Mythologie des Waldes

 
  Der Mensch ist ein Baum

Wer sich im Mittelalter an einem Baum verging, dem standen drakonische Strafen in Aussicht. So sollten zum Beispiel, da der Bast der Rinde den animalischen Gedärmen gleichgesetzt wurde, dem alten Vergeltungsgesetz entsprechend, als Strafe für das Schälen der Rinde am stehenden Baum dem Täter die Gedärme aus dem Leib gerissen werden. Die schweren Strafen, die allerdings in der Regel nur angedroht und nicht vollzogen wurden, sind nur erklärlich aus der kultischen Identifizierung von Mensch und Baum.

Wenn sich ein Holzhauer heutzutage vor der Fällung eines Baumes bekreuzigt oder drei Kreuze in den Wurzelstock schneidet, so tut er es wahrscheinlich nur noch aus Tradition und Überlieferung heraus. Kaum noch trägt er den Gedanken mit sich, durch diese Geste Baumgeister abzuwehren, oder einer armen Seele Erlösung zu bringen, die anderenfalls im Baumstrunk fortleben müsste, wenn er keine Abbitte leistet. Die Vorstellung, bei der Fällung eines Baumes ihn als Lebewesen selbst oder vielleicht auch den Geist, der in ihm wohnt, zu verletzen, geht auf die vorchristliche Zeit zurück, in der der Mensch zum Verständnis seiner natürlichen Umwelt und der in ihr waltenden Kräfte an das Eingreifen irdischer und höherer Wesen glaubte.

Bis zum Beginn des Mittelalters war Österreich weitgehend mit Wald bedeckt. Großflächig unbewaldete Gebiete fanden sich nur in den Hochlagen der Alpen, kleinflächiger auch entlang der Flussläufe, in Mooren und an weiteren Orten, die aufgrund ihrer extremen Standortbedingungen das Aufkommen geschlossener Waldbestände auf Dauer nicht zuließen.

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Alte Hutebuchen - ein Symbol der Fruchtbarkeit und des ständigen und stets wiederkehrenden Wachstums.
 

Text:
Elisabeth Johann

Studien der Rechtswissenschaften, Geschichte, Volkswirtschaft, Forstwissenschaft an den Universitäten Wien, München, Freiburg. Mitarbeit an Projekten der Universitäten München, Wien, der Universität für Bodenkultur Wien und der Österr. Akademie der Wissenschaften (Umweltmonitoring). Vertretungsprofessur an der Universität Freiburg, Arbeitsbereich Forstgeschichte.

Derzeit Lehrauftrag an der Universität für Bodenkultur für Internationale Forstgeschichte. Seit 1995 Leiterin der Fachgruppe Forstgeschichte der IUFRO, des Internationalen Verbandes forstlicher Forschungsanstalten und der Arbeitsgruppe Forstgeschichte des Österreichischen Forstvereins. Autorin bzw. Mitautorin von fünf Büchern und rund vierzig wissenschaftlichen Arbeiten. Derzeitiger Arbeitsschwerpunkt ist die Mitarbeit am Projekt »Umweltgeschichte der Stadt Wien« (Holzversorgung und Umweltbewegung).

 

Quellen:
Mantel, K., 1990: Wald und Forst in der Geschichte. Alfeld-Hannover.
Mannhardt. W., 1904: Wald- und Feldkulte. Bd. 1:
Der Baumkultus der Germanen und ihrer Nachbarstämme. Mythologische Untersuchungen, 2. Aufl. Berlin.
Mannhardt. W., 1905: Wald- und Feldkulte. Bd. 2: Antike Wald- und Feldkulte aus nordeuropäischer Überlieferung erläutert. 2. Aufl. Berlin.

 

Links extern
Autorin: Österreichischer Forstverein
Arbeitsgruppe Forstgeschichte
     
               
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