Angenommen, Sie brauchen einen Tisch...
... ich wette, Sie kriegen Probleme
     
 

Angenommen, Sie brauchen einen Tisch. Sie wollen
ihn zum Essen, Arbeiten oder Spielen. Angenommen,
Sie möchten, dass Ihr Tisch sicher und mehrere Jahre
steht. Ihren Beinen wünschen Sie unter ihm Bewegungsfreiheit und ihren Stühlen Stauraum. Der Tisch sollte kindlichem Ungeschick und lebhaften Diskussionen gewachsen sein.

Angenommen, Sie sind sich Ihrer so sicher, dass der
Tisch für Sie nicht renommieren muss. Sie schätzen
seinen Erfinder, aber nicht er, sondern der Tisch soll
ein Leben lang in Ihrer Wohnung stehen. Er muss
funktionstüchtig sein, in Ihre Wohnung passen und
sollte Ihr Leben erleichtern. Und er sollte Charakter
haben! Er darf erkennbar sein - aber nicht unbedingt auf den ersten Blick. Sie brauchen also nur einen Tisch … ich wette, Sie bekommen Probleme!

Haben Sie gar einen Blick für sorgfältige Ausführung,
suchen Sie nach einer gereiften Form, wünschen Sie
mit Ihrem Tisch auch noch eine sinnliche, eine haptisch willkommene Begegnung? Wollen Sie zu alledem noch einen angemessenen Preis oder suchen Sie über den Tisch hinaus gar noch Stühle, ein Bett und einen Schrank? Haben Sie schon Abende lang Prospekte studiert und ganze Samstage Möbelhäuser durchforstet? Ich vermute, Sie kommen zu dem Ergebnis: Etwas ist falsch - entweder das Angebot oder Ihr Anspruch.

Im Verlauf einer jahrhundertelangen Entwicklung von
Wohnkultur und Möbelbau, nach einem Jahrhundert
des Aufbruchs, sozialer Wohnkonzepte und einem
radikalen Wandel der Fertigungstechnik mit dem Anspruch »Höchste Qualität in möglichst großer Breite« bleibt wenig bis nichts übrig: eine exklusive schmale und hohe Spitze, die aus einer flächendeckenden Qualitätslosigkeit ragt. Wir haben heute ein breitenwirksames Niveau erreicht, das den Tiefpunkt der für uns überblickbaren Geschichte der Wohn- und Alltagskultur markiert.

An der Spitze der Qualitätsarmut stehen die »Delikatessenläden des Möbelhandels« ,welche jene Schicht bedienen, die selbst nach dem Hausbau noch über Mittel für die Ausstattung verfügt. Die breite Masse wird von »den Großen« versorgt, welche die Niveaulosigkeit, der sie folgen, unablässig selber schaffen. Dazwischen gibt es nichts!

 

Ein differenzierter, feinkörniger Markt wurde systematisch und erfolgreich aufgerieben. Hier immer
weniger »Marken« mit umso höherem Image beladen Häppchen. Dort ein überbordendes Angebot ohne geistigen, intellektuellen oder emotionalen Nährwert.

Zurück bleibt Mangel, Hunger angesichts überquellender Regale. Mangel am Nötigen, mehr als genug vom Überflüssigen. Auf der Strecke bleibt jener Konsument, der, würde man meinen, das Naheliegendste und »Normalste« sucht: ein qualitätsvolles Möbel für entsprechende Kosten.
Was ist passiert? Die Grundidee der Industrialisierung - Serienfertigung in großen Stückzahlen von hoher Qualität - wurde durch die Entwicklung konterkariert. Und zwar in einem Maße, das die Logik der Industrialisierung im Bereich des Möbels infrage stellt.

Der Idee industrieller Serienfertigung hat sich eine
»andere« Idee von Ökonomie entgegengestellt - die
des Konsums und seiner Loslösung von kulturellen
Zielen: Diese »Ökonomie« pflegt den Verschleiß als
konsumbelebendes Element. Dazu muss die große
geistige Befreiungsbewegung des 20 .Jahrhunderts,
die Individualisierung, instrumentalisiert werden.
Individualität begründet ein vielfältiges Angebot. In
Konsequenz wurde aber Qualität durch Quantitäten
ersetzt. Einzigartigkeit ist wichtiger als Qualität.

(Zeitschrift Zuschnitt 9, 2003; Seite 3)

Text: Roland Gnaiger
Studium der Architektur und Diplom an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der TU Eindhoven / Niederlande.
Seit 1979 Büro in Doren und Bregenz.
Von 1985–92 wöchentliche Beiträge zu Architekturthemen im lokalen TV Vorarlbergs.
Seit 1996 Professor und Leiter der Meisterklasse Architektur an der Universität für Gestaltung in Linz.



Der vorliegende Text von Roland Gnaiger wurde mit
freundlicher Genehmigung des Autors auszugsweise
dem gleichnamigen Essay im Katalog »möbel für alle« der
Designinitiative Werkraum Bregenzerwald entnommen.
Erschienen 2002 im Verlag Anton Pustet.


Essay von Roland Gnaiger in ungekürzter Fassung

               
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