Inhalt

Hölzer im Musikinstrumentenbau

Gunther Joppig
Erschienen in
Zuschnitt 12: Holz in Bewegung
Dezember 2003 - März 2004, Seite 22ff

In Schwingung versetzt Hölzer im Musikinstrumentenbau

Solange es Musikinstrumente gibt, spielt bei deren Konstruktion das gewachsene Material Holz eine unverzichtbare Rolle. Mehrere Faktoren sind dafür verantwortlich, dass bis heute der Werkstoff Holz im Musikinstrumentenbau eine nicht wegzudenkende Rolle spielt. Da ist zunächst einmal die im Vergleich zu Metallen leichtere Zurichtbarkeit zu nennen: Holz lässt sich hacken, spalten, sägen, bohren, hobeln, fräsen, drechseln, schleifen, polieren und lackieren und - bei Kenntnis der konstruktiven Eigenschaften - zu Resonanzkörpern zusammenfügen und verleimen. Damit wurden bereits die beiden Haupteigenschaften genannt, nach denen Hölzer für den Musikinstrumentenbau ausgewählt werden, nämlich nach ihren klanglichen und ihren konstruktiven Eigenschaften. Eine kaum zu übersehende Vielfalt von Bäumen bietet dem Instrumentenbauer eine scheinbar unbeschränkte Auswahl an Hölzern, sodass er auch nach ästhetischen Gesichtspunkten seine Hölzer aussuchen kann. Das ist immer dann der Fall, wenn es um konstruktive Belange geht, wo es auf eine besondere Stabilität ankommt. Ungleich geringer ist die Zahl an sogenannten Klang-, Ton- oder Resonanzhölzern, die zur Klangverstärkung von Saitentönen benötigt werden, die, seien sie durch Streichen, Zupfen, Anreißen oder Anschlagen zum Schwingen gebracht, aufgrund der geringen Masse über keinen genügend lauten Eigenton verfügen. Schon früh stellte der musizierende Mensch fest, dass die besten Resonanzeigenschaften die Nadelhölzer besitzen, da entsprechend dünn gearbeitete Klangplatten schon durch die Luftschwingungen der Saiten reagieren, in besonderem Maße aber mittels Stegen zum Mitschwingen angeregt werden, und damit zur Klangverstärkung beitragen. 

Unter Geigenbauern gilt die Regel: »Je dichter das Holz, desto dünner, je weicher das Holz, desto stärker müssen Decken und Boden ausgearbeitet sein« (Apian-Bennewitz/ Möckel, 1920). Bei der Ausarbeitung der Resonanzdecke eines Streichinstruments wird der Geigenbauer deshalb möglichst auf feinjähriges Holz achten und es so fügen, dass die engen Jahresringe sich in der Mitte befinden und nach außen hin weiter werden. Da jedes Holzscheit unterschiedlich gewachsen ist, können fabriksmäßig hergestellte Geigen, bei denen die Wölbung und Deckenstärke nach einer Schablone gefräst wurden - selbst, wenn das Vorbild eine berühmte Stradivari-Violine ist - niemals die Klangcharakteristik des Vorbilds erreichen. Konsequenterweise verzichten elektroakustisch verstärkte Gitarren und Bässe auf Resonanzdecken, obwohl bei diesen Solid-body-Instrumenten dennoch die Wahl des Holzes und sogar die Anzahl der Segmente, aus denen der Körper zusammengesetzt ist, bei den Custom-made-Guitars von Einfluss sein soll.

Hier beginnen bereits die Legenden. Besonders viele ranken sich um die Meisterwerke der Geigenbaukunst, die eng mit so berühmten Namen wie Jacob Stainer (1617 - 1683), Antonio Stradivari (um 1644-1737) und Giuseppe Guarneri »del Gesù« (1698-1744) verbunden sind. 

Feinjähriges Resonanzfichtenholz wuchs vor allem in höheren Gebirgslagen, und so wird von Stradivari berichtet, dass er sein Resonanzholz aus dem Val di Fiemme, dem Fleimser Tal in Südtirol bei Bozen bezog. In früheren Zeiten mussten die geschlagenen Stämme ohne mechanische Hilfe aus der Wuchsregion in die Täler geschafft werden, wo sie dann geflößt werden konnten. Zu diesem Zweck wurden sogenannte Riesen konstruiert, die man sich als überdimensionale Rodelbahnen vorstellen muss, die bei strengem Frost mit Wasser besprengt wurden, sodass eine Rutschbahn entstand, über die die entasteten Stämme hunderte von Metern zu Tale sausten. Da die Stämme bei ihrer Talfahrt immer wieder in der Riesenwandung anschlugen, wurden sie zum Klingen gebracht. Stämme mit besonders hochliegender Klangcharakteristik wurden »cantori« (Sänger) genannt. Jacob Stainer soll sich tagelang am Fuße einer solchen Riese aufgehalten haben, um sein Geigenbauholz nach Gehör auszuwählen. Auch für Italien ist diese Art der Holzauswahl überliefert und dabei stellte sich heraus, dass die besten Klangergebnisse haselwüchsige Fichtenstämme lieferten, weshalb bis heute die Haselfichte einen geradezu legendären Ruf genießt. Genau genommen handelt es sich um einen Wuchsfehler, kenntlich an den Jahrringgrenzen, die immer wieder v-förmig eingebuchtet sind. Innerhalb eines Fichtenwaldes weisen nur einige wenige Stämme diese Wuchscharakteristik auf, wobei es der Holzforschung noch nicht gelungen ist, die Ursache für den Wimmerwuchs, wie er auch genannt wird, zu klären. Neben dem Wuchsgebiet scheinen auch genetische Vorrausetzungen eine Rolle zu spielen. Obwohl die akustische Überlegenheit der Haselfichte immer wieder in Frage gestellt wurde, hat sich der italienische Klavierbauer Paolo Fazioli in jüngster Zeit nach eigenen Forschungen für die Haselfichte aus dem Fleimser Tal entschieden, aus der er die Resonanzböden für seine Flügel fertigt.
Für die Zargen, den Boden und den Hals von Streichinstrumenten wird bevorzugt Ahorn verwendet, der bei nicht zu hohem spezifischen Gewicht genügend hart und elastisch ist, um den auftretenden Druck- und Zugkräften durch den Stimmstock und den Saitenzug zu widerstehen. Im Geigenbau werden wiederum Hölzer mit Wuchsanomalien bevorzugt, die vom technisch-statischen Standpunkt als Fehler des Holzes gewertet werden. Der belgische Musikforscher Francois-Joseph Fétis (1784-1871) teilt in seinem 1856 verfassten Buch über Stradivari die Geschichte mit, dass der von den Altmeistern des italienischen Geigenbaues verwendete Ahorn aus Kroatien, Dalmatien und sogar aus der Türkei stammte und ursprünglich für den Galeerenbau vorgesehen war. Da aber die Türken stets in Rivalität oder gar kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Venetianern lagen, lieferten sie ein möglichst stark wimmerwüchsiges Holz, das leichter bricht als gerade gewachsenes. Aus diesem für die Ruder ungeeigneten und daher wertlosen Holz wählten sich die Geigenbauer die für den Streichinstrumentenbau geeigneten Stücke aus. Während beim Riegelahorn die charakteristische Quermaserung durch den wellenförmigen Wuchs der Holzfasern zustande kommt, die sich je nach Lichtbrechung verändert, sind beim Vogelaugenahorn kleine astähnliche Verwachsungen in der Oberfläche sichtbar.

Eine noch ältere Tradition im Instrumentenbau hat das Holz der Eibe. Der Nadelbaum wächst extrem langsam und liefert ein sehr hartes Holz, sodass auch das Splintholz, das sich durch seine helle Farbe deutlich vom Kernholz abzeichnet, verwendet werden kann. Die großen Wälder im Lechgau begünstigten die Entstehung der ersten Instrumentenbauschule Europas in Füssen, deren Meister sich bereits 1562 eine Handwerksordnung gaben. Da die begabtesten Meistersöhne nach Italien, Frankreich und Böhmen auswanderten, entstanden nicht nur neue Instrumentenbauzentren, sondern Füssener Lautenspäne wurden ein begehrter Handelsartikel. Eine Lautenmuschel konnte aus bis zu über 60 Spänen zusammengesetzt sein, wobei die nur einen Millimeter starken Streifen in radialer Richtung so aus dem Stamm geschnitten wurden, dass immer eine Hälfte aus dem hellen Splint- und die andere Hälfte aus dem dunklen Kernholz bestand. Zusammengesetzt erhielt so der Lautenkorpus ein zebrastreifenartiges Muster.

 

Wenn von teuren Instrumenten der Violinfamilie die Rede ist, wird oft vergessen, dass es auch eines Streichbogens bedarf, um diese zum Klingen zu bringen. Der Streichbogen hat eine ebenso lange Entwicklungszeit durchlaufen wie die Streichinstrumente selbst, und seine Fertigung ist eine hochspezialisierte Angelegenheit, bei der es auf Bruchteile von Millimetern ankommt. Der Beruf des Bogenmachers hat eine jahrhunderte alte Tradition, an deren Anfang die Suche nach den am besten geeigneten Bogenhölzern steht. Seine ersten Bogen schnitzte Francois Tourte (1747 - 1835), ein in die Geschichte eingegangener Bogenbauer, aus den Dauben von Zuckerfässern. Später ging er daran, die verschiedenartigsten Versuche mit allen ihm zugänglichen Holzarten aufzustellen, um das brauchbarste Material für die Bogen zu ermitteln. Nach zahllosen Versuchen kam er endlich zu der Überzeugung, dass das Brasilienholz in dieser Hinsicht von keiner Holzart übertroffen wird, da dieses Leichtigkeit, Festigkeit und Elastizität im nötigen Maße besitzt. Das zum Färben bestimmte Holz war damals nicht nur sehr teuer, sondern auch während des Krieges zwischen England und Nordamerika schwer zu bekommen. Gerade das Holz aber, welches den meisten Farbstoff enthält, ist zur Anfertigung der Bogen am tauglichsten. 

Der Baum, dem die Nation ihren Namen verdankt, wurde durch Raubbau und Abholzung der »mata atlantica«, des Küstenurwaldes im Bundesstaat Pernambuco, fast ausgerottet und ist heute nur mehr in botanischen Gärten und als Neuanpflanzung in öffentlichen Parks zu finden. Doch bereits der berühmte Geigen- und Bogenmacher Jean Baptiste Vuillaume (1798-1875) beklagte die Schwierigkeiten, Fernambukholz guter Qualität für die Bogenfertigung zu beschaffen. Es ist nicht verwunderlich, dass das Grammgewicht eines guten Bogens nicht mit Gold aufzuwiegen ist, besitzt doch das Fernambukholz bei nicht zu hohem spezifischen Gewicht eine hohe Spaltfestigkeit, die verhindert, dass der Bogenkopf unter dem Zuggewicht des Rosshaarbezuges abschert. Es kann zudem über der Flamme gebogen werden und behält diese Biegung über Jahrzehnte. 
Heute wird mit Kohlefaserbögen experimentiert, aber weltweit möchten die Bogenmacher auf ihre bewährten Fernambukstangen nicht verzichten und haben eine »International Pernambuco Conservation Initiative« gegründet, die sich in Zusammenarbeit mit brasilianischen Forstwissenschaftlern um die Wiederaufforstung dieses Baumes bemüht.

Lautenkorpus mit hellem Splint- und dunklem Kernholz der Eibe
Zarge und Boden einer Geige aus Ahorn

Die Schaffer Sägewerk Holzexport GmbH im steirischen Eppenstein beschäftigt derzeit 90 Mitarbeiter und erzeugt rund 90.000m³ Schnittholz pro Jahr. Ein kleiner Teil, nämlich 1.000m³ Fichtenholz, wandert als Klangholz für den Musik-instrumentenbau u.a. nach Deutschland und Japan. Was derzeit eine kleine, aber feine Marktnische für die Firma Schaffer darstellt, soll in den nächsten Jahren zu einem Weltmarktanteil von 20 Prozent des Gesamtbedarfs an Klangholz ausgebaut werden.

info
Schaffer Sägewerk
Holzexport GmbH
A-8741 Eppenstein
T +43 (0) 3577/ 82295
office@schaffer.co.at
www.schaffer.co.at