Inhalt

Was gibt's Neues? Annäherung an das zeitgenössische Möbel aus Österreich

Karin Tschavgova, Walter Zschokke
Erschienen in
Zuschnitt 9: Holz im Möbel
März - Juni 2003

Ciao, Bella! Diese Italiener - modebewusst vom Scheitel bis zur Sohle. Ein sicheres Gefühl für gutes Design scheinen sie in den Genen zu haben. Italienisches Möbeldesign lässt sich verkaufen und so ist es kaum verwunderlich, dass sich im verkehrsgünstigen Norditalien ein Cluster von Möbelproduzenten etablieren konnte. 

Oder die Skandinavier und ihre Möbelbautradition, getragen von einer Haltung, die den Wert des Wohnens so hoch einschätzt, dass sie ihn den Schulkindern im Unterricht vermittelt. Wesentlichen Einfluss auf die Ausprägung des Skandinavischen Wohnstils hatte übrigens der österreichische Architekt und Designer Josef Frank (1885 -1967), der 1934 nach Schweden emigrierte.
Und Österreich? Welches andere Land kann schon auf einen Stuhl (Thonet-Bugholzstuhl Nr. 14) verweisen, der weltweit 50 Millionen Mal verkauft wurde, oder auf Jahrzehnte mit handwerklich wie künstlerisch hochwertigsten Möbelentwürfen aus den Wiener Werkstätten? 

Was der Krieg abrupt beendet hatte, konnte danach nur noch ansatzweise wiederbelebt werden: Eine vielbesuchte Ausstellung 1952 / 53 im MAK mit neuen, leichten und flexiblen Möbeln für alle Wohnbereiche mündete in einen »Leitfaden für Möbelkäufer«. Die Gemeinde Wien unterstützte eine Initiative »Soziale Wohnkultur«. Einzelne Architekten wie Roland Rainer, Karl Auböck oder Johannes Spalt nahmen sich des Themas an und entwickelten Serienmöbel, für die sich mit Ausnahme weniger Firmen keine Produzenten fanden. Folglich blieben diese Ansätze zu einfachem und formschönem, dabei hochwertigem Mobiliar begrenzt und schafften es nicht, Geschmack und Kaufverhalten der Österreicher nachhaltig zu beeinflussen. Die setzten beim Austausch ihrer Nachkriegserstausstattung auf Gediegenheit in Eiche und auf Wandverbauten en Gros. 

Frische, Farbe, Abwechslung und Billigvollholz brachte erst Ikea mit der Eröffnung seiner ersten Österreichfiliale 1977 ins Heim, vorwiegend in das von Studenten und Jungfamilien. 25 Jahre danach zeigen sich deutlich die Auswirkungen der »Ikea-nisierung« im österreichischen Möbelvertrieb, der sich heute im Wesentlichen monopolistisch auf zwei große Anbieter reduziert hat: Hier wie dort wird versucht, junges, flottes Design billigst nachzumachen. Jene Generation, die nun nach zwanzig Jahren ihre abgewohnten und aus der Mode gekommenen Billigmöbel schrittweise durch qualitätvolle Stücke ersetzen will, stellt eine Chance für Österreichs Möbelhersteller dar. Der inzwischen gutsituierte Mittelstandshaushalt kann aus einem eher schmalen Katalogangebot heimischer Produzenten wählen, die sich hochwertig verarbeiteten Wohnmöbeln verschrieben haben. Es sind dies mittlere Industrie- und Gewerbebetriebe wie Team 7, Gruber & Schlager oder Optimo, die mit Solidität, Spezialisierung auf »natürliches Wohnen«, mit hohem Vollholzanteil werben und individuelle Beratung anbieten. Legt man Wert auf die Kombination hochklassiger Qualität und außergewöhnlichen Designs, so muss man bereit sein, noch tiefer in die Tasche zu greifen.

Wittmann etwa konnte mit seinen weitgehend handwerklich gefertigten Polstermöbeln und der Neuauflage von Möbelklassikern, u.a. von Josef Hoffmann, seinen Bekanntheitsgrad in den letzten Jahrzehnten auch im Ausland ausbauen. Ihren guten Ruf festigt die Firma mithilfe einiger international tätiger Stammdesigner, die die Kollektion immer wieder um neue Edelstücke bereichern.

Der österreichische Markt allein ist für all jene Firmen, die auf zeitgenössisches Design setzen, zu klein und so streben die, die es ihren italienischen oder skandinavischen Konkurrenten gleichtun wollen, auf renommierte internationale Möbelmessen. Unternehmen wie die Firma Streitner, die sich bislang auf Bankeinrichtungen spezialisiert hat und seit kurzem mit einer exklusiven Produktlinie Furore macht, Braun Lockenhaus, die ihr Qualitätsangebot sukzessive erweitern, oder Gewerbebetriebe wie Hussl, Kapo oder Schmidinger setzen viel Kapital ein, um neue Prototypen zu entwickeln und am europäischen Markt zu positionieren.

Die österreichische Wertmarke, der Zusatznutzen all jener Produkte, könnten - traditionell österreichisch - höchste Material- und Verarbeitungsqualität sein, verlässliche Lieferfristen und Flexibilität in Bezug auf Kundenwünsche. 

Mit genau jenen Vorzügen, aber auch mit reaktionsschneller Anpassung an geänderte Anforderungen ist es der Büromöbelindustrie Österreichs, allen voran Bene und Wiesner-Hager, gefolgt von anderen wie Neudörfler, Hali, Svoboda und Blaha, im letzten Jahrzehnt gelungen, ein solides Marktsegment zu erobern. Mit neuen Entwicklungen der Büroorganisation hin zum zonierten Kombibüro scheint der Bedarf an Büromöbeln, die verschiedenste Tätigkeiten des Büroalltags gekonnt inszenieren, neuerlich geweckt. Es ist heute mehr als die Qualität eines Möbels, die entscheidend für seinen Verkaufserfolg ist. 

Modernste Produktions- und Vertriebslogistik macht serielle Vorfertigung mit teurer Lagerhaltung obsolet. »Just in time« zu produzieren, heißt die Devise aller Hersteller, die Zuschnitt befragt hat. Sie beschränken sich auf die Lagerung einzelner Komponenten und versprechen, Bestellungen schnell, punktgenau und sogar individuell zu erfüllen. Große Firmen bieten Gesamtausstattungen, etwa ganzer Bürokomplexe, an. In der Gastronomie zeitigt dies vom Bodensee bis ins Burgenland einen katastrophal-unpersönlichen Einheitsgastrostil. Lichtblicke bieten jene immer zahlreicher werdenden feinen Beispiele neuer Gaststätten oder Vinotheken, die als gelungene Zusammenarbeit zwischen Architekt und Tischler mit Publikumsandrang und Auszeichnungen belohnt werden. Für beste Maßarbeit im Sinne handwerklicher Tradition.            

Architekt Roland Rainer mit seinem »Stapelsessel«, den er in den Fünfzigerjahren für die Wiener Stadthalle entworfen und realisiert hat

»Dass der Sessel so lange nach seiner Entstehung bis zu einem gewissen Grad wieder modern geworden ist, überrascht mich selbst am meisten. Was früher fremd und schockierend war, ist es heute, fünfzig Jahre später, eben nicht mehr und wird gekauft. Als Wohnmöbel war er ja nicht gedacht. Einen Esszimmersessel stelle ich mir eigentlich transparenter vor, weniger schwer.«

Zitat aus Parnass, Sondernummer 14 /1998

Foto: Gerhard Heller

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz

Walter Zschokke
  • geboren 1948
  • Studium an der ETH Zürich
  • war tätig als Entwerfer von Architektur und Design, als Publizist und Ausstellungskurator
  • 2005 Preis der Stadt Wien für Publizistik
  • gestorben 2009