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Rita McBride

Christiane Meyer-Stoll
Erschienen in
Zuschnitt 9: Holz im Möbel
März - Juni 2003, Seite 28

Material-Metamorphosen Die Fremdheiten im Vertrauten

Arena Twaron und Holz, 4,28 x 20 x 30m
Toyota Rattan, 1,26 x 2,10 x 4,86m

Zerbrechlich und einzigartig erscheint die aus Muranoglas gefertigte Skulptur »Chair« (2000). Rita McBride wählte einen der bekanntesten Stühle, einen Thonetstuhl, als Vorbild für diese Arbeit. Michael Thonet begann 1830 zuerst mit schichtverleimtem Holz und später mit unter Dampf gebogenem Buchenholz zu experimentieren und ebnete den Weg zur industriellen Massenproduktion. Neben Biegeform und Dampf beschleunigte die Verschraubung der Einzelteile anstelle des zeitaufwändigen Verleimens die serielle Fertigung, die Thonetstühle wurden zu den ersten Konsummöbeln.

Rita McBrides Skulptur verkehrt diesen Prozess: Mundgeblasene Unikate lässt sie herstellen, die sich jeglichem funktionalen Gebrauch entziehen. In ihren Werken spürt die Künstlerin der Frage des Werts von Material in unserer Produktionsgesellschaft nach. Die kostbaren Murano-Glasteile verbindet sie mit »wertlosem« Klebeband. In der formalen Nähe der beiden Materialien, der Transparenz, entsteht eine brisant ästhetische Spannung. Zugleich mutet das einfache Klebeband, welches die Verschraubung ersetzt, wie ein »heilender« Verband an.

Architektur und die Formen unser Dingwelt als Ausformungen unserer Zivilisation werden in Rita McBrides Werken auf ihre Wirkkraft hin betrachtet. Sie befragt das Verhältnis von Form und Inhalt und spürt Verschiebungen nach. Ihre Arbeit richtet den Blick auf Elemente der zunehmenden Gleichförmigkeit in unseren Lebensräumen. Serialität und Standardisierung sind Parameter geworden. Was steht dahinter? Bedeutet es die Entleerung der Form? Ist sie zugleich gegenwärtige Grundlage für den Verlust von Orientierung und Identität?

In einem Interview äußerte Rita McBride 1997: »Ich bekämpfe den Modernismus, weil er mich ständig enttäuscht. Die Ansprüche des Modernismus waren so berückend und hoch, aber der Idealismus ist völlig gescheitert. Der Output des Modernismus wurde sehr stark von ökonomischen Faktoren, vom Kapitalismus bestimmt. Er ist zu einer Frage der Unternehmensentwicklung geworden. Die Art und Weise, wie Dinge gestaltet werden, und wie sie unsere Erfahrung bestimmen, ist derart unsinnig, ja pervers. Dieses Scheitern ist aber nicht nur tragisch, sondern hat auch etwas Komisches.«

1990 entstand die Arbeit »Toyota«: Aus Rattan ist die Außenform des schnellen Gefährts gebogen, gleich einer dreidimensionalen Zeichnung steht das Automobil – phänotypisch sofort zu erkennen – originalgroß im Raum. Ein weiteres Objekt, das die Moderne entscheidend prägte. Die Handwerklichkeit der mit Bast zusammengebundenen Rattanelemente kontrastiert die aerodynamisch verpackte Technik des originalen Vehikels. Leer ist die Hülle, keine Sitze, kein Lenkrad, kein Motor und doch stellt es augenblicklich eine Verkörperung für Geschwindigkeit dar. Verführend schön und irritierend zugleich. Was ist das für ein Material und wo begegnen wir ihm? Rita McBride öffnet – mit einfachsten Mitteln und mittels Reduktion auf das Wesentlichste – nicht nur eine ungeheure formale Spannung, sondern auch eine inhaltliche. Die Kluft zwischen westlicher Zivilisation und der sogenannten Dritten Welt wird bildhaft und darüber hinaus wendet Rita McBride diese Spanne noch einmal um: Das Automobil entpuppt sich als Fetisch.

Rita McBride ist Bildhauerin. Raum, Volumen, Form, Material, Maßstab und Oberflächen sind ihr Grundvokabular. Ideen lässt sie körperhaft werden. Ihre Arbeiten setzen sich mit der physischen und psychischen Wirkung auf den Menschen von Orten und Objekten auseinander. Physische Raum- und Materialerfahrung setzt sie der zunehmenden medialen Entsinnlichung in unserer Welt der Simulationen und dem damit verbundenen Körperverlust gegenüber und bietet uns zugleich die visuelle Möglichkeit, über Formen und Werte unserer Zivilisation nachzudenken.

Rita McBrite

1960 geboren in Iowa
1982 BA, Bard College, NY
1987 MFA, California Institute of the Arts, Valencia, Cal.
Die Künstlerin lebt und
arbeitet in New York City.

Preise und Stipendien:
1989 - Artist in Residence,
Carson City, Nevada
1991 – 92 American Academy in Rome, Rome Prize Fellowship in Visual Arts
1995 - Artist in Residence in
Palma, Mallorca
1999 - DAAD Stipendium, Berlin


Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2002 - Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz
  • 2001 - 472 New Positions, De Pont Foundation for Contemporary Art, Tilburg (NL)
  • Rita McBride: Machines, Mai 36 Galerie, Zürich
  • 2000 - Secession: Tower, Vienna Workshow, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Neuer Aachener Kunstverein. Her House with the Upstairs in it, DAAD Galerie, Berlin
  • 1999 - National Chain, galerie deux, Tokyo Aloof and Incidental, Annemarie Verna Galerie and Mai 36 Galerie, Zürich Rita McBride &To Be Announced, Kunstverein München
  • 1997 - Arena&National Chain, Witte de With, Rotterdam Alexander and Bonin, NY
  • The Donkey's Way and Piggybackback (mit Lawrence Weiner) Porto, Portugal

Fotos

© Makus Tretter

Text

Christiane Meyer-Stoll
  • geboren 1963 in Essen
  • Studium der Kunstgeschichte in München
  • seit 1989 als Kuratorin für zeitgenössische Kunst tätig
  • 1993 –99 Kuratorin der Sammlung Goetz, München
  • 1999 – 2000 Leitung der Künstlerwerkstatt Lothringerstraße, München
  • seit 2000 Konservatorin am Kunstmuseum Liechtenstein

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