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Holz hat Zukunft

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 8: Forst & Holz
Dezember 2002 - Februar 2003

Das vorliegende Gespräch mit Dr. Erich Wiesner führte Karin Tschavgova am 17. Oktober 2002 in der Sky Lobby des Ares Tower in Wien Donau-City anlässlich des Treffens der Unternehmer und Führungskräfte der Holzindustrie.

Zuschnitt Was zeichnet Holz gegenüber anderen Materialien aus? 

Wiesner Der Rohstoff Holz ist ein echtes »Asset« (engl: Vorzug, Vermögenswert), weil pro Sekunde in Österreich ein Kubikmeter Holz in den Wäldern nachwächst, ein unglaubliches Zukunftspotential, wenn man auch an die große gesellschaftspolitische Herausforderung einer nachhaltigen und ökologischen Bewirtschaftung unserer Erde denkt. Holz ist meines Erachtens der Bauwerkstoff der Zukunft, weil er diese Anforderungen am besten erfüllen kann. Da haben wir in Österreich einen Schatz, genauso wie Wasser, den wir hüten, pflegen und entwickeln sollten. Wir von der Holzwirtschaft können den größten und den besten Beitrag dazu leisten, wenn Politik und Gesellschaft das auch so sehen und entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. 

Zuschnitt Glauben Sie, dass das Vorurteil, Holzbau vernichte Ressourcen und schädige den Wald, schon ausgeräumt ist? Hat sich in der öffentlichen Meinung schon durchgesetzt, dass die Holznutzung des Waldes den Bestand nicht gefährdet?

Wiesner Die Botschaft, die wir jahrelang gesendet haben, dass mehr Holz nachwächst, als wir verbrauchen, ist schon angekommen. Das haben wir getestet und es ist auf breiter Ebene von Politik und Gesellschaft verstanden worden. Wir haben in Österreich ja seit jeher eines der schärfsten und strengsten Forstgesetze. Nur ist die Diskussion überlagert von der Tropenholzdiskussion, wo aus ganz anderen Gründen gerodet und nicht nachhaltig Forstwirtschaft betrieben wird. Wenn man mit Forstleuten spricht, die in die Zukunft schauen, dann haben wir eher ein Problem, weil ein großer Anteil unseres Forstes und des Waldes überaltert und veraltet.

Zuschnitt
 Ist die österreichische holzverarbeitende Industrie im großen EU-Raum konkurrenzfähig und die Möglichkeit, auf lokale Ressourcen zurückgreifen zu können, im EU-Raum überhaupt noch ein Vorteil, wo das Transportwesen stark gestützt wird?

Wiesner Die österreichische Holzwirtschaft und die österreichischen Betriebe, ob Sägeindustrie oder weiterverarbeitende Industrie, ist international hoch wettbewerbsfähig. Wir sehen das auch jetzt an aktuellen Zahlen z.B. an der Exportquote. Obwohl die Baukonjunktur 2002 schlecht ist, die Rahmenbedingungen schlecht sind, hat die österreichische Holzwirtschaft insgesamt den Exportanteil weiter erhöhen können. Wir haben eine der stärksten und modernsten Sägeindustrien, das ist ein Vorteil auch für die weiterverarbeitende Industrie. Was das Thema Transport betrifft, gibt es sehr viele Länder, die kein eigenes Holz besitzen, weil sie keine Wälder haben. Natürlich ist es volkswirtschaftlich allemal besser, fertige Produkte zu exportieren als den »Rohstoff« Bretter. Es wird immer noch sehr viel Schnittholz von Österreich exportiert, aber es ist natürlich sinnvoll, den Anteil an Wertschöpfung, die ich im eigenen Land belassen kann, zu erhöhen, etwa durch hochwertige Werkstoffe und Fertigprodukte.

Zuschnitt Mit welchen Strategien und welchem Zukunftsdenken versucht die Holzindustrie, sich im konstruktiven Holzbau auch in Bereichen zu etablieren, die bislang eher vom Massiv- oder dem Stahlbau besetzt worden sind, etwa im Industriebau, im Hallenbau oder im Geschoßwohnbau?

Wiesner Um in Massenmärkten oder im Industrie- und Gewerbebau Fuß zu fassen, ist das ökologische Argument nicht ausreichend, da zählt die Ökonomie und letztendlich der Preis. Aufgrund der Industrialisierung der Holzindustrie und neuer Technologien sind wir heute in der Lage, auch auf ökonomischer Ebene den Werkstoffen Stahl- und Stahlbeton paroli zu bieten und im Wettbewerb zu bestehen.

Zuschnitt Welche Technologien?

Wiesner
 Beispielsweise war man früher nicht in der Lage, die Holzfestigkeit zu messen und das Holz nach Festigkeitsklassen zu sortieren. Das heißt, wir haben im Bau entsprechende Sicherheitszuschläge gebraucht, weil keine exakten Werkstoffkennzahlen vorgelegen sind. Während es im Beton und im Stahl schon immer exakte Festigkeitsklassen gegeben hat, haben wir faktisch visuell, mit dem Auge, die Festigkeitsklasse geschätzt und mit entsprechenden Sicherheitszuschlägen haben wir dann kalkulieren und dimensionieren müssen. Jetzt kann man Holz maschinell nach Festigkeit sortieren, d.h. wir haben Werkstoffkennziffern und können dadurch auch in der Dimensionierung, im Materialeinsatz wesentlich wirtschaftlicher arbeiten. Das ist die eine Seite. Die zweite Seite ist, dass die maschinelle Ausstattung der Betriebe, die Technisierung so fortgeschritten ist, dass wir hoch ökonomisch Holzwerkstoffe oder Konstruktionsteile produzieren können. Und wir sehen das auch im Wettbewerb, insbesondere bei Konstruktionen, die weiter gespannt sind. Der Holzbau hat sich bei einigen Großprojekten in Europa, die materialneutral ausgeschrieben wurden, gegenüber dem Stahlbau durchgesetzt, wo die Entscheidung des Bauherrn auf rein ökonomischer Ebene gefallen ist. Vor einigen Jahren hätten wir da ökonomisch keine Chance gehabt. D.h. wir sind wirklich wettbewerbsfähig geworden. Der Bauherr und die Gesellschaft bekommt die Ökologie faktisch frei ins Haus mitgeliefert. Früher haben wir gesagt, wenn ihr etwas besonders Schönes bauen wollt oder wenn ihr es ökologisch bauen wollt und ihr entscheidet euch für Holz, dann müsst ihr ein bisserl mehr bezahlen. Heute sind wir ökonomisch wettbewerbsfähig und die Ökologie ist der Mehrwert, ist der freie Zusatznutzen. Und das wäre für mich eine Botschaft auch an die Öffentlichkeit. Die öffentliche Hand hat sich ja auch verpflichtet, teilweise in Verordnungen, auf die Nachhaltigkeit und Ökologie der Produkte zu achten, die sie einkauft. Das muss im Holz jetzt nicht mehr bezahlt werden. Man kriegt die Ökologie faktisch frei Haus mitgeliefert. 

Zuschnitt Gibt es die legistischen Rahmenbedingungen und Grundlagen schon, die den Holzbau in Österreich in größerem Rahmen ermöglichen würden?

Wiesner Ich schätze den Marktanteil im Baugeschehen, wo hauptsächlich das Material Holz verwendet wird, unter 10 Prozent. Aus dieser Position heraus müssen erst Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Massenmärkte für uns öffnen, das heißt z.B. Bauordungen, die es möglich machen, Holz auch in größerem Stile einzusetzen. Einiges ist natürlich schon passiert. Heute ist es in den meisten Bundesländern möglich, Holzhäuser drei- und mehrgeschoßig zu bauen. Das ist die legistische Ebene, die Einstellung der Behörden und auch der Bauherren ist immer noch mit relativ hoher Skepsis verbunden. Man verabschiedet sich nur sehr ungerne von den gewohnten Materialien. 
Man muss in Holz exakter und genauer planen, mehr mit der ausführenden Firma kooperieren. Das macht auf verschiedenen Entscheidungsebenen den Zugang zu Holz und zum Holzbau letztendlich etwas schwieriger. Deshalb investieren wir auch in Ausbildung und Entwicklung, wir wollen also Planer, Architekten, Ingenieure auf breiter Basis besser im Holzbereich schulen. Das sind jene Personen, die Materialentscheidungen treffen. Hier haben wir auch einiges erreicht, es gibt in der Zwischenzeit mehrere Holzbau-Lehrstühle, je einen in Graz, in Innsbruck und in Wien.    Zuschnitt Sehen Sie die Zukunft der holzverarbeitenden Industrie in der Entwicklung von fertigen, standardisierten Produkten und Werkstoffen oder sehen Sie den Vorteil Österreichs auch darin, dass die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe punktgenau vorfertigen und daher auch besondere Aufträge erfüllen können, die nicht mit einem Massenprodukt abdeckbar sind?

Wiesner Ich glaube, es wird beides geben. Die Entwicklungen schließen sich nicht wechselseitig aus, sondern ergänzen sich. Einerseits wird es eine hochentwickelte industrialisierte, mit standardisierten Produkten wirtschaftende Industrie geben und andererseits werden Zimmerei- und Tischlereibetriebe sehr spezifisch auf die Kundenbedürfnisse und - wünsche eingehen können. Diese Betriebe sind, indem sie von der Holzwerkstoffindustrie sehr wettbewerbsfähige Materialien erhalten, gemeinsam mit dem Architekten in der Lage, eine individuelle, qualitativ hochstehende Architektur zu liefern, wodurch die Akzeptanz des Holzbaus wesentlich gehoben werden wird.

Zuschnitt
 Gibt es die legistischen Rahmenbedingungen und Grundlagen schon, die den Holzbau in Österreich in größerem Rahmen ermöglichen würden?

Wiesner Ich schätze den Marktanteil im Baugeschehen, wo hauptsächlich das Material Holz verwendet wird, unter 10 Prozent. Aus dieser Position heraus müssen erst Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Massenmärkte für uns öffnen, das heißt z.B. Bauordungen, die es möglich machen, Holz auch in größerem Stile einzusetzen. Einiges ist natürlich schon passiert. Heute ist es in den meisten Bundesländern möglich, Holzhäuser drei- und mehrgeschoßig zu bauen. Das ist die legistische Ebene, die Einstellung der Behörden und auch der Bauherren ist immer noch mit relativ hoher Skepsis verbunden. Man verabschiedet sich nur sehr ungerne von den gewohnten Materialien. 
Man muss in Holz exakter und genauer planen, mehr mit der ausführenden Firma kooperieren. Das macht auf verschiedenen Entscheidungsebenen den Zugang zu Holz und zum Holzbau letztendlich etwas schwieriger. Deshalb investieren wir auch in Ausbildung und Entwicklung, wir wollen also Planer, Architekten, Ingenieure auf breiter Basis besser im Holzbereich schulen. Das sind jene Personen, die Materialentscheidungen treffen. Hier haben wir auch einiges erreicht, es gibt in der Zwischenzeit mehrere Holzbau-Lehrstühle, je einen in Graz, in Innsbruck und in Wien. 

Zuschnitt Sehen Sie die Zukunft der holzverarbeitenden Industrie in der Entwicklung von fertigen, standardisierten Produkten und Werkstoffen oder sehen Sie den Vorteil Österreichs auch darin, dass die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe punktgenau vorfertigen und daher auch besondere Aufträge erfüllen können, die nicht mit einem Massenprodukt abdeckbar sind?

Wiesner Ich glaube, es wird beides geben. Die Entwicklungen schließen sich nicht wechselseitig aus, sondern ergänzen sich. Einerseits wird es eine hochentwickelte industrialisierte, mit standardisierten Produkten wirtschaftende Industrie geben und andererseits werden Zimmerei- und Tischlereibetriebe sehr spezifisch auf die Kundenbedürfnisse und - wünsche eingehen können. Diese Betriebe sind, indem sie von der Holzwerkstoffindustrie sehr wettbewerbsfähige Materialien erhalten, gemeinsam mit dem Architekten in der Lage, eine individuelle, qualitativ hochstehende Architektur zu liefern, wodurch die Akzeptanz des Holzbaus wesentlich gehoben werden wird.
 

 

Die Leistungsstärke der holzverarbeitenden Industrie zeigt sich auch in spezifisch auf Kundenwünsche zugeschnittenen Produkten. Foto: Ignacio Martinez

Dr. Erich Wiesner
Obmann des Fachverbandes der Holzindustrie Österreichs und geschäftsführender Gesellschafter der Wiesner-Hager Baugruppe Holding GmbH.

Fachverband der Holzindustrie Österreichs
Schwarzenbergplatz 4
A-1030 Wien
T +43 (0)1/7122601
F +43 (0)1/7130309
office@holzindustrie.at
www.holzindustrie.at

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz