keiner über 1.000 Einheiten.
(6) Die oft allzu leichte Ausführung verschaffte
dem Fertighaus das Image einer Pappschachtel. Das Wirtschaftswunderland bevorzugte
solidere Konstruktionen.
Im Wohnungsbau, der in den fünfziger Jahren allenfalls mit Teilbausystemen
(etwa Welleternit) betrieben wurde, kam in den Sechzigern die rigorose Industrialisierung:
Vorbereitet durch die Bauforschung war sie die Reaktion auf gestiegene Lohnkosten.
Neue Baustoffe und Konstruktionsmethoden setzten indes große Investitionen
voraus, die viele Baufirmen nicht leisten konnten - ein Konzentrationsprozess
war die Folge. Um ihre Kapazitäten auszulasten, drängten die neuen Großunternehmen
auf riesige Siedlungsprojekte. Nun wuchs der Anteil der Vorfertigung rasch - 1963
wurde bereits zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Umsätze am
Bau außerhalb der Baustelle erwirtschaftet. Der Mangel an Erfahrung mit
diesen Plattenbauten führte von Anfang an zu schweren Bauschäden, teure
Entsorgung oder Totalabriss waren die Folge.
Schwerwiegender war nach Ansicht von Kritikern jedoch der weitgehende Verzicht
auf die Vorfertigung im lohnintensiven Ausbau. Konzepte dafür gab es durchaus:
Module für Nasszellen und Küchen (sog. Bauherzen) wurden entwickelt,
doch nie im großen Maßstab angewandt. Eine integrierte Planung fand
auch in den Hoch-Zeiten des industrialisierten Bauens nur vereinzelt statt. Und
selbst die so system- und serienbegeisterten Architekten wandten sich mit Grausen
von den plumpen Ungetümen, die der Bauwirtschaftsfunktionalismus aus ihren
hehren Ideen gemacht hatte.
Die Folge war, wieder einmal, eine radikale Kehrtwende - und
eine tiefe Skespis gegenüber technischen Experimenten: Viele Großprojekte
kamen, bedingt auch durch die Rezession, zum Erliegen, und man wandte sich der
Pflege des Bestandes zu. Auch im Neubau prägte fortan der kleine Maßstab
das Bild - häufig wurde das Alte unreflektiert kopiert, was in der groben
Detaillierung der Zeit nur unbefriedigend sein konnte, vor allem, wenn präfabrizierte
Elemente verwendet wurden.
Die Wiederentdeckung des Unikats, des künstlerischen, aus dem Kontext entwickelten
Entwurfes ging mit einer Rückkehr zum Handwerk einher - Technik und Konstruktion
nahmen nur noch eine untergeordnete, dienende Rolle ein. Bauen wurde wieder vielgestaltiger,
interessanter, aber auch teurer. Wer es sich leisten konnte, frönte einer
pittoresken Handwerklichkeit - wo man auch hinsah, Standardisierung schien tabu.
Zur selben Zeit gewannen ökologische Holzbauweisen
an Boden. Bretterfassaden wurden, da postmodern und kostengünstig, gesellschaftsfähig.
Waren diese »alternativen« Siedlungen auch im Prinzip rationell konstruiert,
so wurde doch an vielen Stellen noch gebastelt - und das war durchaus im Sinne
der Erfinder. Selbsthilfe galt als identifikationsfördernd und sinnstiftend.
Das Haus als Produkt zu vermarkten, wäre den Öko-Architekten nicht im
Traum eingefallen.
Die einst so serieninteressierten Architekten profitierten inzwischen ebenfalls
von der Unikat-Bastelei, denn ihr Honorar war und ist immer noch an die Baukosten
gekoppelt. Einen bewährten Entwurf zu wiederholen oder ihn gar von anderen
Architekten zu kopieren, galt (und gilt immer noch) in der Zunft als unschicklich.
Und weil Moden und Geschmäcker immer rascher aufeinander folgen, fängt
man jedes Mal wieder von vorne an und macht immer wieder neue Fehler. Die schrittweise
Optimierung, wie sie in der Industrie üblich ist, findet im maßgeschneiderten
Wohnbau (im Gegensatz zur Fertighausbranche) kaum statt, eine koordinierte Bauforschung
wurde längst aufgegeben. Noch 1990 hieß es: »Es bleibt immer
bei Einzellösungen auf Bastlerebene, bei geschlossenen Systemen, die keine
Möglichkeit der Vernetzung mit anderen Gewerken haben«. (5)
Besonders in Österreich, der Schweiz und Deutschland zwang die nicht
rosige Wirtschaftslage der letzten Jahre die Holzindustrie zu Innovationen. Mit
der Entwicklung neuer Holzwerkstoffe und Technologien ist heute die »individuelle
Vorfertigung« möglich: Nicht das exakte Objekt, sondern das Fertigungs-
und Fügungsprinzip ist normiert. Während der Bausatz im Massivbau -
der Urmodul Stein mutiert zur passgenauen Sonderanfertigung, mit der ganze Häuser
vorgefertigt werden - sich nicht recht durchsetzt, ist der Fortschritt im Holzbau
weitaus größer: Der Zuschnitt des Holzes ist automatisiert (mit direkter
Verbindung vom CAD-Entwurf zur CNC-Maschine), neue Werkstoffe heben die Beschränkungen
des Holzes, bedingt durch den linearen Baumwuchs, nahezu auf: Vom Kunststoff Holz
ist die Rede, der sich jeder Aufgabe gewachsen zeigt (siehe zuschnitt 3 »Flächige
Vielfalt«)
Erhöhte bauphysikalische Anforderungen beschleunigen die Entwicklung von
Standardkonstruktionen: Luftdichte, wärmebrückenfreie Wände lassen
sich besser unter den kontrollierten Bedingungen im Werk herstellen. Ohne die
Kostensteigerungen für Arbeit und Energie wären solche Entwicklungen
wohl branchentypisch im Sande verlaufen.
Diese Vorfertigung ist indes nicht nur Ausdruck geänderter wirtschaftlicher
und technischer Bedingungen. Auch die Lebensstile haben sich gewandelt. Das von
der Nachkriegsgeneration verinnerlichte Erfolgsmodell, wonach die eigenen vier
Wände Spiegel des Wohlstands und damit wichtigstes Lebensziel seien, verliert
an Anziehungskraft. Das herkömmliche Einfamilienhaus passt längst nicht
mehr jedem. Die lebenslange Bindung an einen Ort, einen Beruf, einen Partner weicht
der Patchwork- Biografie. In ihr finden langes Planen und Sparen keinen Platz
mehr - schnelle Behausungen hingegen schon.
Einige Länder werden dafür gern als Vorbild genannt. In Japan hält
eine hochentwickelte, von Autokonzernen gesteuerte Fertighausindustrie beträchtliche
Marktanteile. Toyota Home fertigt aus zwölf Raumzellengrößen in
vier bis sechs Stunden ein 120 Quadratmeter Haus. Die Kunden können dort
getrost zwei, drei Wochen verreisen, während ihr altes Haus abgerissen und
das neue errichtet wird.
Japan und die USA sind indes traditionell Leichtbau- Länder. Eine kürzere
Lebensdauer und geringere Qualität wird dort akzeptiert - japanische Häuser
stehen im Schnitt nur 30 Jahre, US-Amerikaner bauen gar nur für 15 - 20 Jahre.
(3) In Mitteleuropa hat ein Neubau noch immer 120 Jahre
Bestand. Sollte man solche Vorstellungen von Dauerhaftigkeit aufgeben, wo alle
Welt von Nachhaltigkeit spricht? Gerade vor dem Hintergrund der geschilderten
Erfahrungen wird Europa wohl weiter eigene, kompliziertere Wege gehen.
Zuviel Vorfertigung führt hierzulande womöglich sogar zu Gegentrends:
Slow Food statt Fast Food, echtes Erleben statt Telerealität, selber bauen
statt Fixundfertighaus?
Die im Holzbau heute praktizierte individuelle Vorfertigung kommt diesem Bedürfnis
bereits weit entgegen: Die Spielräume für Eigenleistung und spätere
Anpassungen sind hier größer als bei allen anderen Baustoffen. Vorfertigung,
ohne Ideologie und Dogma betrieben, führt hier schlicht zu flexibleren, präziseren
und effizienteren Ergebnissen. So könnten die historisch gewachsenen Vorbehalte
am Ende doch der Begeisterung am neuen Baukastenspiel weichen.
Text:
Christoph Gunßer
Dipl.-Ing.; 1963 geboren in Holstein.
Architekturstudium in Hannover, Stuttgart,
Aufbaustudium zum Master of Architecture in den USA. Anschließend mehrere
Jahre Büropraxis.
1989 - 92 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Städtebau,
Wohnungswesen und Landesplanung , Universität Hannover.
1992 - 97 Redakteur »db« deutsche bauzeitung in Stuttgart. Seit 1998
freier Fachjournalist.
Bücher von Christoph Gunßer
Holzhäuser, DVA, 1999
Energiesparsiedlungen Callwey, 2000
Individuell bauen mit Systemen, DVA, 2002
Verweise:
1) Gropius, W., zitiert nach Isaacs, R., Walter Gropius, S. 384, Berlin 1983
2) Krausse, J., Lichtenstein, C., Your Private Sky, R. Buckminster Fuller, S.
135, Zürich 1999
3) Baum, M., in: Institut für Massivbau der RWTH Aachen, Vom Baukasten
zum intelligenten System (Tagungsband), S. 7 ff., Aachen 2000
4) zitiert nach: Giedion, S. , Raum Zeit Architektur, S. 234, Zürich 1976
(orig. Boston 1941)
5) Hackelsberger, Ch., Hundert Jahre deutsche Wohnmisere - und kein Ende? Braunschweig
1990
6) Hafner, Th., Vom Montagehaus zur Wohnscheibe, Entwicklungslinien im deutschen
Wohnungsbau 1945 - 1970, Basel 1993