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Ode an den Bleistift

Isabella Marboe
Erschienen in
Zuschnitt 12: Holz in Bewegung
Dezember 2003 - März 2004

Mein Großvater war ein Mann wie eine Eiche: knorrig und wortkarg, mit verwittertem Gesicht und trittsicher wie eine Gämse. Er war Oberforstrat, wurde neunzig Jahre alt und hatte immer drei Dinge bei sich: Bleistift, Messer und Stock. Mit dem Bleistift dokumentierte er am Türstock das Wachstum des Kindes, löste Kreuzworträtsel, machte Notizen oder Naturstudien. Dieser Bleistift war mein erstes Schreibgerät und stand am Beginn einer lebenslangen Liebe. Brach er ab, nahm Opa das Messer, um ihn fachkundig zu spitzen. Geräusch und Geruch davon habe ich noch in Ohr und Nase.

»Man darf nur etwas Neues machen, wenn man etwas besser machen kann«, schrieb Adolf Loos. »Es gibt keine Entwicklung einmal gelöster Dinge. Sie bleiben in der gleichen Form durch Jahrhunderte, bis eine neue Erfindung sie außer Gebrauch setzt oder eine neue Kulturform sie gründlich verändert.«
Der Bleistift ist Jahrhunderte alt und bis heute unübertroffen. Legenden ranken sich um die Entdeckung des Graphits als Schreibmaterial. Sie dürfte um 1565 erfolgt sein. Bald kamen die ersten Holzhandwerker auf die Idee, sich aus den wertvollen, raren Graphitstücken und Holz ein Schreibgerät zu zimmern. Am 3. Jänner 1795 meldete der Ingenieur Nicolas Jacques Conté eine Erfindung zum Patent an, die die Bleistiftproduktion revolutionierte. Er entdeckte, dass sich reiner, staubfein vermahlener, mit Wasser und Ton vermischter Graphit durch Brennen härten und in starre Form bringen lässt. Bis heute werden Bleistiftminen nach diesem Verfahren erzeugt, bis heute ist das weiche, verleimte Zedernholz das ideale Ummantelungsmaterial.

Kein moderner Kugelschreiber, Filzstift, Faserschreiber oder Druckbleistift liegt nur annähernd so gut in der Hand wie der Klassiker aus Zedernholz, kein anderes Schreibgerät ist ähnlich vielseitig. Kindergartenkinder machen mit dem Blei erste Zeichenversuche, ungelenk schreiben Volksschüler damit die Lettern des Alphabets. Handwerker haben ihn hinters Ohr geklemmt stets bei sich, um Schnittlinien und Kanten an Werkstücken aufzutragen, Kaufleute und Buchhalter der älteren Generation führten damit ihre Listen.

Carlo Scarpa, Gustav Peichl, Friedrich Kurrent und viele andere Architekten vertrauen der Intuition der bleistiftführenden Hand die ersten Skizzen und Entwürfe an. Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer nutzten noch den Silberstift, doch auf Claude Lorrains Bildern finden sich schon Bleistiftgriffelspuren und ab dann ist er von der Kunst nicht mehr zu trennen .

Henri Toulouse - Lautrec, Gustav Klimt, Egon Schiele, Adolf Frohner, Arnulf Rainer, Günter Brus und viele junge Künstler finden im Bleistift ein Gerät, das der individuellen Geste im wahrsten Sinn des Wortes ein vielfältiges Ausdrucksspektrum bietet. Vom hingeschummerten Hauch bis zu expressiv- kraft voll aufgetragenen Strichen, die das Papier bis an die Rissgrenze malträtieren, lässt er sich in allen Grauschattierungen einsetzen. Die Bleistift-Zeichnung ist ebenso das strukturierende essentielle Gerippe so mancher Gemälde, wie sie als autonomes Werk Bestand hat. Der Bleistift beugt sich dem Charakter seines Nutzers, erweist sich milde gegenüber menschlicher Schwäche.

Obwohl er auf so gut wie allen Naturmaterialien haftet, kann man ihn problemlos ausradieren, im Gegensatz zum viel später erfundenen »Tintenkillerb« beliebig oft und weit spurenloser.
Ein Bleistift lässt sich bis zum Minenbruch in die Schreibunterlage bohren, in schnellem, nervösem Strich übers Papier jagen, diszipliniert mit gleicher Druckstärke ein Lineal entlang ziehen, stakkato artig in kleinen Punkten aufsetzen. Von der präzisen, zarten bis hin zur großzügig gerundeten, druckresistenteren Spitze erfüllt er seinen Zweck.

Härte und Farbgebung der Minen erweitern das Bleistiftfarbspektrum ins schier Unendliche. Schraffur, Überlagerung diverser Farben und Druckstärken, die Kombination mit wasserlöslichen Minen lassen keinen Wunsch offen. In einschlägigen Computerprogrammen muss man schon sehr beschlagen sein, um nur annähernd ähnliche Resultate zu erzielen. Die elegante Zedernholzfassung erträgt nervös kauernde Bissspuren geduldig, altert immer in Würde. Bis zum kleinen Stummel bleibt ein Bleistift so schön wie praktisch, tut seinen Dienst und vergeht, ohne der Umwelt zu schaden.

Text
Isabella Marboe
1970 geboren in Wien
1988 - 98 Architekturstudium an der TU Wien.
Arbeitet als freie Journalistin im Bereich Kunst/ Kultur/ Architektur bei diversen Medien, u.a. Konstruktiv, Die Presse, Architektur aktuell, DBZ, Der Standard.



Schematische Darstellung der Bleistiftspitze und der beim Schreiben auf sie ausgeübte Kräfte 

Verschiedene Möglichkeiten, Bleistiftminen mit Holz zu umschließen, darunter die heutige Methode zur Umhüllung runder Minen.

Alternatives, oft bei Conté-Minen angewandtes Verfahren

Bei natürlichem Graphit angewandtes Verfahren

Modernes Verfahren

Text

Isabella Marboe
  • geboren 1970 in Wien
  • 1988 - 98 Architekturstudium an der TU Wien
  • Arbeitet als freie Journalistin im Bereich Kunst/ Kultur/ Architektur bei diversen Medien, u.a. Konstruktiv, Die Presse, Architektur aktuell, DBZ, Der Standard

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