Theorie
Technisch-konstruktive Entwicklungspotenziale im Hallenbau
 
  Den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen zu haben das war meine persönliche Erfahrung vor gut einem Jahr: Es ging um die Grazer Stadthalle von Architekt Klaus Kada und die damit verbundene Herausforderung, für das Dachtragwerk alternativ eine »Holzlösung« zu finden. Die Vorgaben, ein 150x70m großes Dach auf nur vier Stützen zu setzen und es dabei noch 45 m frei auskragen zu lassen, waren anspruchsvoll genug, um erst einmal ausschließlich an eine Stahlkonstruktion zu denken. Bei näherem Hinsehen und in Kreativklausur zusammen mit dem Tragwerksingenieur Georg Hochreiner war bald der Nebel gelichtet und das adäquate Holztragwerk überraschend schnell am Papier: Als einfache Verwendung von BSH-Trägern höherer Festigkeitsklasse in Kombination mit ausgeklügelten, »synergetischen« Verbindungselementen, effizienten Stahlzuggliedern und einem kräftigen Schuss Fertigungs-Know-how. Für uns als Holzbauer landete dann leider das Projekt, um knapp sieben Prozent teurer als der Stahl-Bestbieter, in der Schublade der Virtualität. Allerdings war es ein mutmachendes Erlebnis, so knapp an den Stahlpreis heranzukommen. Die Überschreitung des Rubikon war nun denkbar, sie stand im Raum und mit ihr die neue Lust an Holz-Engineering.
Es geht dabei um die Wahrnehmung des gesamten Wissens, die Auslotung von Material- und Humanfähigkeiten und letztlich um ein gezieltes Zusammenführen von Potenzialen innerhalb der Gesamtaufgabe Bauen.

Die großen Aufholschritte und Fortschritte des europäischen Holzbaus der letzten vier Jahrzehnte sind in drei technischen Komponenten begründet: Brettschichtholz als dimensionsstabiles, ausgeformtes, verbindungsfreudiges Industrieprodukt, vertiefte und umfangreiche Grundlagen- und Anwendungsforschung mit Wissenstransfer und die Kombination von Holzwerkstoffen und anderen Materialien. Erst das zeitgerechte Aufeinandertreffen von Ideen und Markterfordernissen lässt neue Entwicklungen zu, leert das Füllhorn der Potenziale. Alles braucht seine Zeit.

[weiter...]
 

Text: Helmut Stingl
Vorsitzender der Europäischen Holzleimbauvereinigung »Glulam«.
Universitätslektor an der TU Graz.
Der Autor lebt seit 4 Jahrzehnten im Wechselbad von Konkurrenzgefühlen zu anderen Baustoffen. Seine »Holztreue« bezieht er aus Überzeugung, fern von Fundamentalismus. Er will Holz nur dort verwenden, wo fast keine Argumente dagegen sprechen, im Wissen, dass auch andere Baustoffe wertvoll sind. Er sieht sich als Lernender
und als ein nach kreativen Lösungen Suchender, gemeinsam mit konstruktiven, offen aufeinander zugehenden Menschen.
 
         
  (Zeitschrift Zuschnitt 9, 2003; Seite 6ff)      
Home / zuschnitt.at 10 / Theorie - Technisch-konstruktive ...
Zuschnitt.at - Link zur Startseite
Abo Kontakt Suche Zuschnitt Ausgaben