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»When all else fails use bloody great nails«

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 11: Rein ins Holz
Oktober - November 2003, Seite 12ff

An oben genannten Spruch dachte ich zum Thema Nägel und Schrauben zuallererst.
Bis vor kurzem war die Tatsache, dass normalerweise nur 1 - 5 Prozent der Kraft der chemischen Bindungen als Tragkraft eines konstruktiven Materials wirken, kaum von praktischer Bedeutung, weil die Verbindungen zwischen den einzelnen Komponenten einer Struktur so ineffizient waren, dass sogar die verbleibende Tragkraft eines Materials kaum genutzt wurde.

»... Holzschrauben, die Lieblinge von Amateurzimmerleuten und Bootsbauern, sind das untauglichste Verbindungsmittel von allen. In der Zwischenkriegszeit forschten die Deutschen viel über genagelte Verbindungen und erfanden neue und schlaue mechanische Verbindungen. Diese Errungenschaften werden heute manchmal im Holzhausbau verwendet...«

Anders als englische Handwerker im vorangestellten Spruch englischer Handwerker hält J. E. Gordon also nicht viel von Nägeln. Trotzdem haben die Deutschen offensichtlich auch nach dem Krieg den Nagel weitererforscht mit einem auch in der kleinen Welt des bauenden Architekten wahrnehmbaren, respektablen Ergebnis.

Meine ersten Erinnerungen an Nägel liegen weit zurück in der Kindheit. Einmal war es in diesen Zeiten noch üblich, alte Bretter "auszunageln" und die gebrauchten Nägel auf einer Stein- oder Metallunterlage mit dem Hammer gerade zu klopfen, damals eine typische Arbeit für Kinder. Dann war es strikt verboten, Nägel mit in den Wald zu nehmen und etwa beim Bau von Baumhütten in Bäume zu schlagen; als Verbindungen waren maximal Schnüre erlaubt.

Der Nagel hatte (zumindest im Tischlerumfeld) etwas Anrüchiges, Unelegantes. Er war letztes Mittel in höchster Verzweiflung oder er wurde schamhaft verborgen. Seit es ihn gibt, werden damit schnell Kisten zusammen genagelt und dann mit imposanten Schnitzereien verblendet.

Anders in der Zimmerei: Ich wäre ein reicher Mann, wenn ich für jeden Nagel einen Cent bekommen hätte, den ich in Dachbekiesungen, Grünflächen oder sonst irgendwo auf Baustellen gefunden habe - verloren oder achtlos weggeworfen. Die Anwesenheit von Nägeln scheint in der Zimmerei mit abnehmender Qualifikation des Zimmerers tatsächlich zuzunehmen; von der traditionellen Zimmerei, die weitgehend ohne Nägel auskam, bis zu den Nagelorgien des amerikanischen Holzbaus (ich bin sicher, dass dort noch mehr Nägel herumliegen).
Das Nagelkonzert der Hämmer mit einem vielseitigen Echo ist schon lange abgelöst vom kurzen, trockenen Tackern der Nagelapparate. Der schnelle Nagel für Schalungen und Verkleidungen wird noch lange existieren.

Konstruktiv
Als konstruktives Verbindungsmittel über die grobe Sicherung von Holzverbindungen hinaus hatte der Nagel ein kurzes Revival in der Brettstapeldecke. Die unverleimt aneinandergenagelten Bretter als Decke hatten in ihrer Rauheit einen gewissen Reiz. Interessant fand ich vor allem die Möglichkeit, auf einfache Weise gewölbte Decken herzustellen. Aber schon beim Übergang der Holzfläche vom Innen- in den Außenraum machten die offenen Fugen Probleme. Und jedem Zimmermann, mit dem ich eine Brettstapeldecke realisierte, reichte die einmalige Erfahrung. Die Low Tech-Manufaktur wurde insgesamt als Idiotenarbeit und Rückschritt empfunden. Bei einigen mir bekannten Projekten wurde die Brettstapeltechnologie noch mit teilweiser Verleimung und Aufbeton weitergetrieben bis zu einem Punkt, wo offensichtlich wurde, dass es nur mehr mit Brettschichtholz- oder Brettsperrholzflächen, also mit Leim als Verbindungsmittel weitergehen konnte.

Konstruktiv führt der Weg tatsächlich vom Nagel zum Leim, nicht nur in der Zimmerei. Im Möbelbau ist der (versenkte oder wieder entfernte) Nagel manchmal die Schraubzwinge des armen Mannes oder Bastlers - für den dauerhaften Halt sorgt der Leim.

Auf der Baustelle bei der Montage scheint der Leim auch den schlechten Ruf des Nagels geerbt zu haben; dort wird in der Zimmerei kaum geleimt. Leimen gilt in den Zufällen einer Baustelle als unberechenbar und unzuverlässig. Liegt beim Nagel der Ursprung seiner Geringschätzung in seiner scheinbaren Banalität, so ist es beim Leim die undurchschaubare, fast mystische Wirkungsweise, die unser Misstrauen begründet; und beide sind nebenbei fast so alt wie die Technik selbst. Tatsächlich gehört der Leim ins präzise, kalkulierbare Umfeld der Werkhalle.

Die wahre Überraschung bei den Verbindungsmitteln, gemessen an meiner subjektiven Erfahrung, ist aber die Schraube. Während sie im Maschinen- und Stahlbau seit Anbeginn nicht wegzudenken war, hatte die Schraube im Holzbau wie auch im Möbelbau lange Zeit nur die Außenseiterrolle als Gestell- und Torbandschraube oder im Möbelbau als Schlitzschraube inne, die in ihrer mühsamen händischen Anwendung viel Geschick und das Training recht abgelegener Partien der Armmuskulatur erforderte.

Die Schraube
Die rasante Entwicklung der Schraube für den Holzbau in den letzten beiden Jahrzehnten wurde von zwei Seiten in Bewegung gesetzt. Die Technologie der Schraube wurde optimiert und auf die Eigenschaften und Vorteile des Holzes abgestimmt. Genauso wichtig wie die Entwicklung des Schafts der Schraube war der Fortschritt an ihrem Kopf. Der potentiell exzentrische Schlitz im Schraubenkopf wurde durch zentrische, maschinentaugliche Lösungen ersetzt. Das mehr oder weniger untaugliche Werkzeug des Schraubenziehers wurde durch den Akkuschrauber ersetzt. Damit begann die anhaltende Karriere der Schraube im Holzbau. In der Tischlerei, bei der Montage von Einbaumöbeln und in der Zimmerei bei Holzrosten, Unterbauten und Verkleidungen aller Art hat die Schraube ihren sicheren Platz und der Akkuschrauber ist unverzichtbarer Bestandteil der Standard-Werkzeugkiste. In diesen Bereichen hat die Schraube immer eine wichtige Rolle gespielt, doch nun ist ihre Anwendung weniger schweißtreibend. Die Schraube selbst erscheint im Vergleich zu früher ausgereift, endlich erwachsen.

Zusatz 1
*) in etwa: Wenn gar nix mehr nutzt, nimm' sakrische Nägel.
Wolfgang Pöschl bezieht sich auf einen Satz in den Büchern "Structures or Why Things don't fall down" und "The New Science of Strong Materials or Why You Don't Fall Through the Floor" von James Edward Gordon, siehe Literatur zum Thema, S. 6 in diesem Heft.

Fiat Oberhofer, Mils
Gewölbte Brettstapeldecke zwischen HEB-Profilen

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