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Andy Goldsworthy

Erschienen in
Zuschnitt 12: Holz in Bewegung
Dezember 2003 - März 2004, Seite 28

Momentaufnahme im Gleichgewicht - Andy Goldsworthy's ephemere Kunst

»Ich habe mich immer als ein Objekt in meinem Werk gesehen, als Teil der Natur« sagt einer, der weder in seiner Kunst noch in der einzigen Möglichkeit ihres Bestandes, der bildlichen Dokumentation, physisch in Erscheinung tritt. Und doch scheint Andy Goldsworthy in seinen Skulpturen, in jedem seiner flüchtigen Gebilde präsent zu sein. Seine Arbeit spiegelt die unermüdliche, alles ausschließende Konzentration des Künstlers auf den Versuch wider, den Sinn von Skulptur und damit den Sinn von Natur zu erfassen. Goldsworthy schöpft aus der Natur und nur aus ihr. Er verwendet Steine, Schieferplatten, Erde, Holz, Stöcke, Halme, Blätter und Dornen - Materialien, die er in der Natur vorfindet - und er arbeitet mit den Bedingungen des Ortes, der Tageszeit, der Witterung und der Jahreszeit. Mit großer Ruhe, Akribie und Ausdauer formt er fragile Objekte aus Schnee und Eis, die nicht von Dauer sein können, und thematisiert nicht zuletzt damit wie kein anderer Zeit und Vergänglichkeit. Lässt sich der Betrachter ein auf das Werk, so erzählt es vom Lauf des Lebens: Vom Werden, Wachsen, Vollendetsein für eine kurze Zeitspanne, vom Vergehen, Zerfallen, sich Auflösen, in einen anderen Aggregatzustand übergehen und daraus wieder von neuem entstehen.

Dass Holz für Goldworthy dabei von großer Bedeutung ist, ist naheliegend. Es ist für ihn jedoch kein Werkstoff, den er bearbeitet, veredelt oder verfremdet. Holz ist Fundstück. Keine Säge, kein Schleifpapier oder Nagel verändern das Treibholz, die Äste, Stöcke, Halme oder Blätter. Mit ruhiger Hand, konzentriert und hingebungsvoll schichtet er aufeinander, steckt ineinander, verkeilt, verbindet mit Stielen, steckt mit Dornen fest. In Anchorage bricht er kahle Zweige zu kurzen Stöcken, die er durch Festfrieren an den Enden miteinander verbindet und zu Zickzack- und Schlangenlinien formt. Zuletzt sind einhundertvierzehn Stöcke zu einer fein gezeichneten Lineatur gefügt - als Momentaufnahme in die menschenzeichenleere Schnee- und Eislandschaft Alaskas gestellt. Die Mühen auf dem schmalen Grat zwischen Erfolg und Scheitern, sie sind den vollendeten Gebilden nicht anzusehen. »Viele Male zusammengebrochen« notiert er in seinem Journal. Die Arbeit eines ganzen Tages - zerstört durch einen einzigen Windstoß - zeigt der Film »Rivers and Tides«, der Goldsworthy dabei beobachtet, wie er aus Stengeln, die er mit Dornen zu einem kunstvollen wandgroßen Gespinst zusammensteckt, die Fläche unter einer Astgabel aufspannt. Freilich, das ganze Wollen des Künstlers gilt dem Gelingen einer Arbeit, auch wenn der Vorgang ihrer Auflösung Teil des Prozesses ist wie im Stick Dome, dessen Entstehung der Film dokumentiert. Am Strand, bei Ebbe, baut Goldsworthy eine mächtige Kuppel aus Treibholz, die an ein Iglu erinnert, zugleich den Wasserstrudel reflektiert, der die Konstruktion bei steigendem Wasserspiegel erfassen, sie gegen den Uhrzeigersinn zu drehen beginnen wird, während sie sich langsam auflöst. Im Treiben der lange unversehrt bleibenden oberen Wölbung, gleich einem umgedrehten Weidenkorb, zeigt sich die Perfektion des für den Augenblick geschaffenen Gebildes.

Goldsworthys Arbeit braucht keinen Gag, sie ist frei von Ironie und entsteht ohne technischen Firlefanz. Der Reduktion auf »Baustoffe« auf Materialien aus der Natur und der implizierten Vergänglichkeit der Objekte kommt mehrfache Bedeutung zu: Dem Kunstmarkt verweigern sie sich. Kommerziell verwertbar sind nur die Fotografien, in denen der zurückgezogen lebende Künstler seine ephemeren Kunstwerke dokumentiert. Die Natur inspiriert ihn, aber er macht sie sich weder untertan noch kommerzialisiert er sie. Die Fundstücke, die er ihr entnimmt, verwandelt er in Gebilde von purer Schönheit und Poesie, eher er sie wieder dem natürlichen Zeitenlauf überlässt. Die Bilder seiner Arbeiten bleiben im Gedächtnis haften, unvergänglich und beglückend.

Andy Goldsworthy

wurde 1956 in Cheshire, England geboren. Bereits während seines
Studiums am Bradford College Of Art begann er, in der Natur und mit Naturmaterialien zu arbeiten.
Heute ist er auf der ganzen Welt, aber vor allem um seinen Wohnort Dunfriesshire in Schottland tätig.
Die Fotografien seiner Arbeiten werden regel-mäßig in internationalen Ausstellungen gezeigt und gehören zum Bestandteil privater und öffentlicher Sammlungen.

Film und Literaturhinweis

Rivers and Tides.
Andy Goldsworthy Working With Time.

Regie Thomas Riedelsheimer mit Musik von Fred Frith
Deutschland/ Großbritannien/ Finnland, 2000
Ein wunderbar poetischer Dokumentarfilm.

Holz
Andy Goldsworthy
Zweitausendeins,
4. Auflage 1999
120 Seiten, Euro 33,--

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