Inhalt

Ingenieurholzbau – strategisch betrachtet

Christian Haidinger
Erschienen in
Zuschnitt 10: Werkhalle Holz
Juli - September 2003, Seite 8

Statement
Ingenieurholzbau - strategisch betrachtet

Im Dezember 2001 hielt Christian Haidinger in seiner Funktion als wirtschaftlich verantwortlicher Geschäftsführer der WIEHAG GmbH in Altheim, Oberösterreich, eines der größten Holzbauunternehmen unseres Landes, beim 7. Internationalen Holzbau-Forum in Garmisch-Partenkirchen einen Vortrag über neue Strategien zur Standardisierung im Ingenieurholzbau. Da der Inhalt in seiner Direktheit und Schärfe nicht nur dazu angetan ist, zu polarisieren, sondern auch, Gegenstimmen zu provozieren, hat ihn Zuschnitt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers an Architekten, Tragwerksplaner, also an Holzfachleute verschickt, die im Folgenden zum vorliegenden Statement Stellung nehmen.

Neue Strategien zur Standardisierung im Ingenieurholzbau
Meine Intension als wirtschaftlich Verantwortlicher ist es, die Entwicklungen im Ingenieurholzbau einmal von der strategischen Seite her zu betrachten. Dazu möchte ich vorweg die bisherigen Ansätze der Branche kritisch beleuchten und einen Blick in die Zukunft wagen, wie er sich von meinem Standpunkt aus zeigt. Wenn ich dazu das eine oder andere Bild schärfer zeichne, so ist dies nicht als Kritik, sondern als Herausforderung zur Auseinandersetzung mit dem Thema zu sehen.

Bisheriger strategischer Ansatz im Ingenieurholzbau
_ Holz ist exklusiv
Ausgehend vom Selbstverständnis der ganzen Branche, dass Holzkonstruktionen auch nicht annähernd mit ihren Konkurrenzbaustoffen Beton und Stahl mithalten können, suchte man sich für Holzkonstruktionen besonders exklusive Projekte, bei denen man mit Ästhetik und optischen Vorzügen von Holzkonstruktionen punkten konnte.

_ Ästhetik und Architektur bestimmen alles und sind unantastbar
Diese Projekte unterlagen einem extrem hohen architektonischen Anspruch. Die Architektur bestimmte beinahe alle wesentlichen Details und griff ganz maßgeblich auch in die Tragwerksplanung ein. Der Tragwerksplaner war genauso wie das ausführende Unternehmen lediglich ein Erfüllungsgehilfe,der keinen eigenen kreativen Beitrag bringen konnte oder durfte. Sondervorschläge wurden oft generell schon im Zuge der Ausschreibung ausgeschlossen, Änderungsvorschläge im Bereich von Detaillösungen
und Verbindungen waren praktisch unmöglich. Sie galten als illegitimer Schritt zur Verbesserung des ohnehin schon unmäßigen Ertrags der ausführenden Firma.

_ Wirtschaftlichkeit spielt bei der Materialwahl eine untergeordnete Rolle
Nachdem man sich im Vorfeld bereits entschlossen hatte, Stahl, Beton oder Holz für ein bestimmtes Projekt einzusetzen, kam es zu keinem wirklichen Wettbewerb der Baustoffe untereinander. Die einzelnen Baustoffe arbeiteten im wesentlichen in abgezirkelten Bereichen, der Kampf für einen bestimmten Baustoff wurde hauptsächlich über ästhetische Lösungen oder nach dem entsprechenden Vorwissen der Planer entschieden. Dadurch ergab sich ein begrenzter Marktanteil für Holzkonstruktionen, der wieder über besondere Exklusivität hie und da punktuell erweitert werden konnte.

_ Große Holzkonstruktionen sind bedingungslos technikgetrieben
Hatte man sich bei einem Großprojekt für Holz entschieden, wurde versucht, alle letzten Entwicklungen und Möglichkeiten auszuschöpfen. Überzogene Forderungen wie z.B. Überhöhung von Konstruktionen führten dazu, dass Konstruktionen etwa nur noch ganz wenige bis gar keine gleichen Teile hatten.

_ Materialeinsparungen gehen oft zu Lasten der Wirtschaftlichkeit
Es kam zu einer Fülle unterschiedlicher Detaillösungen: Diese waren zwar den Kraftverläufen angepasst, doch durch ihre Vielzahl und die rein auf die Masse bezogenen Optimierungen (Materialeinsparungen) ließen sie die entsprechenden Produktions- und Montagekosten unberücksichtigt, dies auf Kosten der Wirtschaftlichkeit. Feinste Abstufungen führten zu unterschiedlichsten Pressbettund Abbundgeometrien. Die damit erzielten Materialeinsparungen standen teilweise in keinem Verhältnis zu den Kosten. Allein durch Verwechslungsgefahr in Abbund und Montage entstanden enorme Kosten, wie durch Unmengen an Detailzeichnungen.

_ Ziel ist es, Referenzprojekte für den Holzbau zu erstellen
War für ein Großprojekt endlich Holz als Baustoff entschieden, galt es stets als das absolute Referenzprojekt für den Holzbau. Nun zeichnen sich Referenzbauten meist dadurch aus, dass danach kein weiteres Projekt mehr in dieser Art errichtet wird. Meist waren die Errichter, immer aber die ausführenden Unternehmen mit dem wirtschaftlichen Ergebnis des ganzen Projektes äußerst unzufrieden.

_ Holzkonstruktionen zeichnen sich damit durch hohe Komplexität aus
Die vorgenannten Punkte führten automatisch dazu, dass alle größeren Holzkonstruktionen, die auf den Markt kamen, von sehr hoher Komplexität waren. Das Ergebnis waren ein hoher technischer Aufwand und kaum Wiederholungen.

_ Die Forschung betrachtet die Werkstoffseite und nicht die Marktvolumina
Da die Forschung fast ausschließlich aus dem Werkstoffbereich der Prüfanstalten und nicht aus der Industrie kommt, beschäftigte man sich natürlich vorrangig mit der Weiterentwicklung des Werkstoffes, mit neuen Verbindungs- und Klebesystemen, mit der Verleimung unterschiedlicher Holzarten. Wie auch wir in unserem Haus feststellen mussten, wurden diese Entwicklungen oft zu stark aus der Sicht des Technikers und viel zu wenig aus der Sicht des möglichen Marktvolumens gesehen. So passiert immer wieder, dass zwar höhere Festigkeiten technisch erzielbar sind, die dafür einzusetzenden Kosten aber wesentlich höher sind als die erzielten Dimensionseinsparungen.

_ Der Erlös für den Auftragnehmer steht in keinem Verhältnis zu Risiko und Kosten
Um die relativ wenigen auf dem Markt befindlichen Holzkonstruktionen kämpft eine Unmenge kleiner und mittlerer Ingenieurholzbaufirmen. Wenn wir in unsere Auftragsabrechnungen der Projekte sehen und am Jahresende Bilanz ziehen, stehen die Ergebnisse in überhaupt keinem Verhältnis zu den Fixkosten und zu den Risken, die wir tragen.

Für die Erhöhung des Marktanteiles des Holzbaus
bedarf es eines neuen strategischen Ansatzes
_ Holz muss gleichwertiger Baustoff zu Stahl und Beton werden
Das heißt, wir müssen uns im Wettbewerb mit diesen Baustoffen auseinandersetzen und nicht von vornherein sagen, hier nichts entgegensetzen zu können.

_ Holz gewinnt große Marktanteile durch Wirtschaftlichkeit, nicht durch Schönheit
Wenn wir uns ausschließlich damit begnügen, nur von der Schönheit unserer Konstruktionen zu leben, werden wir von diesen Bereichen leben müssen, die zum Großteil von öffentlichen Auftraggebern, die ja kein Geld mehr haben, kommen. Wir werden für die Auftraggeber Schmuckstücke, für uns aber »poor dogs« produzieren.

_ Schönheit ist ein Nebennutzen von Holz-konstruktionen und bestimmt die Kaufentscheidung nur zweitrangig
Wir werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Argument der Schönheit unserer Konstruktionen nicht mehr kaufentscheidend ist. Obwohl es uns allen weh tut, wenn man uns in den Wettbewerb mit einfachen Beton- und Stahlkonstruktionen schickt, werden wir auf der Kosten- und Preisebene gewinnen müssen.

_ Auftragsentscheidungen fallen im Mengenmarkt immer auf der Kostenseite
Wollen wir tatsächlich Marktausweitung für den Holzbau, dann müssen wir in Mengenmärkte gehen, dürfen nicht in exklusiven Märkten bleiben.

_ Marktanteile sind nur von den anderen Baustoffen zu gewinnen
Wenn wir an Marktanteilen, die Holz ohnehin schon hat, dazugewinnen wollen, dann wird es zur Verdrängung und Vernichtung von Unternehmen kommen. Das heißt, wir brauchen tatsächlich Marktanteile der anderen Baustoffe.

_ Wir dürfen uns nicht mit Holzkonstruktionen vergleichen, sondern mit Stahl und Beton
Nicht, dass wir diese Baustoffe gering schätzen dürfen, wir müssen genau ihre Stärken und Schwächen kennen und mit diesem Kenntnisstand auf den Massenmärkten gegen Stahl und Beton reüssieren.

_ Einfachheit der Konstruktion anstelle Komplexität ist gefordert
Dieser Satz ist ohnedies selbstredend. Wer sich hohe Komplexität leisten will, wird im Wettbewerb versagen. Dies gilt nicht nur für die ausführenden Firmen, sondern auch für die Investoren, denn es werden nur noch Gebäude errichtet werden, die sich auch rechnen.

_ Material ist günstiger als Arbeit
So trivial dieser Satz ist, wir müssen im Holzbau weg von den scheinbaren Materialeinsparungen. Diese Einsparungen stellen sich, oft mangels Wissen über die Fertigungsprozesse, nur rechnerisch in der Masse dar. Sie erzeugen aber oft wesentlich höhere Fertigungskosten.

_ Die Konstruktionen müssen bedingungslos wirtschaftlich sein
Da seitens der Investoren das Hauptaugenmerk auf die Wirtschaftlichkeit der Investition gerichtet sein wird, können wir nicht anders. Oder wir erweisen dem Holzbau einen »Bärendienst«.

_ Schönheit kommt aus Einfachheit und Klarheit
Auch wenn wir bedingungslos Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund stellen, heißt das noch lange nicht, dass diese Konstruktionen auch nicht hohen formalen Kriterien gerecht werden können.

_ Wissenschaft und Forschung brauchen marktorientierte Ziele
Die Industrie, d.h. die Unternehmen, die sich mit dem Ingenieurholzbau auseinandersetzen, müssen in den Forschungsprozess mit aufgenommen werden. In der Folge müssen sie aber auch ihren Beitrag leisten, indem sie klar formuliert Entwicklungsziele bereitstellen. Wir brauchen industrielle Visionen für den Ingenieurholzbau in Europa, sonst wird er bedeutungslos wie in den U.S.A.

_ Die Projekte müssen für die Holzbauer wieder Ergebnisse abwerfen
Es kann nicht sein, dass die ausführenden Firmen bei geringem Marktanteil von Holz die zweifelsohne hohe Weiterentwicklung im Ingenieurholzbau alleine, auf eigene Rechnung tragen. Wir brauchen Unternehmen, die Gewinne machen, damit sie in die Zukunft und in die Forschung - wie bei den anderen Baustoffen auch - investieren können.

Gegenrede – Antworten auf das Statement von Christian Haidinger

Text: Christian Haidinger

Baumeister Christian Haidinger ist Geschäftsführer der WIEHAG GmbH in Altheim, OÖ.

Literaturhinweis
Tagungsbandreihe zum Internationalen Holzbauforum IHF
Das IHF findet alljährlich im Congress Zentrum Garmisch- Partenkirchen in Deutschland zu unterschiedlichen Themen des Holzbaus statt und wird von Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Finnland, Kanada, Österreich und der Schweiz getragen. Jede der seit 1998 durchgeführten Veranstaltungen ist in einem Tagungsband der SH-Holz, der Schweizerischen Hochschule für die Holzwirtschaft in Biel, festgehalten.

Bestellung unter info@holzbauforum.ch
www.holzbauforum.ch