Inhalt

Der oder die Klapotetz - klopotec

Gerald Brettschuh
Erschienen in
Zuschnitt 12: Holz in Bewegung
Dezember 2003 - März 2004

Wer wie der Autor dieser Zeilen im steirischen Weinland geboren wurde, wuchs mit der Klapotetz auf - akustisch und optisch. Am Jakobitag, gegen Ende Juli, wenn der »Bauernherbst« beginnt, wird sie aufgerichtet und losgelassen. Wein wird ausgeschenkt, gesungen wird. Ihr Bild, vor allem aber ihr Geklapper begleitet dann geraume Zeit das Leben derer, die sie hören wollen, die ihrem Spiel verfallen sind. Unregelmäßig tönt sie, zu unterschiedlichen Zeiten. Tag und Nacht aber, auf Hügeln und Hängen, im Weingarten, am Waldrand. Wie den Ton beschreiben, der da anschlägt? Musik ist es nicht, mehr ein Ratschen, Klopfen, Rattern, schnell, schneller, dann wieder - durch lange Pausen getrennt - klokk, klongk, klongklong, kluonk, kloungk, klonk …
Wer geschlossenen Auges, bei gutem Wind eine Stunde lang zuhört, wie sie »geht«, der ist gerettet. Man nennt sie die Windmühle, Windg'spiel nenne ich sie jetzt hier. Sie spielt den Wind, der sie spielt, in hölzernen Lauten wider (1).

»Daß sis Gspill leichta draht
Wann da Weinbawind waht« (2)

Der Weinbeerwind weht wie eh und je, wird eher aber nur mehr von den Altvorderen so geheißen, liebevoll bezeichnet.
Vier Arten Holz braucht, wer eine klassische Klapotetz bauen will. Birne, Kirsche, Akazie, Tanne oder Lärche für die Flügel. Das Schlagbrett aber muss aus Kirsche sein, sagten die Alten, die Kundigen, Freikinstla (3), Keuschler und Bauern - ihre Erbauer. Klopótec (der) heisst sie beim Nachbarn, abgeleitet vom Verbum klopótati: klopfen, schlagen. Schlagen tut die Nachbarin auch ein bissl anders, weil sie sechsflügelig ist, achtflügelig aber »unsere«. Der Eibiswalder Kirchenwirt hat mir das erst letztes Jahr, auf dem hohen Hügel von Sveti Urban/ St.Urban, eine Gehstunde nördlich von Marburg/ Maribor, gesagt, ich hab sie vorher nie gezählt! Dort steht ein »Instrument«, das Beethoven, Schönberg, Hendrix et les autres nie gehört haben. Alles, was sie aber »sagt«, ist in Jimmy, Arnold, Ludwig van und den anderen enthalten. Denn: Wind der Welt ist Musik der Welt, aus allen Richtungen des Himmels.

Anmerkung der Redaktion:
Ursprünglich war es die Aufgabe des Klapotetz, mit der beginnenden Reife der Weintrauben die Vögel aus den Weingärten zu vertreiben. Seine abschreckende Wirkung dürfte der Klapotetz verloren haben, als die Vögel merkten, dass ihnen von dem Geklapper keine Gefahr droht. Doch das Bild der sanften südsteirischen Hügel mit ihren scharf gezogenen Linien der parallelen Weinstockzeilen ist ohne Windräder nicht vorstellbar. Die einzelnen Teile des Klapotetz werden aus verschiedenen Holzarten hergestellt: die Flügel aus Fichtenholz, die Klöppeln, Klacheln oder Klappern aus Buche, der Block aus Esche oder Kastanie. 
Das Klang- oder Schlagbrett muss aus Kirschbaumholz sein, weil dieses, wenn darauf geschlagen wird, schrille Töne erzeugt. Als Windruder und Gewichtsausgleich sind meist Birkenbuschen am hinteren Ende des Klapotetz befestigt.

P.S.
In der südsteirischen Heimat von Gerald Brettschuh heißt es meist »die Klapotetz«, abgeleitet von »die Windmühl'«.

Text und Zeichnung:
Gerald Brettschuh
Zeichner und Maler.
1941 geboren in Arnfels. 1958 - 61 Kunstge-werbeschule Graz. Akademie der bildenden Künste in Wien. Akademie der Schönen Künste, Warschau.
Seit 1980 Mitglied der Styrian Artline. Mitarbeiter der Kulturzeitschrift »Sterz«. 1980 Kunstpreis der Stadt Leibnitz. Der Künstler lebt in Arnfels.


1)»Play on me« sagt sie zum Wind
2) aus einem Mundartgedicht von Hans Kloepfer (1867 - 1944)
3) Freikünstler

Dieser Artikel ist abgelegt in: