Statement
Ingenieurholzbau - strategisch betrachtet


Gegenrede – Antworten auf das Statement von Christian Haidinger
 

Im Dezember 2001 hielt Christian Haidinger in seiner Funktion als wirtschaftlich verantwortlicher Geschäftsführer der WIEHAG GmbH in Altheim, Oberösterreich, eines der größten Holzbauunternehmen unseres Landes, beim 7. Internationalen Holzbau-Forum in Garmisch-Partenkirchen einen Vortrag über neue Strategien zur Standardisierung im Ingenieurholzbau. Da der Inhalt in seiner Direktheit und Schärfe nicht nur dazu angetan ist, zu polarisieren, sondern auch, Gegenstimmen zu provozieren, hat ihn Zuschnitt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers an Architekten, Tragwerksplaner, also an Holzfachleute verschickt, die im Folgenden zum vorliegenden Statement Stellung nehmen.

Neue Strategien zur Standardisierung im Ingenieurholzbau
Meine Intension als wirtschaftlich Verantwortlicher ist es, die Entwicklungen im Ingenieurholzbau einmal von der strategischen Seite her zu betrachten. Dazu möchte ich vorweg die bisherigen Ansätze der Branche kritisch beleuchten und einen Blick in die Zukunft wagen, wie er sich von meinem Standpunkt aus zeigt. Wenn ich dazu das eine oder andere Bild schärfer zeichne, so ist dies nicht als Kritik, sondern als Herausforderung zur Auseinandersetzung mit dem Thema zu sehen.

Bisheriger strategischer Ansatz im Ingenieurholzbau
_ Holz ist exklusiv
Ausgehend vom Selbstverständnis der ganzen Branche, dass Holzkonstruktionen auch nicht annähernd mit ihren Konkurrenzbaustoffen Beton und Stahl mithalten können, suchte man sich für Holzkonstruktionen besonders exklusive Projekte, bei denen man mit Ästhetik und optischen Vorzügen von Holzkonstruktionen punkten konnte.

_ Ästhetik und Architektur bestimmen alles und sind unantastbar
Diese Projekte unterlagen einem extrem hohen architektonischen Anspruch. Die Architektur bestimmte beinahe alle wesentlichen Details und griff ganz maßgeblich auch in die Tragwerksplanung ein. Der Tragwerksplaner war genauso wie das ausführende Unternehmen lediglich ein Erfüllungsgehilfe,der keinen eigenen kreativen Beitrag bringen konnte oder durfte. Sondervorschläge wurden oft generell schon im Zuge der Ausschreibung ausgeschlossen, Änderungsvorschläge im Bereich von Detaillösungen
und Verbindungen waren praktisch unmöglich. Sie galten als illegitimer Schritt zur Verbesserung des ohnehin schon unmäßigen Ertrags der ausführenden Firma.

_ Wirtschaftlichkeit spielt bei der Materialwahl eine untergeordnete Rolle
Nachdem man sich im Vorfeld bereits entschlossen hatte, Stahl, Beton oder Holz für ein bestimmtes Projekt einzusetzen, kam es zu keinem wirklichen Wettbewerb der Baustoffe untereinander. Die einzelnen Baustoffe arbeiteten im wesentlichen in abgezirkelten Bereichen, der Kampf für einen bestimmten Baustoff wurde hauptsächlich über ästhetische Lösungen oder nach dem entsprechenden Vorwissen der Planer entschieden. Dadurch ergab sich ein begrenzter Marktanteil für Holzkonstruktionen, der wieder über besondere Exklusivität hie und da punktuell erweitert werden konnte.

_ Große Holzkonstruktionen sind bedingungslos technikgetrieben
Hatte man sich bei einem Großprojekt für Holz entschieden, wurde versucht, alle letzten Entwicklungen und Möglichkeiten auszuschöpfen. Überzogene Forderungen wie z.B. Überhöhung von Konstruktionen führten dazu, dass Konstruktionen etwa nur noch ganz wenige bis gar keine gleichen Teile hatten.

_ Materialeinsparungen gehen oft zu Lasten der Wirtschaftlichkeit
Es kam zu einer Fülle unterschiedlicher Detaillösungen: Diese waren zwar den Kraftverläufen angepasst, doch durch ihre Vielzahl und die rein auf die Masse bezogenen Optimierungen (Materialeinsparungen) ließen sie die entsprechenden Produktions- und Montagekosten unberücksichtigt, dies auf Kosten der Wirtschaftlichkeit. Feinste Abstufungen führten zu unterschiedlichsten Pressbettund Abbundgeometrien. Die damit erzielten Materialeinsparungen standen teilweise in keinem Verhältnis zu den Kosten. Allein durch Verwechslungsgefahr in Abbund und Montage entstanden enorme Kosten, wie durch Unmengen an Detailzeichnungen.

_ Ziel ist es, Referenzprojekte für den Holzbau zu erstellen
War für ein Großprojekt endlich Holz als Baustoff entschieden, galt es stets als das absolute Referenzprojekt für den Holzbau. Nun zeichnen sich Referenzbauten meist dadurch aus, dass danach kein weiteres Projekt mehr in dieser Art errichtet wird. Meist waren die Errichter, immer aber die ausführenden Unternehmen mit dem wirtschaftlichen Ergebnis des ganzen Projektes äußerst unzufrieden.

_ Holzkonstruktionen zeichnen sich damit durch hohe Komplexität aus
Die vorgenannten Punkte führten automatisch dazu, dass alle größeren Holzkonstruktionen, die auf den Markt kamen, von sehr hoher Komplexität waren. Das Ergebnis waren ein hoher technischer Aufwand und kaum Wiederholungen.

_ Die Forschung betrachtet die Werkstoffseite und nicht die Marktvolumina
Da die Forschung fast ausschließlich aus dem Werkstoffbereich der Prüfanstalten und nicht aus der Industrie kommt, beschäftigte man sich natürlich vorrangig mit der Weiterentwicklung des Werkstoffes, mit neuen Verbindungs- und Klebesystemen, mit der Verleimung unterschiedlicher Holzarten. Wie auch wir in unserem Haus feststellen mussten, wurden diese Entwicklungen oft zu stark aus der Sicht des Technikers und viel zu wenig aus der Sicht des möglichen Marktvolumens gesehen. So passiert immer wieder, dass zwar höhere Festigkeiten technisch erzielbar sind, die dafür einzusetzenden Kosten aber wesentlich höher sind als die erzielten Dimensionseinsparungen.

_ Der Erlös für den Auftragnehmer steht in keinem Verhältnis zu Risiko und Kosten
Um die relativ wenigen auf dem Markt befindlichen Holzkonstruktionen kämpft eine Unmenge kleiner und mittlerer Ingenieurholzbaufirmen. Wenn wir in unsere Auftragsabrechnungen der Projekte sehen und am Jahresende Bilanz ziehen, stehen die Ergebnisse in überhaupt keinem Verhältnis zu den Fixkosten und zu den Risken, die wir tragen.

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Text: Christian Haidinger

Baumeister Christian Haidinger ist Geschäftsführer der WIEHAG GmbH in Altheim, OÖ.
  Literaturhinweis
Tagungsbandreihe zum Internationalen Holzbauforum IHF
Das IHF findet alljährlich im Congress Zentrum Garmisch- Partenkirchen in Deutschland zu unterschiedlichen Themen des Holzbaus statt und wird von Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Finnland, Kanada, Österreich und der Schweiz getragen. Jede der seit 1998 durchgeführten Veranstaltungen ist in einem Tagungsband der SH-Holz, der Schweizerischen Hochschule für die Holzwirtschaft in Biel, festgehalten.

Bestellung unter info@holzbauforum.ch
www.holzbauforum.ch
               
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