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Michael Hausenblas sprach
mit Alexander
von Vegesack, Direktor des Vitra Design Museum
über die Rolle von Holz im zeitgenössischen
Möbeldesign.
Zwischen dem Zeitalter, als der noch nicht aufrecht gehende Mensch
den bloßen Baumstrunk als Sitzgelegenheit nutzte und den Tagen,
in denen er Vollholz mit Kunstharz tränkt, Kunststoffe auf Maisstärkebasis
mit Holzfasern mischt, oder Starkfurnierstreifen zu Formteilen presst,
sind unzählige Festmeter Holz in den Himmel gewachsen. Aus einer
gigantischen Masse Holz, also aus Zellulose, Lignin, Harzen, Wachs,
Gerbstoffen, Stärke, Ölen und mineralischen Stoffen, formt
der inzwischen mit Werkzeug versehene und durch Erfahrung verfeinerte
Mensch einen wahren Kosmos an verschiedenen Sitzmöbeln.
Zuschnitt möchte Ihnen zum Einstieg in das Thema
hier sechs Klassiker aus den letzten 70 Jahren präsentieren,
die zeigen, wie vielfältig der Umgang des Designers mit Holz
im Möbelbau ist - unterschiedlich in Intention, Anwendung des
Materials und seiner Wirkung. An ihnen kann jedoch auch abgelesen
werden, dass die Entwicklung neuer Holzwerkstoffe die Weiterentwicklung
von Sitzmöbeln immer befruchtet hat.
Zuschnitt Was fällt Ihnen zum Thema Holz ein?
von Vegesack Holz ist ein sich regenerierender, gesunder Rohstoff
und vor allem ein sehr sympathisches Material. Es ist leicht zu bearbeiten
und haptisch sehr angenehm. Außerdem altert das Material problemlos.
Seine Erscheinungsform ist sehr ästhetisch und lebendig. Und
riechen tut es auch gut.
Zuschnitt Wie entwickelte sich Holz im
20. Jahrhundert als Werkstoff?
von Vegesack Im Möbelbau ist diesbezüglich natürlich
auch das 19.Jahrhundert von großer Wichtigkeit. In diesen beiden
Jahrhunderten haben wir angefangen, Holz zu zerlegen, zu zerkleinern,
zu zerreiben, um aus diesem Stoff, verbunden mit Leim oder anderen
Zusätzen, Platten, Stäbe, Laminate, Sperrholz und ähnliches
zu erzeugen. Diese Stoffe ließen sich dann wiederum relativ
einfach in einem Arbeitsgang verformen. Das war, glaub ich, die wichtigste
Entwicklung. Damit hat Holz auch gegenüber Plastik seine Konkurrenzfähigkeit
erhöht oder sogar verbessert. Holz ist also nicht starr geblieben
und spielte bei der Entwicklung neuer Techniken gut mit.
Zuschnitt Wie würden Sie - philosophisch betrachtet -
den Unterschied zwischen Holz und Kunststoff
beschreiben?
von Vegesack Emotional betrachtet, würde ich sagen, Holz
hat eine Seele, es ist Teil eines eigenständigen Wesens der Natur.
Außerdem ist es sehr lebendig. Das ist das Wichtigste.
Zuschnitt Was fällt Ihnen zur seinerzeitigen, rasanten
Entwicklung der Kunststoffmöbel ein?
von Vegesack Kunststoff war eine große Chance für
neue Gestaltungsmöglichkeiten. Kunststoff konnte sowohl Konstruktion
als auch tragende Form sein. Aber wie ich schon bemerkte, auch Holz
hat diesen Entwicklungssprung mitgemacht und es gibt gar keinen so
großen Unterschied mehr zwischen der Anwendbarkeit holz- oder
kunststoffeigener Materialien.
Zuschnitt Welche Rolle spielt Holz im zeitgenössischen
Möbeldesign?
von Vegesack Meiner Meinung nach ist Holz nach wie vor das
vorrangige Material für den privaten Wohnbereich. Wie es heute
in Schulen aussieht, weiß ich nicht, aber ich nehme an, dass
auch dort vorrangig Holz benutzt wird. Im Büromöbelbereich
wird für Schränke, Regale und Ähnliches viel Holz eingesetzt.
Es kommt halt darauf an, ob ein repräsentativer Charakter erzielt
werden soll. Das ist eine Image-Frage.
Zuschnitt Mit welchen Möbeln umgeben Sie sich privat?
von Vegesack Da ich Architekten und Designer wie Alvar Aalto,
Eames usw. bevorzuge, ist das meiste aus Holz.
Zuschnitt Welche sind die größten »Sünden«
im Zusammenhang mit der Verwendung von Holz in der Gestaltung?
von Vegesack Da gibt es viele. Betreffend Design würde
ich sagen, die edelholzfurnierte Spanplatte. Die ist einfach nicht
echt. Im weiteren Sinne ist es die ersatzlose Rodung von Wäldern
oder die Verwendung von Tropenholz für Billigprodukte. Ich bin
dann für Tropenholz, wenn es aufgrund seiner Eigenschaften für
wichtige Projekte eingesetzt wird. Dann macht es Sinn. Es muss aber
auch wieder angebaut werden. Diese Garantie muss da sein. Auch das
Transportverhältnis muss dem Zweck entsprechen. Ich kann nicht
für Frühstücksbrettchen Tropenholz verwenden.
Zuschnitt Welchen Stellenwert wird Holz als Werkstoff in der Zukunft
innehaben?
von Vegesack Im Möbelbau wird es voraussichtlich das emotional
bevorzugte Material für den privaten Bereich bleiben.
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Foto: Vitra
Design Museum
Das Bild zeigt Alexander von Vegesack
Alexander von Vegesack
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Straße 1
D-79576 Weil am Rhein
www.design-museum.de |
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Alexander von Vegesack
wurde
1945 in Thüringen geboren.
1966 zieht er nach Hamburg und richtet die erste Galerie namens »Vanity« ein,
um ausgefallene, gebrauchte Kleidungsstücke auszustellen.
1973 erhält er den Auftrag der Stadt Hamburg zur
kulturellen Innenstadtbelebung.
Bis 1975 ist er verantwortlich für die Planung und Ausführung von Wohnateliers
in alten Fabriken und Warenhäusern in Hamburg.
1977 übersiedelt er auf eine Farm nach Südwest-frankreich, beginnt
mit der Zucht von Pferden und restauriert seine Sammlung von Bugholzmöbeln.
1980 ist er an der New Yorker Ausstellung »150 Jahre Thonet« beteiligt.
Bis 1986 richtet er das erste öffentliche Thonet Museum in Boppard am Rhein
ein und gibt das Buch »Deutsche Stahlrohrmöbel« heraus.
Ein Jahr darauf übernehmen die Republik Österreich und die Stadt Wien
einen großen Teil seiner Bugholzkollektion und wieder ein Jahr später
beginnt seine Zusammenarbeit mit Rolf Fehlbaum und Vitra, wo er bis 1989 den
Aufbau der Sammlung für das Vitra Design Museum übernimmt, das noch
im selben Jahr eröffnet wird.
Seither organisiert er zahlreiche Ausstellungen als Direktor des Vitra Design
Museum und bringt unterschiedliche Publikationen in mehreren Sprachen heraus,
darunter: 100 Masterpieces aus der Sammlung des Vitra Design Museum, Bücher
zu Verner Panton, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Erich Diekmann. |
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Text: Michael Hausenblas
Geboren 1969 in Bregenz.
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard. Er betreut dort den Bereich Design. |
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