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Klassiker im Gespräch

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 9: Holz im Möbel
März - Juni 2003, Seite 6ff

Michael Hausenblas sprach mit Alexander von Vegesack, Direktor des Vitra Design Museum über die Rolle von Holz im zeitgenössischen Möbeldesign.

Zwischen dem Zeitalter, als der noch nicht aufrecht gehende Mensch den bloßen Baumstrunk als Sitzgelegenheit nutzte und den Tagen, in denen er Vollholz mit Kunstharz tränkt, Kunststoffe auf Maisstärkebasis mit Holzfasern mischt, oder Starkfurnierstreifen zu Formteilen presst, sind unzählige Festmeter Holz in den Himmel gewachsen. Aus einer gigantischen Masse Holz, also aus Zellulose, Lignin, Harzen, Wachs,Gerbstoffen, Stärke, Ölen und mineralischen Stoffen, formt der inzwischen mit Werkzeug versehene und durch Erfahrung verfeinerte Mensch einen wahren Kosmos an verschiedenen Sitzmöbeln.

Zuschnitt möchte Ihnen zum Einstieg in das Thema hier sechs Klassiker aus den letzten 70 Jahren präsentieren, die zeigen, wie vielfältig der Umgang des Designers mit Holz im Möbelbau ist - unterschiedlich in Intention, Anwendung des Materials und seiner Wirkung. An ihnen kann jedoch auch abgelesen werden, dass die Entwicklung neuer Holzwerkstoffe die Weiterentwicklung von Sitzmöbeln immer befruchtet hat.

Zuschnitt Was fällt Ihnen zum Thema Holz ein?

von Vegesack Holz ist ein sich regenerierender, gesunder Rohstoff und vor allem ein sehr sympathisches Material. Es ist leicht zu bearbeiten und haptisch sehr angenehm. Außerdem altert das Material problemlos. Seine Erscheinungsform ist sehr ästhetisch und lebendig. Und riechen tut es auch gut.

Zuschnitt Wie entwickelte sich Holz im 20. Jahrhundert als Werkstoff?

von Vegesack Im Möbelbau ist diesbezüglich natürlich auch das 19.Jahrhundert von großer Wichtigkeit. In diesen beiden Jahrhunderten haben wir angefangen, Holz zu zerlegen, zu zerkleinern, zu zerreiben, um aus diesem Stoff, verbunden mit Leim oder anderen Zusätzen, Platten, Stäbe, Laminate, Sperrholz und ähnliches zu erzeugen. Diese Stoffe ließen sich dann wiederum relativ einfach in einem Arbeitsgang verformen. Das war, glaub ich, die wichtigste Entwicklung. Damit hat Holz auch gegenüber Plastik seine Konkurrenzfähigkeit erhöht oder sogar verbessert. Holz ist also nicht starr geblieben und spielte bei der Entwicklung neuer Techniken gut mit.

Zuschnitt Wie würden Sie - philosophisch betrachtet - den Unterschied zwischen Holz und Kunststoffbeschreiben?

von Vegesack Emotional betrachtet, würde ich sagen, Holz hat eine Seele, es ist Teil eines eigenständigen Wesens der Natur. Außerdem ist es sehr lebendig. Das ist das Wichtigste.

Zuschnitt Was fällt Ihnen zur seinerzeitigen, rasanten Entwicklung der Kunststoffmöbel ein?

von Vegesack Kunststoff war eine große Chance für neue Gestaltungsmöglichkeiten. Kunststoff konnte sowohl Konstruktion als auch tragende Form sein. Aber wie ich schon bemerkte, auch Holz hat diesen Entwicklungssprung mitgemacht und es gibt gar keinen so großen Unterschied mehr zwischen der Anwendbarkeit holz- oder kunststoffeigener Materialien.

Zuschnitt Welche Rolle spielt Holz im zeitgenössischen Möbeldesign?

von Vegesack Meiner Meinung nach ist Holz nach wie vor das vorrangige Material für den privaten Wohnbereich. Wie es heute in Schulen aussieht, weiß ich nicht, aber ich nehme an, dass auch dort vorrangig Holz benutzt wird. Im Büromöbelbereich wird für Schränke, Regale und Ähnliches viel Holz eingesetzt. Es kommt halt darauf an, ob ein repräsentativer Charakter erzielt werden soll. Das ist eine Image-Frage.

Zuschnitt Mit welchen Möbeln umgeben Sie sich privat?

von Vegesack Da ich Architekten und Designer wie Alvar Aalto, Eames usw. bevorzuge, ist das meiste aus Holz.

Zuschnitt Welche sind die größten »Sünden« im Zusammenhang mit der Verwendung von Holz in der Gestaltung?

von Vegesack Da gibt es viele. Betreffend Design würde ich sagen, die edelholzfurnierte Spanplatte. Die ist einfach nicht echt. Im weiteren Sinne ist es die ersatzlose Rodung von Wäldern oder die Verwendung von Tropenholz für Billigprodukte. Ich bin dann für Tropenholz, wenn es aufgrund seiner Eigenschaften für wichtige Projekte eingesetzt wird. Dann macht es Sinn. Es muss aber auch wieder angebaut werden. Diese Garantie muss da sein. Auch das Transportverhältnis muss dem Zweck entsprechen. Ich kann nicht für Frühstücksbrettchen Tropenholz verwenden.

Zuschnitt Welchen Stellenwert wird Holz als Werkstoff in der Zukunft innehaben?

von Vegesack Im Möbelbau wird es voraussichtlich das emotional bevorzugte Material für den privaten Bereich bleiben.

Alexander von Vegesack

Alexander von Vegesack 
wurde 1945 in Thüringen geboren.
1966 zieht er nach Hamburg und richtet die erste Galerie namens »Vanity« ein, um ausgefallene, gebrauchte Kleidungsstücke auszustellen.
1973 erhält er den Auftrag der Stadt Hamburg zur
kulturellen Innenstadtbelebung. 
Bis 1975 ist er verantwortlich für die Planung und Ausführung von Wohnateliers in alten Fabriken und Warenhäusern in Hamburg.
1977 übersiedelt er auf eine Farm nach Südwest-frankreich, beginnt mit der Zucht von Pferden und restauriert seine Sammlung von Bugholzmöbeln.
1980 ist er an der New Yorker Ausstellung »150 Jahre Thonet« beteiligt. 
Bis 1986 richtet er das erste öffentliche Thonet Museum in Boppard am Rhein ein und gibt das Buch »Deutsche Stahlrohrmöbel« heraus. 
Ein Jahr darauf übernehmen die Republik Österreich und die Stadt Wien einen großen Teil seiner Bugholzkollektion und wieder ein Jahr später beginnt seine Zusammenarbeit mit Rolf Fehlbaum und Vitra, wo er bis 1989 den Aufbau der Sammlung für das Vitra Design Museum übernimmt, das noch im selben Jahr eröffnet wird.
Seither organisiert er zahlreiche Ausstellungen als Direktor des Vitra Design Museum und bringt unterschiedliche Publikationen in mehreren Sprachen heraus, darunter: 100 Masterpieces aus der Sammlung des Vitra Design Museum, Bücher zu Verner Panton, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Erich Diekmann. 

Alexander von Vegesack
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Straße 1
D-79576 Weil am Rhein
www.design-museum.de

Text

Michael Hausenblas
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard