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Das Thema gab es ja schon lange. Es tauchte regelmäßig
in den Redaktionssitzungen auf, hieß einmal Verbindungen,
dann Verbindungstechnik oder Verbindungsmittel und fand in jeder
Jahresplanung Erwähnung, ohne eingehender diskutiert zu werden.
Fest stand, dass es als wichtig genug befunden wurde, ihm einen
ganzen Zuschnitt zu widmen. Als man sich zusammenfand, um Erscheinungstermin
und Heftinhalt festzulegen, als es darum ging, Anregungen und Wünsche
zum Inhalt zu sammeln, wucherten die unterschiedlichsten Vorstellungen
üppigst und unstrukturiert.
Das Thema sollte komplex und tiefgehend abgehandelt werden, Entwicklung
und Geschichte der Holzverbindungen seit der Steinzeit sollten ebenso
Platz finden wie die hohe Kunst japanischer Holzverbindungen oder
die Art und Weise, Verbindungen ebenso primitiv wie wirksam mit
Seilen herzustellen. Generationen von Pfadfindern bekommen diese
Verbindungstechnik als Basiswissen heute noch vermittelt. Es wurde
angeregt, klassisch-mechanische Verbindungen und Sonderlösungen
zu trennen, nach »punktförmigen,
linearen und flächigen Verbindungen« zu ordnen, nach
dem Materialverbund »Holz-Holz,
Holz-Beton, Holz-Glas« zu unterscheiden. Die Renaissance der
zimmermannsmäßigen Verbindungen, also jener Holz-Holzverbindungen,
die im allgemeinen kraftschlüssig wirken, mittels CNC-Technik
(Computer numerical control, siehe Zuschnitt 9, Seite 26) dürfe
nicht fehlen, hieß es. Das Thema Verbindungen sollte auf dem
Stand der Technik, anwenderbezogen und problemorientiert abgehandelt
werden. Angesichts der fast erschlagenden Fülle an Vorschlägen
zum Inhalt zeigte sich zweierlei: einmal, dass eine Ordnungsstruktur,
eine Kategorisierung vonnöten sei und zugleich, dass es unmöglich
sein würde, das Thema in seiner ganzen Bandbreite und Komplexität
in eine Zuschnitt-Nummer zu packen. Die Verbindungstechnik musste
eingegrenzt werden auf einen Umfang, der im traditionell schlanken
Zuschnitt Platz finden kann, ohne oberflächlich behandelt zu
sein. Der »Morphologische Kasten,
frei nach Zwicky« tauchte auf. Er fand als Ordnungsstruktur
Erwähnung, aus der man schwerpunktartig jene Verbindungen oder
Verbindungsmittel herausnehmen sollte, die Entwicklungspotenzial
haben. Keiner fragte genauer nach, wer Zwicky und dieser ominöse
Kasten sei. Eine Bildungslücke? Wer ihn nicht kannte, hatte
wohl eine vage Vorstellung. Als zu umfassend verworfen, ging Zwickys
Kasten in der Diskussion wieder unter. In die kam nun - kraftvoll
stählern - der Nagel und mit ihm der Vorschlag, sich im Zuschnitt
doch ausschließlich ihm und seiner Vielfältigkeit, seiner
Potenz und zugleich Einfachheit zu widmen. Ein ganzes Heft nur für
den Nagel? Manchen schien das doch zu puristisch und man einigte
sich darauf, auf den universellen Überblick zwar zu verzichten,
sich statt dessen aber den stift - oder stabförmigen Verbindungsmitteln,
bei denen die Nägel eine Art Prototyp bilden und ihrer Entwicklung
zu widmen - ausführlich und facettenreich. Sie finden im Zuschnitt
nun den Versuch einer geordneten Übersicht über das komplexe
Thema «Stabförmige Verbindungsmittel«, ihre Charakteristik
und ihre Anwendungsmöglichkeit, dann einen Fachartikel über
das Potenzial von Schrauben, deren Entwicklung sich bekanntlich
von der der Nägel ableitet, einen Beitrag über die neueste
Entwicklung bei Stabdübeln, die ihren vorläufigen Höhepunkt
im auch für Laien bestechend leistungsfähigen selbstbohrenden
Stabdübel findet, in der Folge ein Anwenderbeispiel zu vorgenanntem
und schließlich eine sehr persönlich gehaltene, fast
philosophische Betrachtung konstruktiver Verbindungsmittel mit den
Augen des Praktikers Wolfgang Pöschl. Überlegungen zum
Brandschutz von Knoten und Verbindungen runden das Thema ab, während
Geschichte und Wesen des »Matador«,
jenem seit 100 Jahren unverwüstlichen Holzbaukasten aus Klötzen
und stabförmigen Verbindungsmitteln, in den Holzrealien die
feine Würze des Themas bilden.
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P.S. Wenn Sie ebenso neugierig geworden sind wie wir und genau
wissen wollen, was der »Morphologische
Kasten, frei nach Zwicky« denn sei, dann lesen Sie weiter und
folgen Sie unserer Recherche. Das Wort »Morphologie«
entstammt dem Griechischen und bedeutet in enger Übersetzung
soviel wie »Lehre von den Gebilden,
Formen, Gestalten, Strukturen« und deren zugrundeliegenden
Aufbau- bzw. Ordnungsprinzipien. Als Morphologie kann man also jede
nach bestimmten Prinzipien hergestellte Ordnung bezeichnen. Überträgt
man das Merkmal »Ordnung«
auf das Denken, dann bedeutet Morphologie soviel wie »Lehre
vom geordneten Denken«. Schließlich versteht man unter
dem Begriff auch die vergleichende Betrachtung zweier Ordnungen,
Systeme usw. mit ihren Aufbau- und Wirkungsprinzipien, um aus dieser
Gegenüberstellung Erkenntnisse abzuleiten.
Der Schweizer Astrophysiker und unkonventionelle Universalgelehrte
Fritz Zwicky (1898-1974) gilt als profiliertester Morphologe des
20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Morphologie hat zum
Ziel, alle logisch denkbaren Möglichkeiten einer Problemstellung
systematisch zusammenzutragen, Denk- und Handelsblockaden aufzubrechen
und kreative Denkprozesse methodisch zu gestalten. Ein wahrhaft
hoher Anspruch, den Zwicky mit seinem Morphologischen Kasten verbindet.
Das Thema der Verbindungen nach dieser Methodik abzuhandeln, könnte
Anspruch und Inhalt einer wissenschaftlichen Arbeit sein - den Rahmen
und die Möglichkeiten des Zuschnitt übersteigt es bei
weitem.
Hinweise zu Zwicky und der Morphologie unter
www.dynamical-systems.org/zwicky
www.ethlife.ethz.ch/articles/news/zwickysmorphologie.html
Literatur:
(1) Fritz Zwicky
Jeder ein Genie
Verlag Baeschlin, Glarus, 1971
2. (reprint) Auflage 1992
(2) Fritz Zwicky
Entdecken, Erfinden, Forschen im Morphologischen Weltbild
Verlag Baeschlin, Glarus, 1966
2. (reprint) Auflage 1989
Text: Karin
Tschavgova
Leitende Redakteurin der Zeitschrift »zuschnitt«
redaktion@zuschnitt.at
(Zeitschrift Zuschnitt 11, 2003; Seite 3)
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