Was gibt 's Neues? Annäherung an das
zeitgenössische Möbel aus Österreich



 
  Ciao,Bella! Diese Italiener - modebewusst vom Scheitel bis zur Sohle. Ein sicheres Gefühl für gutes
Design scheinen sie in den Genen zu haben. Italienisches Möbeldesign lässt sich verkaufen und so ist es kaum verwunderlich, dass sich im verkehrsgünstigen Norditalien ein Cluster von Möbelproduzenten etablieren konnte.

Oder die Skandinavier und ihre Möbelbautradition, getragen von einer Haltung, die den Wert des Wohnens so hoch einschätzt, dass sie ihn den Schulkindern im Unterricht vermittelt. Wesentlichen Einfluss auf die Ausprägung des Skandinavischen Wohnstils hatte übrigens der österreichische Architekt und Designer Josef Frank (1885 -1967), der 1934 nach Schweden emigrierte.
Und Österreich? Welches andere Land kann schon auf einen Stuhl (Thonet-Bugholzstuhl Nr.14)verweisen, der weltweit 50 Millionen Mal verkauft wurde, oder auf Jahrzehnte mit handwerklich wie künstlerisch hochwertigsten Möbelentwürfen aus den Wiener Werkstätten?

Was der Krieg abrupt beendet hatte, konnte danach nur noch ansatzweise wiederbelebt werden: Eine vielbesuchte Ausstellung 1952 / 53 im MAK mit neuen, leichten und flexiblen Möbeln für alle Wohnbereiche mündete in einen »Leitfaden für Möbelkäufer«. Die Gemeinde Wien unterstützte eine Initiative »Soziale Wohnkultur«. Einzelne Architekten wie Roland Rainer, Karl Auböck oder Johannes Spalt nahmen sich des Themas an und entwickelten Serienmöbel, für die sich mit Ausnahme weniger Firmen keine Produzenten fanden. Folglich blieben diese Ansätze zu einfachem und formschönem, dabei hochwertigem Mobiliar begrenzt und schafften es nicht, Geschmack und Kaufverhalten der Österreicher nachhaltig zu beeinflussen. Die setzten beim Austausch ihrer Nachkriegserstausstattung auf Gediegenheit in Eiche und auf Wandverbauten en Gros.

[weiter...]
 
  Foto: Gerhard Heller


»Dass der Sessel so lange
nach seiner Entstehung bis
zu einem gewissen Grad
wieder modern geworden ist, überrascht mich selbst am meisten.Was früher fremd und schockierend war, ist es heute,fünfzig Jahre später, eben nicht mehr und wird gekauft. Als Wohnmöbel war er ja nicht gedacht. Einen Esszimmersessel stelle ich
mir eigentlich transparenter
vor, weniger schwer.«

Zitat aus Parnass,
Sondernummer 14 /1998

Architekt Roland Rainer
mit seinem »Stapelsessel«,
den er in den Fünfzigerjahren für die Wiener Stadthalle entworfen und realisiert hat
   
     
Autoren:
Karin Tschavgova
Leitende Redakteurin der Zeitschrift »zuschnitt«
redaktion@zuschnitt.at

Walter Zschokke
Dr. Dipl.-Ing.
Studium der Architektur an der ETH Zürich. Doktorat in Architekturgeschichte an der ETH. Zschokke arbeitet auf dem Gebiet der Architektur als Entwerfer, Historiker, Kritiker, Kurator und Ausstellungsmacher. Mehrere Buchpublikationen, regelmäßige Architekturkritik im Spectrum/Die Presse, sowie Beiträge in Fachzeitschriften und Ausstellungskatalogen. Seit 1989 gemeinsames Atelier mit Architekt Walter Hans Michl in Wien

 
               
Home / zuschnitt.at 9 / Essay - Was gibt 's Neues?
Zuschnitt.at - Link zur Startseite
Abo Kontakt Suche Zuschnitt Ausgaben