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Die Orgel: Steht wie ein Baum und bewegt sich doch

Christoph Glatter-Götz
Erschienen in
Zuschnitt 12: Holz in Bewegung
Dezember 2003 - März 2004, Seite 24ff

Gewiss, beim Begriff Orgel denken wohl die meisten zuerst an silbrig schimmernde Zinnpfeifen, wie sie üblicherweise im Prospekt der Orgel stehen, kaum ahnend, dass dahinter noch einige tausend weiterer, vorwiegend kleinerer Pfeifen verborgen sind. Bei Orgelweihen wird das Instrument oft mit der christlichen Gemeinde verglichen, wo sich die vielen einzelnen Stimmen zu einem Gesamtklang vereinigen.

Wussten Sie, dass die Orgel zu ca. 90% aus Holz besteht? Damit die Pfeifen klingen können, brauchen sie eine Basis, auf der sie stehen, wo der Wind, der sie zum Klingen bringt, verteilt wird. Es ist dies die Windlade. Oft besteht sie aus verleimtem Holz, denn hier wäre ein Reißen fatal. Die Windversorgung mit Gebläse, Bälgen und Kanälen ist ebenfalls aus Holz, abgedichtet und beweglich durch Leder. Der Organist braucht so etwas wie eine Schnittstelle, um das Instrument überhaupt spielen zu können. Dafür gibt es den Spieltisch mit meist mehreren Manualen, also Tastenreihen für die Hände, einem Pedal für die Füße, den Registerzügen zum Wählen der Klangfarben und mit anderen Bedienungselementen. Neben Elfenbein bzw. Knochen ist hier oft kostbares Ebenholz zu finden. Die Bewegungen der Tasten und der Registerzüge werden durch die Traktur zu den Windladen übertragen. Dies alles wird schließlich von einem Gehäuse aus Massivholz, oft Eiche oder Fichte, gehalten und gestützt. Es umschließt auch das Pfeifenwerk und schützt es nicht nur vor Staub, sondern dient ihm vor allem als Resonanzkasten, in welchem der Klang der Pfeifen verschmilzt und von dem er in den Raum abgestrahlt wird. Damit sind auch die drei Bewegungsarten des Holzes in der Orgel schon definiert:

Die Nicht-Bewegung
Das Instrument, das bis zu 40 Tonnen wiegen kann, muss stabil gebaut sein: Windladen, Spieltisch und Traktur dürfen ihre Stellung zueinander praktisch um keinen Millimeter verändern, sonst gibt es Heuler und andere Störungen. Selbst das natürliche Schwinden und Quellen des Holzes muss durch entsprechende Bauweisen kompensiert werden. Ebenso schlimm ist es, wenn die Orgel keine äußeren Erschütterungen abfängt, oder gar durch ihre eigenen tiefen Frequenzen ins Zittern gerät. Dann beeinflusst dies neben der Mechanik insbesondere die Pfeifen und Verstimmungen sind die Folge.

Die Fort-Bewegung
Dies betrifft natürlich in erster Linie die Traktur. Der Weg von der Taste zum Ventil unter der Pfeife wird bei einer Orgel durchschnittlicher Größe 2 bis 6Meter betragen, bei einem großen Instrument können es schon mal bis zu 15Meter sein. Die Übertragung geschieht durch »Abstrakten«, das sind Holzstreifen vom Querschnitt einer schmalen, bis zu 5Meter langen Bandnudel. Man kann sich vorstellen, welch hohe Ansprüche gerade an diese frei gespannten Züge gestellt werden: nur feinstes, gerades, astfreies Fichtenholz kommt hier in Frage. Die Abstrakten werden in Längsrichtung ca. 10 bis 12Millimeter bewegt und beim Loslassen der Taste durch das Ventil wieder zurückgezogen. Das mag nicht viel scheinen. Aber der Tastendruck sollte nicht mehr als 150Gramm betragen. Ein virtuoser Organist will einen Ton mitunter bis zu 10 mal pro Sekunde repetieren lassen. Das entspricht der Frequenz eines Maschinengewehrs. Die Traktur eines jeden Tones wird durchschnittlich etwa 4 bis 8 mal umgelenkt, durch Winkel, Wellen und Wippen. Beim Anschlagen je einer Taste werden also jedes Mal bis zu 20 Holzelemente bewegt - und diese setzen sich wieder aus Einzelteilen zusammen. Das Ganze möglichst geräuschlos, natürlich bei jeder Witterung und weltweit bei einer Garantiezeit von 10 Jahren.

Die Schwingung
Jetzt kommen wir endlich zur Musik. Es gibt nämlich auch Pfeifen aus Holz. In den Pfeifen schwingt die darin enthaltene Luftsäule, der Ton wird aber durch das Material der Pfeifen gefärbt. So klingen Holzpfeifen weicher und runder als Metallpfeifen. Auch sind die großen Bass-Pfeifen oft aus Holz, weil sie dann gut am Orgelgehäuse befestigt werden können und so ihre Schwingungen auf das Gehäuse übertragen. Diese tiefen Frequenzen werden an den Fußboden weitergegeben, wo wir sie als Körperschall spüren.

Natürlich werden für alle diese Anwendungen unterschiedlichste Holzarten verwendet, je nach ihren physikalischen Eigenschaften, also ihrer Härte, ihrem Gewicht, ihrer Elastizität, ihrer Geschmeidigkeit, aber auch nach ihrem Aussehen. Mehrere Laufmeter an Fachliteratur belegen die Vielschichtigkeit des Orgelbaus. Und doch hat jeder sein eigenes Credo. Meines lautet auch in Zeiten kostengünstiger Ersatzstoffe und zugegebenermaßen schon sehr wirklichkeitsnaher elektronischer Tonerzeugung: Eine richtige Orgel hat Pfeifen und eine richtige Orgel ist aus Holz.


Einbau der Traktur: Die Abstrakten werden unter den Windladen eingehängt


Die Ventile, die durch die Traktur geöffnet werden und den Wind an die Pfeifen freigeben.


Holzpfeifen


In den Windladen wird der Wind auf die Pfeifen verteilt.


Die Enden der Abstrakten mit ihrer Einhängevorrichtung. Die Abstrakten haben einen Querschnitt von 0,6x6mm und sind bis zu 5m lang.