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Der Trivialfilosof erkennt in der Bewegung des Holzes viel Wahres
und Tiefes. Einem alten Brauch folgend wird die Geistesbeute hier
in zehn starken Sätzen vorgestellt.
I. Holz leidet
Holz, wenn es dem Menschen dient, ist der Endzustand seiner abgewürgten
Aufwärtsbewegung. Wer den Baum fällt, beendet sein Wachstum,
friert seine Entfaltung ein. Die Jahrringzähler sind die Chronisten
des Baumlebens, das mit einem Mord endet. Ob gevierteilt, gespalten,
zersägt, das Holz lässt sich seine Eigenbewegung durch keine
Folter unterdrücken. Es leidet, doch es wehrt sich. Es schwillt
und schwindet. Es muckt auf und wirft sich. Das verarbeitete Holz
erinnert sich an sein Baumleben.
Darum muss es noch schlimmere Qual erdulden, denn der Mensch will
ihm keine Eigenbewegung gestatten. Es wird zerrieben, gekocht, verleimt
und gepresst. Erst als Holzwerkstoff ist es endlich tot und regt sich
nicht mehr. Der Trivialfilosof erkennt: Ja, es gibt ein Leben nach
dem Tode. Aber ewig ist es trotzdem nicht.
II. Holz widersteht.
Die nützlichste Bewegung des Holzes ist die Antibewegung. Holz
wird besonders geschätzt, wenn es bleibt, wo es ist: im labilen
Gleichgewicht. Die Wagen erschüttern die Brücke, doch die
bewegt sie nicht. Der Flügel drückt auf die Balkenlage,
doch sie gibt nicht nach. Der Schnee belastet das Dach, doch das wankt
keinen Zoll. Stabilität ist alles, Bewegung ist nichts. Holz,
das sich bewegt, ist schon verdächtig. Der Trivialfilosof erkennt:
Die wichtigste Bewegung ist das Verharren.
III. Holz schwingt
Die widerspruchvollste Bewegung des Holzes ist die unsichtbare. Ein
schnelles Zittern am Ort, das man Schwingung nennt. Man sieht sie
nur mit den Ohren, denn sie bildet den Ton des Musikinstruments. Die
Geige schluchzt, die Oboe näselt, der Kontrabass ergrimmt, aller
Wohlklang strömt unsichtbar. Der Trivialfilosof erkennt: Kunst
ist ein leises Zittern.
IV. Holz dreht
Das Mühlrad saust und ist trotzdem auf seine Welle aufgespießt.
Das Spinnrad surrt und kommt nicht voran. Das Windrad stöhnt
und bleibt, wo es ist. Das Holz dreht sich in rasendem Stillstand.
Nicht alles, was sich bewegt, geht auch vorwärts. Der Trivialfilosof
erkennt den tiefen Widerspruch: Drehen ist Stehenbleiben.
V. Holz befriedigt
Das Schaukelpferd stillt den Bewegungsdrang.
Der Hampelmann reckt seine Glieder zu des Kindes Entzücken. Die
Watschelente wackelt freudestiftend. Die Ratsche dreht und lärmt.
Die Bewegung geht ins Leere, doch sie findet ihren Sinn in sich selbst.
Das Holz befriedigt motorisch. Der Trivialfilosof erkennt: Je nutzloser
die Bewegung, desto sinnvoller wird sie.
VI. Holz geht
Das Holzbein marschiert. Das Wagenrad fährt.
Die Holzschuhe klappern fort. Das Skateboard saust. Der Spazierstock
schreitet aus. Der Mensch benützt das Holz als Fortbewegungsinstrument.
Holz kommt voran. Doch gilt das als selbstverständlich und keiner
fragt, warum. Der Trivialfilosof erkennt: Der Mensch ist holzvergessen.
VII. Holz produziert
Der Bleistift zieht krause Linien und schafft damit den Brief. Der
Pinsel fährt über die Leinwand und erzeugt das Bild. Das
Zündholz setzt sich mit zuckender Bewegung in Brand und gibt
durch Selbstmord dem Raucher Feuer. Das Holz bewegt sich als Werkzeug,
geführt von Menschenhand. Der Trivialfilosof erkennt: Holz wird
instrumentalisiert.
VIII. Holz fliegt
Nach dem Prügel und der Keule erfand der Mensch den Pfeil und
den Speer. Der Nahkampf wurde durch Fernwirkung ersetzt. Fortschritt
ist, wenn man außerhalb der Gefahrenzone bleibt. Die Entwicklung
endet mit dem Bumerang. Er kehrt zurück, wenn er nicht trifft.
Der Trivialfilosof erkennt: Sobald Holz fliegt, tötet es.
IX. Holz reist
Der Samenflug überwindet große Distanzen.
Der Mensch verpflanzt, importiert Samen und Bäume. Der botanische
Garten ist das Asylantenheim des Holzes. Das Treibholz schwimmt ans
fremde Ufer. Das Holz ist unterwegs und kennt keine politischen Grenzen.
Nur das Klima kann es stoppen. Nur die Natur setzt Grenzen, nicht
die Politik. Der Trivialfilosof erkennt: Holz ist der Stoff, aus dem
die Freiheit geschnitzt ist.
X. Holz schrumpft
Wer es verbrennt, sieht, wie das Holz schrumpft. Seine Masse schmilzt,
seine Widerstandskraft verraucht. Aus Masse wird Asche. Der Trivialfilosof
erkennt: Der innere Wert des Holzes sind Wärme und Krümel. |
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Text:
Benedikt Loderer
1945 in Bern geboren.
Studierte nach einer Bauzeichnerlehre Architektur an der ETH
Zürich.
1988 Initiator zur Gründung von »Hochparterre»,
einer Zeitschschrift für Architektur und Design aus Zürich,
deren Chefredakteur er bis zu seinem Rücktritt 1997 war.
Schreibt nach wie vor für »Hochparterre», aber
auch für andere Medien und durchkreuzt und erforscht seine
Umgebung als Stadtwanderer.
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